Tageblatt: Lenkrad, Gas und Bremse, Etappen auf öffentlichen Wegen und ein Beifahrer, der sagt was zu tun ist. Viel Unterschied ist nicht zwischen Ihrem gewohnten Rallyesport und Rallye-Raid, oder?
Charles Munster: Der Unterschied ist enorm! Angefangen damit, dass wir im Rallye-Raid die Pisten nicht kennen. Im Vergleich fährt man blind, alles ist unbekannt. Wobei mir besonders die Etappen in der offenen Wüste gut gefallen. Auch wie man das Rennen angeht ist anders, es ist wirklich eine andere Disziplin.
Sie fahren Rallye und jetzt auch Rallye-Raid. Wo liegt Ihre Präferenz?
Rallye-Raid ist derzeit der Löwenanteil meines Motorsports. Nach der Rallye Monte Carlo im Januar und ein paar weiteren Rallyeläufen habe ich mich seit dem Sommer auf diese Disziplin konzentriert. Ich fahre auch viel Enduro. Es gefällt mir, die Wege erst beim Fahren zu entdecken. Diese Erfahrung auf zwei Rädern hilft mir auch viel auf vier Rädern. Ich hatte zwei Läufe ausprobiert und Rallye-Raid liegt mir, mehr als der Rallyesport. Vieles ist zufällig („aléatoire“) und ich liefere eine bessere Performance. Ich hatte die Gelegenheit gesucht, mich im Rallye-Raid-Sport zu zeigen und ich habe sie jetzt gefunden.
Haben Sie die frühen gute Resultate eigentlich überrascht?
Nach ersten Erfahrungen im Vorjahr wollten wir ein gutes Resultat bei der Baja Aragon. Wir wollten versuchen, zu gewinnen und wir wussten, dass wir ein Winnerauto haben. Der Sieg hat uns dann eine Teilnahme an der Rallye in Portugal ermöglicht. Dort starteten viele große Namen und unser Ziel waren die Top 5. Aber gleich ab der ersten Etappe waren wir ganz vorne mit dabei.
Bei der Marokko-Rallye haben wir wegen der Dünen dann wieder gedacht, dass es schwierig werden würde. Viele Rallyepiloten haben Probleme im Rallye-Raid-Sport, kontrolliert schnell zu sein, nicht zu überreizen. Wir waren aber sehr gut unterwegs; uns ist dann allerdings unverschuldet auf der dritten Etappe das hintere Differential gebrochen, 20 Kilometer später dann auch das vordere. Auf der vierten Etappe haben wir im Staub nur um einen guten Startplatz für die Schlussetappe gekämpft. Hier fuhren wir auf der Etappe den Scratch, haben aber, wie viele andere Teams, auf der abschließenden Power Stage über 20 Kilometer einen Waypoint verpasst.
Die Dünen waren am Anfang richtig schwer. Man muss sie erst verstehen. Am Anfang ist das überhaupt kein Spaß.
Dünen sind ziemlich einmalig im Rallyesport. Wie war die Erfahrung für Sie?
Die Dünen waren am Anfang richtig schwer. Man muss sie erst verstehen. Am Anfang ist das überhaupt kein Spaß. Das Geheimnis ist, sie richtig zu lesen, die Tragfähigkeit vom Sand und auch die tückischen Abbruchkanten im Voraus zu erahnen und nicht nur eine, sondern eine nach der anderen schön flüssig zu fahren, im Flow. Dann wird Dünenfahren richtig toll und ist auch schnell.
Was ist aus Ihrer Sicht denn das Rezept eines guten Rallye-Raid-Piloten?
Man muss vielseitig sein, die Fähigkeit besitzen, in jedem Gelände schnell zu fahren. Sehr wichtig ist es, Team und Auto neutral einzustellen. Man muss wissen, wo man schnell sein kann, pushen kann. Und man muss immer in den Grenzen bleiben. Die Rennen haben 3.000 oder 5.000 Kilometer. Wenn man da überreizt, gibt es früher oder später einen Schaden am Fahrzeug.
In Marokko fuhren Sie erstmals mit dem sehr erfahrenen Xavier Panseri als Co-Piloten. Der 54-Jährige könnte Ihr Vater sein, wie klappte das?
Marokko war einfach super. Xavier ist gleichzeitig sehr ruhig und sehr offen. Er ist sehr überlegt und navigiert schnell. Er hilft mir auch ein wenig, den richtigen Rennrhythmus zu treffen. Und wenn er an einer Stelle mal Probleme mit der Navigation hat, stresse ich ihn nicht, indem ich ständig frage und Druck erzeuge. Es ist besser bei einer Unsicherheit mal 20 Sekunden liegen zu lassen, als sich richtig zu verirren.
