Donnerstag1. Januar 2026

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DüdelingenWie „Archipel“ die Stadt mit Schrott abkühlen soll

Düdelingen / Wie „Archipel“ die Stadt mit Schrott abkühlen soll
Im VEWA wird gemeinsam geschweißt, gesägt, gehobelt und geschraubt Foto: Editpress/Carole Theisen

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Zwischen rostigem Stahl und alten Backsteinmauern wächst in Düdelingen etwas Neues: „Archipel“, das jüngste Projekt des DKollektivs, verwandelt das ehemalige Industriegebäude VEWA in ein lebendiges Experimentierfeld. Mobile, bepflanzbare Inseln – gebaut aus recyceltem Material – sollen Hitze-Hotspots kühlen, Böden entlasten und Nachbarschaften aktivieren.

Kleine Inseln, die Schatten spenden, Sitzplätze bieten und sich bei Bedarf verschieben lassen: Das ist das neueste Projekt „Archipel“ vom Düdelinger DKollektiv. „Nichts soll verankert sein“, erklärt Eric Marx vom DKollektiv. „Wenn der Baustellenzug kommt, werden die Inseln einfach weggeschoben.“ Am 25. September wurde „Archipel“ im VEWA offiziell vorgestellt. Minister, Bürgermeister, Architekten und Bürger kamen zusammen, um über die Zukunft von „Neischmelz“ zu sprechen – jenem Areal, das einst von glühenden Schmelzöfen regiert wurde und nun zu einem neuen Stadtviertel werden soll.

Der „Fonds du logement“ leitet die Umgestaltung: Die Hälfte des Geländes ist für öffentlichen Raum vorgesehen, mit Entsiegelung, Begrünung und der Renaturierung der Diddelenger Baach. „Es geht darum, Leben dorthin zu bringen – und zu halten“, sagt Fonds-Direktor Jacques Vandivinit. „Archipel“ will genau dieses Leben schon während der Bauzeit anstoßen. Zwischen Staub und Kränen entstehen Orte, an denen Menschen verweilen, Pflanzen wachsen, Kinder spielen.

Das Material stammt fast ausschließlich vom Gelände selbst – alte Fensterrahmen, Metallrohre, Holzreste von Dächern, sogar Überbleibsel wie der Bademeisterturm aus dem früheren Düdelinger Schwimmbad. Upcycling ist hier keine Stilfrage, sondern Haltung: nicht kaufen, sondern wiederverwenden. „Uns geht es in erster Linie darum, dass nichts weggeworfen wird“, sagt Marx und fügt hinzu, dass die materielle Rückgewinnung zentral ist.

Inseln aus Schrott und Solidarität

Hinter dem Gitterzaun des VEWA stapeln sich Holzreste und Metallteile, die aussehen wie das Innenleben einer riesigen Maschine. Für die meisten sind sie Schrott – für das DKollektiv sind sie Möglichkeiten. „Das Material bestimmt die Form – das ist die Ästhetik. Es ist ehrlich und man sieht, woher es kommt.“ Materialspenden sind willkommen, aber kein Muss, sagt Marx: „Wir haben sehr viel Material. Grundsätzlich ist das Projekt also kein Aufruf, Dinge mitzubringen.“

Wir arbeiten mit dem, was da ist. Das ist ja gerade der Sinn: Kreislaufwirtschaft. Wir wollen weniger Material haben, wenn wir fertig sind, nicht mehr.

Eric Marx, DKollektiv

Daraus folgt eine klare Prämisse: nur im Notfall kaufen, möglichst recyceln und … Sicherheit prüfen: „Man muss immer wissen, welches Metall es ist und welchen Holzschrott man benutzen kann. Man muss immer beurteilen können, ob es auch auf Dauer halten kann.“ Keine großen Budgets, keine Prestigeprojekte. „Bis jetzt haben wir für Archipel noch keinen Cent beantragt“, sagt Marx. „Wir arbeiten mit dem, was da ist. Das ist ja gerade der Sinn: Kreislaufwirtschaft. Wir wollen weniger Material haben, wenn wir fertig sind, nicht mehr.“

Archipel reagiert außerdem direkt auf bioklimatische Karten, die Hitze-Hotspots in Stadtvierteln sichtbar machen. „Eine bioklimatische Karte zeigt, wie sich das Viertel erwärmt, wo es im Sommer 40 Grad wird, weil alles zubetoniert ist“, erklärt Marx. Daraus ergibt sich die Handlungslogik: gezielte Beschattung, Begrünung und renaturierte Elemente, um genau jene Orte abzukühlen, die heute am stärksten überhitzen. Gepflanzt werden ausschließlich heimische Arten – robust, anpassungsfähig und ökologisch sinnvoll.

Ein kollektiver Prozess

Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um Haltung. Das DKollektiv glaubt nicht an Hochglanzlösungen. Es glaubt an Beteiligung. „Wir bauen nicht für die Leute – wir bauen mit ihnen“, sagt Marx. Vorwissen ist dabei nicht notwendig. Jeder kann kommen, Ideen einbringen, mitbauen – Handwerker, Schüler, Nachbarn, Neugierige. „Es ist kein klassischer Workshop, eher ein Austausch von Know-how. Jeder bringt etwas mit. Vielleicht nicht immer technisches Wissen – manchmal einfach Energie, Humor oder Kochkünste für die Mittagspause.“

Das Projekt läuft zunächst von Oktober 2025 bis Mai 2026. Jeden Mittwoch und an einem Samstag im Monat treffen sich Freiwillige, um zu planen, zu schrauben, zu pflanzen. Schulen, Vereine und Bürger machen mit. Das Düdelinger Gymnasium will eigene Inseln bauen – gemeinsam mit den Jugendlichen, die ohnehin oft Zeit am VEWA verbringen.

Im Frühjahr, rund um die Eisheiligen, will das DKollektiv die ersten fertigen Inseln präsentieren. Dann feiert das VEWA sein jährliches Fest – und das Viertel bekommt einen Vorgeschmack darauf, was es mal werden könnte. Vielleicht sind es fünf Inseln. Vielleicht zehn. Vielleicht nur eine.

„Wir wissen nicht, wie viel am Ende entsteht“, sagt Marx. „Das hängt von der Motivation der Leute ab.“ Wenn auf dem Gelände irgendwann alles zugebaut ist, können die Inseln in andere Teile der Stadt umziehen. „Vielleicht zu den Gemeinschaftsgärten oder ans Pomhouse, vielleicht zum CNA“, überlegt Marx. „Das Schöne ist: Sie sind mobil. Sie können dorthin, wo sie gebraucht werden.“