SerbienHoffnungsträger und Feindbild: Der serbisch-orthodoxe Bischof Grigorije erhält Todesdrohungen

Serbien / Hoffnungsträger und Feindbild: Der serbisch-orthodoxe Bischof Grigorije erhält Todesdrohungen
Im Innern der Sankt-Sava-Kirche in Belgrad: Serbiens Präsident Aleksandar Vucic scheint in Bischof Grigorije einen ernsthaften Rivalen zu sehen Foto: AFP/Oliver Bunic

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Ausgerechnet im fernen Deutschland wittern Serbiens Machthaber neue Gefahr: Für Kritiker des Präsidenten Aleksandar Vucic ist der serbisch-orthodoxe Diaspora-Bischof Grigorije ein Hoffnungsträger, für regierungsnahe Medien das neue Feindbild.

Die einen mögen ihn, die anderen hassen ihn: An Bischof Grigorije von Düsseldorf scheiden sich in Serbien die Geister. Als unerschrockenen Mahner und Kirchenerneuerer feiern die Kritiker des allgewaltigen Präsidenten Aleksandar Vucic ihren Hoffnungsträger. Als „Wolf im Schafpelz“ und „Zerstörer der Einheit“ der serbisch-orthodoxen Kirche schmäht die regierungsnahe Boulevardpresse den Kirchenmann. „Die Machthaber haben Grigorije zum Staatsfeind gemacht“, so das Portal „nova.rs“.

Von angeblichen Plänen einer Präsidentschaftskandidatur, ihm zugeschriebenen Liebesaffären, luxuriösem Lebenswandel bis hin zu schmutzigen Geschäften in seinem früheren Bistum in Bosnien reicht die Palette der Vorwürfe die gegen den 53-Jährigen von Revolverblättern, Politikern und in regimetreuen Kirchenkreisen verbreitet werden: Je näher der Termin der am 18. Februar geplanten Wahl des Nachfolgers des im November an einer Corona-Infektion verstorbenen serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej rückt, desto stärker erklingt das öffentliche Trommelfeuer gegen den populären Diaspora-Bischof.

Der „Maserati-Bischof“ agiere wie ein „Mafia-Boss“, lästert das regierungsnahe Boulevard-Blatt „Informer“. „Dieser Bischof ist bereit, zu töten“, wütet Goran Vesic, einer der führenden Politiker der regierenden SNS. Keineswegs fromme Drohungen aus rechtsklerikalen Kirchenkreisen werden auch im Web laut.

Man müsse die „Feinde der Kirche verbluten“ lassen, forderte in dieser Woche per Facebook ein gewisser Srdjan Krunic, Schriftenleser im Kloster Vavedenje mit rechtsextremer Vergangenheit: „Wir müssen die Verräter in den eigenen Reihen liquidieren – als erstes die Hure Grigorije.“

Ende der „kriminellen Autokratie“

Mit Sicherheit ist der 1963 im bosnischen Vares als Mladen Duric geborene Bischof einer der auffälligsten Kuttenträger in den Reihen der Serbisch-orthodoxen Kirche. Schon äußerlich hebt sich der weltgewandte Kirchenmann von seinen Bischofskollegen im Heiligen Synod ab. Statt einem langen Rauschebart trägt er seinen Vollbart modisch gestutzt. Der Würdenträger lässt sich keineswegs nur in prächtigen Soutanen und Chorgewändern, sondern auch in Zivilkleidung ablichten: Gerne trägt der Bischof helles Leinen.

Doch vor allem seine Botschaften sind es, die in Serbien für medialen Wellenschlag sorgen. Unverblümt kritisiert der relativ liberale Kirchenmann die gegenwärtigen Zustände in dem vom autoritär gestrickten Staatschef Aleksandar Vucic mit harter Hand geführten Balkanstaat.

Ob er die Partei- und Vetternwirtschaft oder die „Flucht“ seiner Landsleute in die Emigration beklagt, staatliche Investitionen in Krankenhäuser statt für Kirchenbauten fordert, die Gewaltexzesse der Polizei gegen Regierungsgegner geißelt oder das Ende der „kriminellen Autokratie“ auf dem Balkan ankündigt: Aus seinem Missfallen über Serbiens irdisches Jammertal macht er keinen Hehl.