Wieso starten Sie eigentlich in der neuen, kleinen Challengerkategorie? Vom Rallyesport sind Sie doch PS-stärkere Fahrzeuge gewohnt.
Die Kategorie verlangt ganz einfach ein ganz anderes Budget. In der Challengerkategorie kann ich viel lernen, viele Kilometer absolvieren und mich zeigen. Vielleicht kann ich in drei oder fünf Jahren dann in die Ultimateklasse aufsteigen.
Was ist das Spezielle an der Challengerkategorie?
Mit maximal 1.000 Kubick müssen die Autos mindestens 950 Kilo wiegen und die Höchstgeschwindigkeit ist auf 135 Stundenkilometer begrenzt. Aber die Fahrzeuge sind enorm spielerisch und du kannst mit den enormen Federwegen über viele Hindernisse einfach hinwegrollen. Beim Chassis sucht man nicht die bestmögliche Performance, sondern bevorzugt Stabilität und Zuverlässigkeit.
Was sind Ihre Ziele für die Dakar?
Die Dakar ist neu für mich, deshalb will ich lernen, das Ziel erreichen und Erfahrung sammeln. Wir haben uns kein Resultat vorgenommen und ich will keinen zusätzlichen Stress oder Druck. Ich versuche, das Rennen wie jedes andere anzugehen und hoffe, dass wir keine größeren Probleme bekommen. Kleine hat jeder.
Ich versuche, das Rennen wie jedes andere anzugehen und hoffe, dass wir keine größeren Probleme bekommen. Kleine hat jeder.
Bereits als kleiner Junge schauten Sie begeistert Berichte der legendären Dakar. Wie hat sie sich seit den abenteuerlichen Anfangstagen verändert?
Ich fahre die Dakar ja erst und muss dann mal verstehen, was das bedeutet. Die Autos wurden aber viel zuverlässiger und alles hat sich verbessert. Die Abstände zwischen den Konkurrenten sind heute viel enger. Aber wenn man jeden Tag in die Top Ten fährt, hat man nachher ein richtig gutes Resultat.
Wie gut konnten Sie sich auf die Dakar vorbereiten?
Körperlich müsste ich mehr machen, aber ich war letztens mit dem Team in Kenia und konnte da wenig tun. Aber man muss vielseitig sein, kein Muskelprotz. Zwei Jahre lang habe ich Wettkampfmechaniker gelernt und danach zwei Jahre lang an meinen eigenen Autos geschraubt. Damit reicht es, wenn wir uns die Tage vor dem Rennen die wichtigsten Teile vom Auto anschauen.
Bei dieser Dakar startet auch Ihr Bruder Grégoire. Versuchen Sie das Abenteuer gemeinsam anzugehen?
Jeder hat sein eigenes Team. Aber wir wollen probieren, uns beispielsweise beim Essen zu treffen. Da wir bereits am 30. anreisen, ist es schön, dass er da ist. Sonst hätte ich Neujahr alleine gefeiert. Ich weiß jetzt nicht, ob einer auf der Etappe stehen bleiben wird, um dem anderen zu helfen. Das hängt wohl auch vom Rennverlauf ab. Aber stehen bleiben, um zu wissen was los ist, das sicher. Es ist cool, dass wir beide Brüder starten.

Herausforderung für Grégoire Munster
Neben Charles wird auch sein zwei Jahre älterer Bruder Grégoire bei der Rallye Dakar an den Start gehen. Kurzfristig springt er auf einem Ford Raptor seines gewohnten M-Sport Teams als Navigator ein und wird in Saudi-Arabien insbesondere auf den 4.840 Kilometern Sonderprüfung in seiner neuen Rolle mächtig ins Schwitzen kommen.
Wie wenn das Abenteuer Dakar nicht schon groß genug wäre, entdeckt Rallye-Werksfahrer Grégoire Munster die Tücken als Rallye-Raid-Beifahrer vornehmlich bei der weltgrößten Veranstaltung. Nachdem dessen vorgesehener Beifahrer relativ kurzfristig absagen musste, wird er den Griechen Jourdan Serderidis auf einem Ford Raptor in der Prototypenklasse T1+ navigieren. Als Drittplatzierte der East African Safari Classic Rally hatte das Duo Anfang Dezember noch schnell gemeinsame Erfahrung auf einem Porsche 911 gesammelt.
Nur 48 Stunden nach der Schlussetappe stehen für Grégoire Munster dann bereits die Erkundungsfahrten der Rallye Monte Carlo auf dem privaten Ford Puma Rally1 seines langjährigen Mentors Serderidis an.
De Maart
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