Dienstag6. Januar 2026

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Ukraine„Zwei Jahre Corona, vier Jahre Krieg – die Kinder werden verrückt“

Ukraine / „Zwei Jahre Corona, vier Jahre Krieg – die Kinder werden verrückt“
Die Mutter von Bogdan Lewtschikow, Iryna, mit einem Bild ihres im Kampf gefallenen Ehemanns Stanislaw. Iryna leidet an Krebs in fortgeschrittenem Stadium.  Foto: Oleksii Filippov/AFP

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Erster Bartflaum und Baseballkappe – dem Aussehen nach ist Bogdan Lewtschikow ein typischer Jugendlicher. Doch sein Leben ist vom Krieg geprägt, wie das einer ganzen Generation junger Ukrainer.

Sein Vater Stanislaw, ein Berufssoldat, wurde nur wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine 2022 bei der Verteidigung Charkiws getötet. Bogdans Heimatstadt Balaklija ist zerstört, er kennt dort keinen einzigen Gleichaltrigen mehr.

Von März bis September 2022 hielten die russischen Truppen das in der Region Charkiw gelegene Balaklija besetzt, inzwischen ist die Front 70 Kilometer entfernt. „Meine Mutter und ich sind ein paar Tage nach der Befreiung der Stadt zurückgekommen“, erzählt Bogdan. „Es gab keine Kinder mehr, keine geöffneten Geschäfte, einfach nichts mehr.“ Von den einst 26.000 Einwohnern sind nur wenige zurückgekehrt, und die meisten sind alt.

Früher traf sich die Jugend der Stadt im Skatepark und am Flussufer, doch beide Treffpunkte wurden von den Russen vermint. Inzwischen wurden die Minen geräumt, „aber Gerüchten zufolge ist es immer noch nicht sicher“, sagt Bogdan. Sein ganzes Leben ist nicht mehr sicher und nichts ist mehr, wie es vor dem Krieg war. Schule findet nur noch online statt, und ständig gibt es Luftalarm.

Eigentlich sollten sich Bogdan und seine Mutter Iryna dann im Keller in Sicherheit bringen. Doch bei seiner Mutter wurde kürzlich Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, sie ist zu schwach, um die neun Treppen hinunterzugehen. Deshalb haben die beiden eine Matratze in den engen Flur ihrer Wohnung gelegt, den einzigen fensterlosen und damit halbwegs sicheren Raum.

Der Krieg hat enorme Auswirkungen auf die emotionale Verfassung junger Menschen, wir alle leben unter Stress

Maryna Dudnyk, Psychologin

„Wir haben uns daran gewöhnt, allein zurechtzukommen. Wir sind ein eingeschworenes Team“, sagt Bogdan und lächelt. „Nicht nur Bogdan, alle Kinder haben sich so schnell angepasst“, sagt Iryna und macht sich große Sorgen, was der Krieg aus dieser Generation macht.

Fast eine Million Schüler in der Ukraine haben ausschließlich oder überwiegend Online-Unterricht. Es begann Anfang 2020 mit der Corona-Pandemie, dann kam der Krieg – seit fast sechs Jahren findet der Alltag junger Ukrainer weitgehend vor dem Computer statt. Es ist wie ein nicht endender Lockdown. Diese Isolation ist besonders in der an Russland angrenzenden Region Charkiw zu spüren, die täglich Ziel von Angriffen ist. Mehr als 840 Bildungseinrichtungen wurden hier laut offiziellen Angaben zerstört oder beschädigt.

Es mangelt an Psychologen

Deshalb hat die Region begonnen, unterirdische Schulen zu bauen, in denen die Kinder in Schichten Unterricht haben. Zehn sollen es bis Jahresende sein. Jewangelina Tuturiko besucht seit September eine solche Schule, die mehrere Meter unter der Straße liegt und kein Tageslicht hat. Die 14-Jährige ist dennoch begeistert: „Ich finde es wirklich toll, weil ich wieder direkt mit meinen Mitschülern reden kann.“ Jewangelinas Schule erfüllt die Standards eines Atombunkers, eine schwere gepanzerte Tür riegelt sie nach außen ab. „Wir sind wahrscheinlich einer der sichersten Schutzräume in der ganzen Ukraine“, sagt Schulleiterin Natalia Teplowa stolz.

Schulsport im Freien ist wegen der russischen Angriffe verboten, aber Schwimmen ist erlaubt. Der riesige Schwimmbadkomplex in Charkiw aus der Sowjet-Zeit ist nach schweren Bombentreffern 2022 seit dem vergangenen Jahr wieder geöffnet. „Wasser und Schwimmen können alles heilen“, ist Schwimmlehrerin Ajuna Morosowa überzeugt. Das ist auch nötig: „Zuerst zwei Jahre Corona-Pandemie, dann vier Jahre Krieg – die Kinder werden verrückt“, sagt Morosowa.

Viele junge Ukrainer bräuchten therapeutische Unterstützung, doch es gibt bei weitem nicht genügend Psychologen. Die Regierung hat landesweit 326 „Resilienzzentren“ für Kinder und Eltern eröffnet, weitere 300 sollen im nächsten Jahr folgen. Die Psychologin Maryna Dudnyk hat gerade drei Stunden lang in einem Spielworkshop nahe Charkiw mit rund 50 Kindern im Alter zwischen sechs und elf Jahren gearbeitet. Sie will ihnen helfen, ihre Gefühle auszudrücken.

Ticks, Ohnmachtsanfälle und Migräne

„Der Krieg hat enorme Auswirkungen auf die emotionale Verfassung junger Menschen, wir alle leben unter Stress“, sagt Dudnyk, während ihr Team die vorgeschriebenen kugelsicheren Westen wegpackt. Bei den Kindern gebe es „viel Angst und Unsicherheit, Jugendliche leiden unter Selbstverletzung und Suizidgedanken“.

Kostjantyn Kosik leidet unter Ticks, Ohnmachtsanfällen und Migräne. „Ich bin ständig nervös, gereizt. Das liegt am Krieg“, sagt der ganz in Schwarz gekleidete 18-Jährige, der an der Universität Irpin Internationales Recht studiert. Kostjantyn stammt aus der Region Donezk, in der bereits seit 2014 gekämpft wird. In seiner belagerten Heimatstadt Awdijiwka musste er sich monatelang im Keller verstecken, während oben die Raketen explodierten.

„Ich kenne den Krieg, seit ich sechs war. Für einen kleinen Jungen war das zunächst sehr spannend – die Panzer, die Soldaten. Als ich alt genug war, um zu verstehen, was los ist, war es viel weniger lustig“, erinnert er sich. „In gewisser Weise hat mich das abgehärtet. Aber ich hätte mir eine normale Kindheit gewünscht – mit Freunden und Freude.“ (AFP)