Dienstag6. Januar 2026

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„Wer seid ihr Indianer eigentlich?“

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Dan Kolber ist seit Ende August als Austauschschüler für zehn Monate von Gosseldingen nach Blackfoot, Idaho, gereist. Von dort schreibt er jeden zweiten Samstag im Tageblatt über seine Erlebnisse und Eindrücke. Dass Dan Kolber interessante Texte schreiben kann, hat er in den letzten Jahren bereits in der Jugendbeilage „Extra“ und in unserer Kulturrubrik bewiesen. Heute...

Dan Kolber

Wie so viele bin auch ich schon einmal Indianer gewesen. Ich blicke zurück und bin plötzlich wieder ein Kind, stopfe mir eine bunte Feder ins Haar, färbe meine Wangen mit glühender Kriegsbemalung, springe ums Lagerfeuer herum und berausche mich an der wunderschön primitiven Natur der wilden Indianer, dieser „Rothäute“, die ständig in Büchern und im Fernsehen durch die Steppe reiten und mit Pfeilen auf Cowboys schießen. Aus was für Gründen auch immer.

Auf jeden Fall ist es unheimlich spannend. Und ich grinse und lache, während ich mich mit fremden Federn schmücke; ich schmücke mich in Wahrheit mit den bedeutsamen, blutbefleckten Symbolen einer Kultur, die mit Herz und Seele jahrelang für die Akzeptanz eben dieser Symbole kämpfen musste, und in tiefgehender Form immer noch kämpft.

Anerkennung ist wichtig

Natürlich ist es nicht anmaßend, wenn man sich einer Kultur bedient, um für ein paar Tage Spaß zu haben und die eigene kulturelle Tradition auszuleben (wie z.B. Karneval). Tragisch wird es dann, wenn man sich eher eines Witzes, einer fiktiven Realität bedient, die mit der dramatischen Wahrheit einfach nicht in angemessener Relation steht. Wir bedienen uns einer Kultur erst dann, wenn wir sie als solche durch ein etwas weiterführendes Interesse anerkennen, folglich indirekt bestätigen und respektieren.

Diese Anerkennung ist wichtig, wichtig gerade im Kontext der Geschichte der Indianer: eines Volkes, das mit seinem Blut und seinem kulturellen Selbstverständnis dafür bezahlt hat, einfach nur existieren zu dürfen. Von dieser Kultur borgen wir jetzt, und was Anständigeres könnten wir tun, als ihnen im Gegenzug eine Frage zu schenken?

Diese Frage wäre dann simpel und zugleich kostbar; für uns eine Kleinigkeit, für die Indianer Belohnung für einen jahrzehntelangen Überlebenskampf: „Wer seid ihr Indianer eigentlich?“

Eine scheinbar unwichtige Frage im Kontext eines Fastnachtsumzugs, aber bedeutend, wenn man bedenkt, dass diese Indianerkleidung an sich kein Fastnachtkostüm ist. Nein, an diesem Kleidungsstück klebt das Blut eines von den „Weißen“ vergewaltigten Volkes, dem maßlose Ungerechtigkeiten angetan wurden, deren Schuldige nie bestraft wurden. Dieser Konflikt gärt noch immer, die Konsequenzen wuchern noch und man kann dieses ganze Dilemma nicht auf permanente Weise banalisieren, als wäre es schon Geschichte.

Denn was ich in meiner Zeit mit den Indianern aus Gesprächen und Büchern gelernt habe, ist, dass dieses Volk, dessen kulturelle Identität wir „Weißen“ fast zerstört haben, sogar heute noch schwer mit seinem kulturellen Selbstverständnis zu kämpfen hat.

Auf Äußerlichkeit limitieren

Indem wir diese Kultur aber nun zum Spaß auf ihre Äußerlichkeit limitieren, gestehen wir den Indianern unbewusst nicht einmal das bisschen Identität zu, das man ihnen in Amerika nach Jahren der skrupellosen Verfolgung und Deportation dann schlussendlich im Grunde noch ließ: als Kultur anerkannt zu werden, als Kultur, die lebt, die man respektiert und deren Vergangenheit man in Betracht zieht.

Denn was bringt es den „Native Americans“, wenn sie weltweit in Stereotypen erstickt werden? Dann sind sie zwar auf allen Kostümfesten der Welt präsent, aber in Form von sinnfreien und hohlen Kostümierungen, symbolisch als verstorbene Kultur gleich neben dem Ritterkostüm.
Wir „Weißhäute“ haben uns am indianischen Volk vergangen und haben deshalb jetzt die Verantwortung, sie zu unterstützen und zu bestätigen, wo es nur geht. Und sei es nur, indem wir uns bevor wir eine Feder ins Haar stecken, fragen warum.

Ich lebe nun seit sechs Monaten inmitten der Indianer des Shoshone-Bannock-Stammes; genauer gesagt im Fort-Hall-Indianerreservat.
Mir ist klar geworden, dass es hier um das Überleben einer wunderschönen Kultur geht, die unsere westliche Zivilisation stark beschädigt hat, welche aber noch lebt, und die wir nicht noch mehr durch massenhaft verbreitete Stereotypen, gepaart mit Gleichgültigkeit, aushöhlen sollen. Warum nicht sich als Indianer verkleiden und sich eine Feder ins Haar stecken? Man sollte sich nur klar werden, dass das mehr ist als die kulturellen Überbleibsel von einigen Wilden; und man sollte es als Ehre verstehen, sich diese Feder ins Haar stecken zu können.