Donnerstag1. Januar 2026

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KinowocheLe procès pas si obscur d’un juif polonais né en France

Kinowoche / Le procès pas si obscur d’un juif polonais né en France
Allen voran waren Goldmans Memoiren mit dem atemberaubenden Titel „Souvenirs obscurs d'un juif polonais né en France“ eine Referenz für das Drehbuch Foto: Ciné Art

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„Le procès Goldman“ ist ein Zeitdokument, welches auf einem ersten Level ein Post-68-Frankreich unter Giscard d’Estaing porträtiert, in dem jedoch ganz starke Parallelen zu Macrons Frankreich gezogen werden können.

Es vergehen kaum Wochen, ohne dass sich die selbsternannte Geburtsstätte des Autorenkinos dem Genrekino hergibt. Der fantastische Film hat es dabei den französischen Filmemachern besonders angetan. Vor einigen Wochen lief Guillaume Canet vor ätzendem Regen davon („Acide“ von Just Philippot) und diese Woche verwandeln sich Roman Duris’ Mitmenschen in Tiere („Le règne animal“ von Thomas Cailley). Aber auch Biopics sind den Franzosen schon lange nicht mehr fremd – eines über Abbé Pierre steht schon in den Startlöchern. Die Geschichte von Pierre Goldman könnte auch ein solides Biopic hergeben: linker Revolutionär, Liebling von Simone Signoret und Régis Debray, Sohn polnischer Juden, Guerilla-Kämpfer in Südamerika, Halbbruder von Jean-Jacques, Räuber, Schriftsteller und potenzieller Mörder.

Der Pierre Goldman von Cédric Kahns neuem Film – der die diesjährige Quinzaine in Cannes eröffnet hat – ist nichts mehr von alledem. Er ist nur noch Angeklagter. Im Geschworenengericht von Amiens kommt es nämlich zum zweiten Prozess um seine Person. Es geht vor allem um den Anklagepunkt, für den Tod von zwei Apothekerinnen verantwortlich zu sein. Die anderen Raubüberfälle, die ihm vorgeworfen werden, bestreitet Goldman keineswegs. Mit den Morden will er jedoch nichts zu tun haben. Es beginnt ein höchst mediatisierter Prozess, bei dem nicht nur eine lebenslängliche Gefängnisstrafe, sondern sogar die Todesstrafe im Raum steht.

Ein Gerichtsfilm also. Das neue Genre „de prédilection“ für Autoren, vor allem Autorinnen des französischen Kinos. Ein Genre, welches sich über die letzten Monate als Garant für Erfolg herausgeschält hat. Justine Triets „Anatomie d’une chute“ konnte so die Goldene Palme einheimsen und an den Kinokassen Frankreichs, trotz Anfeindungen aller politischen Art, mächtig abräumen. Ein Film, den die Filmemacherin mit ihrem Lebenspartner und Regisseur Arthur Harari geschrieben hat. Harari ist jetzt bei Kahn in der Rolle von Goldmans Anwalt Georges Kiejman zu sehen. Die Welt ist klein. Auch in Frankreich.

Dialektisches Kunststück

Besser ist es jedoch, den Bezug zu einem anderen Film herzustellen. „Saint Omer“ von Alice Diop kommt auf den ersten Blick Kahns Film näher, da beide Filme von einer formalen Zurückhaltung, die sie ungewöhnlich erfrischend machen und aus der großen Masse an Gerichtsfilmen herausheben, leben. Bei Kahn geht es vor allem um die Sprache. Um die Gegenüberstellung von suggestiver und objektiver Sprache, und wie sich jede.r ihrer bemächtigt, um seinen oder ihren Punkt zu untermauern – ein dialektisches Kunststück, das jedoch nicht auf dem genauen Wortlaut des Goldman-Prozesses basiert (zu der Zeit wurden noch keine Anhörungsniederschriften geführt), sondern aus mehreren Quellen journalistischer und literarischer Natur zusammengesetzt wurde. Allen voran waren Goldmans Memoiren mit dem atemberaubenden Titel „Souvenirs obscurs d’un juif polonais né en France“ eine Referenz für das Drehbuch.

„Le procès Goldman“ ist aber auch ein Zeitdokument – ein Dokument, welches auf einem ersten Level ein Post-68-Frankreich unter Giscard d’Estaing porträtiert, in dem jedoch ganz starke Parallelen zu Macrons Frankreich gezogen werden können. Kahn inszeniert seinen Prozess als eine Reihe von Gegensätzlichkeiten. Natürlich jene von Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge, aber auch jene von rechts und links, schwarz und weiß und Mann und Frau. Der bemerkenswerteste Gegensatz ist jedoch der zwischen Goldman und seinem Anwalt Kiejman. Zwei laizistische Kinder osteuropäischer Juden, die aus ärmlichen Verhältnissen heraus versuchen, ihr Leben zu machen. Während Goldman derjenige ist, der von den Geistern der jüdischen Familienerfahrung des Zweiten Weltkriegs verfolgt wird, versucht Kiejman, die Opferrolle abzustreifen, um seine Vergangenheit anders zu kanalisieren. Sein Plädoyer am Ende des Prozesses ist damit das eigentliche Herzstück des Films und nicht etwa die Urteilssprechung.

All das erzählt Cédric Kahn nur anhand des Gerichts-Dispositivs – keine Flashbacks oder Einblendungen, keine Rekonstruktionen und anderweitig dramatischen Stilmittel. Trotzdem ist der Film alles andere als abgefilmtes Theater. Hervorzuheben ist die hervorragende Ensemblearbeit, ohne die das formale Konstrukt ins Leere greifen würde. Ob Goldman schlussendlich schuldig oder unschuldig ist, bleibt dabei zweitrangig.

Le procès Goldman von Cédric Kahn, mit u.a. Arieh Worthalter, Arthur Harari, Stéphan Guérin-Tillié und Nicolas Briançon. Zu sehen im Ciné Utopia.