Alain spannt den Bogen„Den Ring muss ich haben“: Die Aufnahmegeschichte von Wagners „Ring des Nibelungen“

Alain spannt den Bogen / „Den Ring muss ich haben“: Die Aufnahmegeschichte von Wagners „Ring des Nibelungen“
Florence Easton als Sieglinde: Die Britin hat fast jede Sopran-Rolle im Werk Wagners übernommen Foto: Library of Congress, Bain News Service, Public domain, via Wikimedia Commons

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Im August 1876 wurde Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus unter der Leitung von Hans Richter uraufgeführt. Während sich der erste Teil dieser Serie (siehe Tageblatt vom 8. Mai) mit den 13 Live-Mitschnitten in dem auch als Richard-Wagner-Festspielhaus bekannten altehrwürdigen Gebäude befasste, steht heute ein historischer Rückblick auf die allerersten Aufzeichnungen an.

2026 wird das 150-jährige Jubiläum dieses 16 Stunden dauernden und auf vier Abende verteilten Riesenwerks gefeiert und bereits jetzt sind viele Opernhäuser dabei, ihre eigene Ring-Produktion vorzubereiten. Erfreulich ist es, zu sehen, dass nicht nur die großen Opernhäuser mit neuen Produktionen aufwarten, sondern dass sich auch kleinere und mittlere Häuser an den Ring herantrauen. Ob man in Luxemburg nach über 50 Jahren Abwesenheit ebenfalls einen kompletten Ring-Zyklus zu sehen bekommt, ist noch nicht bekannt. Es wird also spannend und jetzt schon werden überall und nach und nach Einzelwerke dieser Produktionen aufgeführt. Grund genug, bereits jetzt einen Blick auf die Aufnahmegeschichte des Rings zu werden, die ebenfalls 2026 ihren 100-jährigen Geburtstag feiert.

The Potted Ring

Denn bereits 1926 begann die Aufnahmen zum ersten kompletten Ring-Zyklus der Schallplattengeschichte. Diese unter dem Namen „Potted Ring“ berühmt gewordene Aufnahme wurde von 1926 bis 1932 von HMV in London, Berlin und Wien mit dem London Symphony Orchestra unter Laurence Collingwood, Albert Coates und Sir John Barbirolli, dem Orchestra of the Royal Opera House und Robert Heger, dem Orchester der Staatsoper Berlin unter Karl Muck und Leo Blech sowie dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Karl Alwin eingespielt. Natürlich war es damals noch nicht möglich, ein solches Riesenwerk komplett einzuspielen, und somit ist dieser erste Ring mit seiner beachtlichen Gesamtdauer von mehr als sieben Stunden eigentlich eine Ansammlung einzelner Szenen. Trotzdem vermittelt er einen guten Einblick in den Wagner-Gesang der 1920er-Jahre, der hier mit legendären Sängern wie Florence Easton, Frida Leider, Maria Olszewska, Göta Ljunberg, Lauritz Melchior, Friedrich Schorr, Walter Widdop, Rudolf Laubenthal und Ivar Andresen aufwartet. Klanglich ist dieser Ring (Veröffentlichung: Pearl) für die damaligen Verhältnisse und als Pioniertat vorzüglich gelungen.

Der erste fast komplette Ring mit den in Amerika üblichen Strichen wurde in den Jahren 1936 und 1937 live in der New Yorker Met festgehalten und ist sowohl auf Walhall als auch auf Naxos erhältlich. Arthur Bodansky dirigiert ein mittelmäßiges Met-Orchester, überrascht aber durch dynamische und schnelle Tempi. In den Hauptpartien sind hier wiederum der grandiose Friedrich Schorr als Wotan/Wanderer sowie als Gunther, der legendäre Lauritz Melchior als Siegfried und Siegmund (2. und 3. Akt), Kirsten Flagstad (Sieglinde, Brünnhilde) und Marjorie Lawrence (Brünnhilde) zu hören. In weiteren Partien sind René Maison (Loge), Eduard Habich (Alberich), Kerstin Thorborg (Erda, Fricka), Paul Althouse (Siegmund, 1. Akt), Ludwig Hofmann (Hunding, Hagen) und Emmanuel Liszt (Fafner). Die CD-Veröffentlichungen sind Kopien der ursprünglichen Schellack-Platten und enthalten demnach viele Kratzer und Sprünge. Trotzdem ist dieser erste auf Tonträger festgehaltene Met-Ring historisch sehr interessant, wenngleich auch spätere Ring-Aufführungen aus dem gleichen Haus – 1951 (Fritz Stiedry mit Hotter, Frantz, Svanholm, Flagstadt), 1957/58 (Fritz Stiedry, Dimitri Mitropoulos mit Uhe, Edelamm, Windgassen, Harshaw) oder 1961/62 (Erich Leinsdorf mit London, Edelmann, Hopf, Nilsson) jeweils die besten Wagner-Dirigenten und -Sänger ihrer Zeit aufbringen.

Der erste vollständige Ring

Dann erschien endlich der erste wirklich komplette und homogen besetzte Ring. 1948/49 dirigierte Rudolf Moralt, übrigens ein Neffe von Richard Strauss, die Tetralogie für den Sender Ravag unter Live-Bedingungen. Rheingold wurde durchgehend, die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung immer aktweise an einem Abend vor Publikum aufgeführt und mitgeschnitten, eine Methode, die übrigens auch Wilhelm Furtwängler 1954 bei seinem berühmten RAI-Ring anwandte. Moralts Sänger waren allesamt Solisten der Wiener Staatsoper. Das Ereignis dieser Tetralogie ist ohne Zweifel die von der Schallplatte sträflich vernachlässigte Gertrude Grob-Prandl, eine hochdramatische Sopranistin, die man wohl zu den allerbesten Brünnhilde-Interpretinnen zählen muss. Wotan und Wanderer werden von dem zu früh verstorbenen Ferdinand Frantz gesungen, einem der großen Wotan-Interpreten der 50er-Jahre. Der unverwüstliche Günther Treptow singt sowohl Siegmund als auch die beiden Siegfried-Partien, Helena Braun die Walküren-Brünnhilde, Hilde Konetzni ist Sieglinde, Julius Pölzer Loge und Adolf Vogel ein erstaunlicher Alberich. Diese klanglich hervorragende Einspielung ist ein Meilenstein der Ring-Geschichte und sowohl auf Mytho Records als auch bei Gebhard erhältlich.

Bisher sind die Bayreuther Festspiele im Dunkeln geblieben, was erstaunlich ist, war Hitler doch ein großer Wagner-Fan. Überhaupt ist keine deutsche Ring-Aufnahme der 30er- und 40er-Jahre erhältlich, mit Ausnahme einer in Bayreuth mitgeschnittenen Rundfunkübertragung der Götterdämmerung vom 21. Juli 1942. Karl Elmendorff dirigierte das Bayreuther Festspielorchester. Es sangen Set Svaholm (Siegfried), Martha Fuchs (Brünnhilde) und Friedrich Dahlberg (Hagen). Erst mit dem Beginn von Neu-Bayreuth 1951 beginnen dann auch die zahlreichen Live-Mitschnitte der Bayreuther Festspiele (siehe Tageblatt vom 8. Mai).

Zum Kontext

2026 feiert Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ ihr 150-jähriges Jubiläum. Schon in diesem Jahr bereiten Opernhäuser sie auf. In seiner dreiteiligen Serie widmet sich Alain Steffen der Aufnahmegeschichte des Werkes.