Schon als Student demonstrierte er Anfang der 90er Jahre gegen das Regime des Autokraten Slobodan Milosevic. Viele der heutigen Machthaber standen damals auf der anderen Seite. Präsident Vucic diente Milosevic als Informationsminister, der Parlamentsvorsitzende Ivica Dacic war dessen Sprecher und Innenminister Aleksandar Vulin einer der führenden Köpfe in der JUL-Partei der Milosevic-Gattin Mirjana Markovic.

Andere erlagen bereits Todesdrohungen

Doch es ist vor allem ein TV-Interview, das Serbiens Machthaber ausgerechnet im fernen Düsseldorf neue Gefahr wittern lässt. Es müsse ein System geschaffen werden, in dem nicht mehr alles von einer Person abhänge, antwortete der Bischof Anfang Januar auf die Frage, ob er selbst der „Retter“ sein könne . Sein „Plan“ sei es, junge, gut ausgebildete und „tapfere“ Leute zu sammeln, die bereit seien, sich „für Serbien zu opfern und ein rechtsstaatliches System aufzubauen“.

Obwohl der Bischof Fragen nach einer etwaigen Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2022 stets verneint hat und auch kaum Chancen auf den verwaisten Patriarchen-Sitz zu haben scheint, trifft ihn der Ingrimm des Systems nun mit voller Wucht. Bei den Todesdrohungen gegen den Soutanenträger fühlen sich seine Anhänger ungut an den 2003 ermordeten Reformpremier Zoran Djindjic oder an den 2018 erschossenen Kosovo-Politiker Oliver Ivanovic erinnert: Beiden Attentaten gingen mediale Hetzkampagnen voraus.

Selbst schweigt sich der Gottesmann wegen der 40-tägigen Trauer über den Tod seiner verstorbenen Mutter zu den über ihn verbreiteten Vorwürfen aus. Bei Verleumdungen gebe es keinen anderen Ausweg, als die Last auf das „Meer der Gnade Gottes zu legen“, so der Bischof in seiner letzten Predigt: „Darum haben wir als Christen keine Angst vor dem Leben. Gott wird alles auf sich nehmen.

DanV
8. Februar 2021 - 13.25

@ J.Scholer Das Gegenteil ist der Fall. Hätte die katholische Kirche ihr starres Weltbild gelockert, wäre sie in den westlichen Ländern nicht dem Untergang geweiht. Aber dieser rückwärtsgewandte Männerclub muss ja unbedingt an der vermeintlich männlichen Vormachtstellung festhalten (wéi de Geck um Béngel). Die katholische Kirche hat ihren Untergang selbst eingeläutet, als sie sich der Erneuerung verschloss. Lesen Sie die Geschichte von Roger Spautz zur "Lex Kirpach (1881)". Im Zuge der Demokratisierung der Gesellschaft sollte die allgemeine Schulpflicht (auch für arme Familien!) eingeführt werden. Die Kirche hat sich vehement gegen solche "Zwangsschulen" gewehrt und wollte nur klerikale Privatschulen für zahlungskräftige Familien zulassen. Dazu kommen die kontinuierlichen Bemühungen der Kirche, Frauenrechte im Keim zu ersticken. Gleichwertigkeit der Frauen wird in der Kirche heute noch nicht anerkannt, von Gleichstellung und Gleichberechtigung gar nicht zu reden. Solche und ähnliche Haltungen haben dazu geführt, dass die Kirche hierzulande und in ganz Westeuropa nicht mehr glaubwürdig ist. Sie ist eine kleine diskriminierende Insel im demokratischen Europa-Meer, noch geduldet, aber wer weiß ... Spirituelle Wege gibt es viele. Man braucht dafür keinen Paschtouer und keinen Papst. Ich wünsche der serbisch-orthodoxen Kirche, dass sie nicht die selben Fehler macht.

J.Scholer
6. Februar 2021 - 7.42

Wenn die serbisch-orthodoxe Kirche Grigorije mit seinen modernen, liberalen Religionsansichten gewähren lässt, wird die serbisch-orthodoxe Religion ,wie die katholische Religion langsam aber sicher dem Untergang geweiht sein