Dienstag6. Januar 2026

Demaart De Maart

LiteraturKäse und Bomben: Thomas Pynchons letzter Roman „Schattennummer“ ist eine Irrfahrt durch die 1930er-Jahre

Literatur / Käse und Bomben: Thomas Pynchons letzter Roman „Schattennummer“ ist eine Irrfahrt durch die 1930er-Jahre
US-Prohibitionsbeamte nehmen bei einer Razzia eine Bar auseinander Foto: U.S. National Archives and Records Administration

Jetzt weiterlesen!

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben:

Oder schließen Sie ein Abo ab:

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Endlich wieder ein Lebenszeichen von Thomas Pynchon, einem der rätselhaftesten Autoren der Weltliteratur. Der im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienene Roman „Schattennummer“ ist sein erstes Buch seit zwölf Jahren – und führt die Leser wieder in sein ureigenes Universum voller historischer Bezüge.

„Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie.“ Was für ein Satz! Was für ein Anfang für einen Roman! Als würde der Autor gleich mit den ersten Sätzen seines neuen Buches zeigen, dass er in einer eigenen Liga schreibt. Mit „Schattennummer“ kommt Thomas Pynchon schnell zur Sache. Er deutet nicht nur an, sondern spricht es klar an: „Weiter südlich am See, in Chicago, sind die Zeiten hart, der Wind hat gedreht, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta, das Syndikat ist sprunghaft und unberechenbar geworden, und wer einen Vorwand braucht, schleunigst zu verschwinden, fährt nach Milwaukee, wo selten was Schlimmeres passiert, als dass einem jemand einen Fisch klaut.“

Die Einleitung in jene Zeit Anfang der 1930er Jahre, als Amerika in der Großen Depression steckte, ist Pynchon in meisterhafter Manier gelungen. Dass Big Al niemand anderes ist als der berüchtigte Gangsterboss Alphonse Gabriel Capone, der Archetyp des amerikanischen Mobsters, liegt schnell auf der Hand. Der Spross neapolitanischer Einwanderer war in New York geboren und aufgewachsen, berühmt wurde er in Chicago. In den Roaring Twenties geriet die Stadt am Lake Michigan zu dem, was sie jahrelang war: zum Gangsterparadies.

Auch Milwaukee, die Bier- und Milchstadt im US-Bundesstaat Wisconsin, leidet 1932 noch unter der Alkohol-Prohibition, die erst im Dezember 1933 aufgehoben wird und lange nur mit dem Schmuggel über Kanada umgangen werden kann. Das Metier von Stuffy Keegan. Der Alkoholschmuggler wäre in seinem Transporter beinahe einem Bombenattentat zum Opfer gefallen. Er flüchtet in einem U-Boot aus dem Armeebestand der österreichisch-ungarischen Monarchie des Ersten Weltkriegs. Derweil versucht Privatdetektiv Hicks McTaggart, der jahrelang als Streikbrecher für Unternehmen aktiv war, Keegans Geschichte auf den Grund zu gehen. Bis der Bogart-Wiedergänger einen lukrativeren Auftrag erhält: Er soll Daphne Airmont, die Tochter des Käsebarons Bruno Airmont von Wisconsin, ausfindig machen, die mit dem Klarinettisten einer Swingband durchgebrannt ist.

Voltenreiche Spionage- und Detektivgeschichte

Pynchon hat eine an Volten reiche Spionage- und Detektivgeschichte im Zeitalter der Extreme erzählt, die sich im selben Stil fortsetzt, als McTaggart sich, nachdem er betäubt worden war, auf einem Schiff wiederfindet und in Europa landet. Dort führt ihn seine Reise von Wien über Budapest und Transsilvanien bis an die kroatische Adriaküste. Zum Personal des Romans gehören eine Agentin, die eine Moto Guzzi fährt, eine Gruppe von Dracula-Abkömmlingen, die sich als Faschisten entpuppen, Geheimdienstler, Strippenzieher, Paraphysiker, Verfolgte und Verfolger.

Die Figuren wirken etwas comichaft und sind Teil eines unübersichtlichen und wilden Geschehens. Wie so oft gibt es eine Fülle von Personen, was Pynchon häufig negativ ausgelegt worden ist. Die einzelnen Episoden und schnell wechselnden Szenen sind miteinander verknüpft und über einen Bogen gespannt, ohne dass sich ein wirklich linearer Plot entwickelt – den man bei Pynchon auch nicht erwartet.

Grob zusammengefasst geht es im neunten Roman des Schriftstellers um Gewalt, Macht und die Schattenseiten des Kapitalismus. Der Autor hat einmal mehr einen historischen Roman geschrieben, der an „Mason & Dixon“ (1997) erinnert, jene Geschichte über die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland und die Aufteilung in Nord- und Südstaaten, aber ebenso an den 1.600-Seiten-Wälzer „Gegen den Tag“ (2006), der in der Zeit zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielt. Auch dieser ist eine Detektivgeschichte mit Spionen.

