30. November 2025 - 11.11 Uhr
Philosophie-Vortrag Wie Antike Weisheiten die Lebensqualität im Alter verbessern
Tageblatt: Warum sind Aristoteles, Platon oder Buddha in Ihren Augen so aktuell und heilsam – gerade für das Alter?
Albert Kitzler: In der Antike wurde das meiste dazu, was ein gutes Leben ausmacht, gesagt. Breiter und tiefer als in jeder anderen Epoche der Menschheit. In den alten Schriften Indiens, Chinas oder Ägyptens finden sich Antworten auf die Fragen, die uns heute noch beschäftigen. Vieles davon wurde allerdings vergessen. Ich habe mir vorgenommen, diese Weisheiten in die heutige Zeit zu „übersetzen”.
In einer Gesellschaft, in der der Jugendkult dominiert, hört sich ein „gelungenes Altern“ fast schon utopisch an …
Das Wichtigste ist, sich auf das Alter vorzubereiten. Das wird auch jungen Leuten, wenn sie damit konfrontiert werden, schnell klar.
Wie geht das?
Krankheiten, Alter, Tod und Verlust kann man im Alter nicht ausweichen. Es ist gut, sich mental darauf vorzubereiten und zu verinnerlichen, dass es in dieser Lebensphase dazugehört. In dem Lebensabschnitt, in dem es keine beruflichen Verpflichtungen mehr gibt, ist es umso wichtiger, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden: sozial, karitativ, eine neue Sprache oder ein Instrument lernen. Das sind Dinge, für die vorher keine Zeit war, die aber Sinn geben. Sinnverlust führt zu psychischen Erkrankungen, wie man festgestellt hat.
Viele Senioren empfinden das Alter aber eher als Verlusterfahrung. Sie sagen, es gibt noch eine andere Sicht darauf. Wie ist die?
Neben den Nachteilen wie körperliche Gebrechen und der Tatsache, dass man nicht mehr im Mittelpunkt steht, dürfen die Vorteile des Alterns nicht vergessen werden.
Welche sind das denn?
Es gibt keinen Stress, keine Termine mehr. Man ist frei, hat Zeit für Hobbys und andere Menschen, Zeit für Selbstbetrachtung und Kontemplation. Das kann zur Quelle der Freude und des Glücks werden.
Für Sie hat „gutes“ Altern viel mit Gelassenheit zu tun. Das ist in diesen Zeiten aber schwer, oder?
Auf dem Weg zu Gelassenheit hilft es, zu vielem „Nein“ zu sagen. Sich aus der allgemeinen Hektik herauszuziehen und abzuschalten. Das Unterhaltungs- und Zerstreuungsangebot in Form des Smartphones ist zwar verführerisch, aber im Alter steht eher Ruhe, Nachdenken und ein „Sich-auf-sich-Besinnen“ im Vordergrund.
Sie setzen den geltenden Werten westlicher Gesellschaft wie dem Immer-mehr-haben-Wollen, dem höher, weiter und schneller Werte wie Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit entgegen. Stoßen Sie damit nicht auf Unverständnis?
Überhaupt nicht. Die meisten Menschen leiden darunter, dass sie etwas haben wollen, was sie nicht bekommen können. Sie wollen es erzwingen, was zu Frust und Enttäuschung führt. Vieles davon liegt aber nicht in unserer Hand, das gilt es zu akzeptieren.
Senioren wird oft unterstellt, sie seien unflexibel, gehören zur Liga „das haben wir immer schon so gemacht“. Sie ermutigen zu Flexibilität – auch im Alter. Wie kann das gelingen?
Festgefahrene „Mindsets“ verlassen. Offenheit und Selbstkritik sind hier wichtig. Das muss man allerdings trainieren.
Von Jüngeren werden Ältere mit ihrem Mehr an Lebenserfahrung oft abgetan. „Die Zeiten haben sich geändert“ ist so ein Totschlagargument. Was sagen Sie denen?
Ältere sind jüngeren Menschen mit ihrer Lebenserfahrung in vielen Bereichen voraus. Aber eben nicht in allen. Zu Missverständnissen kommt es oft, wenn Ältere belehrend und damit übergriffig auf jüngere Menschen zugehen. Zuhören ist dabei ein wichtiger Schlüssel und macht ältere Menschen, wenn sie es beherzigen, zu wertvollen und interessanten Gesprächspartnern.
Sie haben unter anderem Philosophie studiert und beschäftigen sich seit 20 Jahren damit. Steht man damit nicht oft in der Ecke des „Sonderlings“, des einsamen Denkers im Elfenbeinturm?
Das dürfte für die Philosophie im universitären Betrieb gelten. Sie ist sehr abstrakt und weit vom Leben entfernt. Im Zentrum der Philosophie der Antike stand aber die Frage, wie wir glücklich werden und wie wir leben sollen. Das halte ich für am wichtigsten und diese Philosophie liefert Orientierung. Die Zuhörer in meinen Seminaren sind alles Laien, aber sie verstehen, was ich sage.
Sie veranstalten philosophische Wanderungen. Gehört das zu der Einsicht, in Bewegung zu bleiben?
Bewegung im Geiste und im Körper sind gerade im Alterungsprozess ganz wichtig. Man ist ja nur so alt, wie man sich fühlt. Außerdem sind Naturerlebnisse mit das Beste, was man für die Seele tun kann.
Alte Leute, die gelassen und nicht mürrisch sind, erleben ein Alter, das erträglich ist
Wer kein Hilfsmittel zu einem guten und glückseligen Leben in sich selbst hat, für den ist jedes Lebensalter beschwerlich
Kurzbiographie
Albert Kitzler stammt aus sehr einfachen Verhältnissen und reißt mit zehn Jahren von zu Hause aus, weil die Eltern ihn nicht auf ein Gymnasium schicken wollen. Er macht sein Abitur und studiert anschließend Jura und Philosophie. Er promoviert im Fach Jura. Fünf Jahre arbeitet er als Rechtsanwalt, bevor er Filmproduzent wird. Für den Kurzfilm „Schwarzfahrer“ gewinnt er 1994 den Oscar. Seit 2005 widmet er sich der Philosophie und betreibt in Reit im Winkl (D) eine Schule für antike Lebensweisheit. Sein Podcast „der Pudel und der Kern“ gehört im deutschsprachigen Raum zu den am meisten gehörten philosophischen Audiobeiträgen.
Vortrag
Albert Kitzler spricht am 2. Dezember im Centre culturel de rencontre Abbaye Neumünster zum Thema „Philosophie konkret: Wie kann Altern gelingen?“. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr und kostet keinen Eintritt. Um Anmeldung wird jedoch unter www.gero.lu oder telefonisch unter +352 36 04 78-1 gebeten.
De Maart

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