3. Januar 2026 - 9.12 Uhr
Debatte in GroßbritannienWas begründet die Zugehörigkeit zur Nation?
Demonstrativ hat die Labour-Regierung zu Neujahr einen schwarzen Schauspieler und eine indisch-stämmige Komödiantin zu Ritter und Ritterin ernannt. Einer neuen Studie zufolge aber nimmt auch im Königreich die Zahl jener zu, die Britisch-Sein weniger an Werten wie Toleranz oder Gesetzestreue festmachen, sondern ethnische Argumente ins Feld führen.
Traditionell erhalten zur Jahreswende mehr als tausend Briten einen Orden, der noch immer das „britische Empire“ im Namen trägt. Aus der großen Zahl ragten diesmal zwei Prominente mit Migrationshintergrund heraus: der Schauspieler Idris Elba, dessen Eltern aus Sierra Leone und Ghana eingewandert sind, sowie die Komödiantin und Autorin Meera Syal, deren Wurzeln im Punjab liegen. Beide sind in England geboren.
Den Geburtsort halten einer Feldstudie des Labour-nahen Thinktanks IPPR zufolge mittlerweile immerhin 36 Prozent der Briten für essentiell für die Zugehörigkeit zur Nation. Immerhin zehn Prozent glauben, nur Weiße könnten gute Briten sein. Zwar seien solche Ansichten noch in der Minderheit, die Mehrheit sehe das Land als Gemeinschaft von Bürgern, nicht basierend auf ethnischer Homogenität, resümieren die Autoren der Studie. Aber die Regierung müsse „die Teilung der Gesellschaft“ zurückweisen.
Was denn die Zugehörigkeit zu Großbritannien ausmache, war erstmals im Gefolge des Irak-Kriegs und islamistischer Terroranschläge heftig umstritten. Britischen Muslimen wurde pauschal mangelhafte Integration vorgeworfen. Bei der Unterhauswahl 2024 holten fünf Politiker, die vor allem mit Parolen vom „Genozid“ an Palästinensern ihren Wahlkampf bestritten hatten, die Mandate in traditionellen Labour-Wahlkreisen.
Nationalpopulist Nigel Farage bezeichnet dies als gefährliche Entwicklung, weil dadurch „religiös-sektiererische Politik“ (sectarian) à la Nordirland auch in England salonfähig geworden sei. Seine Reform-Party führt unterdessen einst verpönte ethnische Sichtweisen auf die britische Gesellschaft in die Debatte ein. So beklagte eine Reform-Abgeordnete die große Zahl von Angehörigen ethnischer Minderheiten im Fernsehen: „Werbespots voll von Schwarzen, voll von Asiaten, das macht mich verrückt.“ Zwar entschuldigte sich Sarah Pochin anschließend für ihre Ausdrucksweise, pochte aber darauf, die Commercials seien „nicht repräsentativ für die britische Gesellschaft“.
Absurde Geburtsort-Regel
Der rechte TV-Sender GB News, bei dem Farage und seine Gesinnungsgenossen jährlich Hunderttausende verdienen, lässt regelmäßig Lucy White zu Wort kommen. Die rechte Aktivistin erlangte im November traurige Berühmtheit mit ihrer Kritik an Nus Ghani, der Vizepräsidentin des Unterhauses: „Dort sollte niemand vertreten sein, der in Pakistan geboren ist.“ Offen vertreten auch Reform-Kommunalpolitiker diese Haltung: Brite könne nur sein, wer auf der Insel geboren ist. Wie absurd dieser Gedanke ist, lässt sich an Boris Johnson ablesen: Der Geburtsort des früheren Premierministers ist New York.
Johnsons Labour-Nachfolger hat sich zur jüngsten Eskalation der Debatte bisher nicht geäußert. Im vergangenen Jahr begrüßte Keir Starmer ausdrücklich die ethnische und religiöse Vielfalt des Landes und beschrieb Nationen als „basierend auf fairen Regeln“. Diese müssten nicht immer schriftlich fixiert sein, seien aber der Rahmen für „unsere Werte, Rechte und Pflichten“.
Wie heikel das Thema bleibt, erfährt der Premierminister derzeit am Fall des ägyptischen Dissidenten Alaa Abd el-Fattah. Dem zwölf Jahre lang inhaftierten Blogger hatte Johnsons Regierung 2021 die britische Staatsbürgerschaft zuteil werden lassen, zu Weihnachten erlaubte Kairo ihm die Ausreise nach Großbritannien. Seither tobt eine Kontroverse um mehr als zehn Jahre zurückliegende Äußerungen des heute 43-Jährigen: Einen Genozid an Juden durch die Nazis habe es nicht gegeben, „schließlich sind noch viele übrig“. Und: „Ich bin Rassist, Weiße kann ich nicht leiden.“ Prompt fordern Konservative und Nationalpopulisten die Abschiebung des Neubürgers.
De Maart
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