Politik, Geschäft und Gangstertum

Im Vergleich zu den beiden genannten Romanen oder dem 1.200-seitigen Opus Magnum „Die Enden der Parabel“ (1973, Gravity‘s Rainbow“) ist „Shadow Ticket“, so der Originaltitel, mit 400 Seiten eher schmal geraten. Er knüpft vielmehr an „Natürliche Mängel“ („Inherent Vice“, 2009) und „Bleeding Edge“ (2013) an, beide ähnlich „kurze“ Krimis mit „hard boiled“ Dialogen. Figuren wie Don Peppino Randazzo oder Angie „Vumvum“ Voltaggio tragen Borsalinos, glänzende Anzüge und Kamelhaarmäntel. Sie wechseln ebenso schnell wie die Schauplätze, Rückblenden erschweren etwas den Überblick. Während Bomben explodieren und Bandenkämpfe toben, wird McTaggart von zwei FBI-Polizisten die Mangel genommen. Die Grenzen zwischen Politik, Geschäft und Gangstertum sind längst verschwommen.

Thomas Pynchon als Marinesoldat (1955/56)
Thomas Pynchon als Marinesoldat (1955/56)  Foto: U.S. Navy

Erinnert sei an die aktuellen Vergleiche, die etwa der amerikanische Historiker Martin Jay zwischen dem derzeitigen Präsidenten Donald Trump und einem Mafia-Paten zog. Trumps autoritäre Herrschaft ähnle dem Racketeering des organisierten Verbrechens. Nicht weit davon entfernt lauert der Faschismus. Dass die USA einmal von diesem bedroht sein würden, hätte selbst Pynchon, mittlerweile 88 Jahre alt und seit den 60er Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, wohl nicht gedacht.

Seine Hauptfigur McTaggart sehnt sich in Europa nach Milwaukee zurück, „in ein noch nicht faschistisch gewordenes Land“, wie er sagt. Wie so oft arbeitet Pynchon mit historischen Parallelen. Die Detektivgeschichte ist dabei nur Nebensache. Dafür besitzt der Autor genügend Sinn für Absurdität und neigt zu erzählerischer Sprunghaftigkeit. Die Lektüre beweist einmal mehr, wie Pynchons Universum reich und überbordend an Einfällen ist.

Ein Phantom in der literarischen Welt

Pynchon ist von Mythen umrankt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente er in der US-Marine Er spricht ausschließlich durch sein stets sprachlich brillantes und nicht weniger skurril-witziges, durch sein Faible für Verschwörungstheorien düster-paranoides Werk, das aus neun Romanen und einem Erzählband besteht: von seinem Debüt „V.“ (1963) über „Die Enden der Parabel“ bis heute – Pynchon geistert wie ein Phantom durch die literarische Welt: Fotos gibt es wenige von ihm, Interviews hat er nie gegeben. Nur bei den „Simpsons“ hatte er Auftritte, mit einer Papiertüte über dem Kopf.

Die Übersetzung des Duos Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren ist einmal mehr größtenteils bravourös gelungen und überträgt den teils ironischen Grundton ins Deutsche. Manchmal wird dabei über die Stränge geschlagen und alle möglichen Käse-Präfixe überstrapaziert, von einer „käsebasierten“ Macht über das „Internationale Käsesyndikat“ (InKäSyn) bis hin zum Käsebetrug und zur Käsefälschungskartell. Käsebetrug sei eine Metapher, ein Vorwand, eine Fassade für etwas Geopolitischeres, erklärt EgonThomas
Praediger, ein kokainsüchtiger Wiener Polizist. Bei „Die Enden der Parabel war es noch ein multinationales „Glühbirnenkartell“. Heute sind es „Lichter unter dem Eis“ des Lake Michigan. Diese nähern sich „unskalierter Ferne, trübe Halos, die langsam an Schärfe gewinnen und eine schlanke schwarze Kontur beleuchten, sie nähern sich und werden heller“.

Wie Pynchons andere Romane „glüht“ auch dieser vor Fabulierkunst und spielt in einer Zeit des Wandels und der Umwälzung, denen seine Figuren unterworfen sind. Man sollte von dem Autor kein Statement zur Trump-Ära erwarten. Er leistet weder eine Diagnose der Gegenwart – sondern ist eher zeitlos – noch eine Lösung. Die Gesellschaft befindet sich in einer Gewaltspirale, scheint vor die Hunde zu gehen und driftet dabei ins Groteske ab. Gewalt und Rassismus waren schon immer Teile der amerikanischen DNA. Doch alles bleibt zu sehr an der Oberfläche. Der frühere Pynchon hätte noch ein paar hundert Seiten tiefer nach dem Grund gegraben.

Ein wichtiges Motiv von „Schattennummer“ ist nicht zuletzt das Heimweh: nach einem Amerika der Kindheit, nach dem Jahrzehnt unserer Geburt, wie es in „V.“ heißt, nach einem Milwaukee ohne Gangsterkriege, nach einem Wisconsin vor der Prohibition. Wie es bei Pynchon oft der Fall ist, scheint es eine Suche nach etwas zu sein, von dem man nicht weiß, ob es überhaupt existiert. Nicht zuletzt beschreibt er eine clowneske Welt, der die wirkliche, in der wir leben, mit ihren politischen Horrorclowns, in nichts mehr nachsteht.


Thomas Pynchon: Schattennummer. Rowohlt Verlag. Hamburg 2025. Gebunden. 400 Seiten. 26 Euro.