1. Januar 2026 - 10.09 Uhr
AustralienSocial-Media-Verbot für Jugendliche: Funktioniert das Experiment?
Am Morgen des 10. Dezember griff Zac, 14, wie gewohnt zum Handy. Ein kurzer Blick auf X – und schon tippte er an den Premier: „Wie kann es sein, dass ich diese App noch nutzen kann, obwohl ich 14 bin, Albo? Toller Start!“ Auf TikTok fragte Teenager Jenna unter einem Video: „Wer hat das australische Social-Media-Verbot sonst noch überlebt?“ Etliche andere schreiben ihre Namen darunter. Ein Nutzer kommentierte trocken: „Ich glaube nicht, dass es funktioniert.“
Der Start des Social-Media-Verbots für Unter-16-Jährige verlief in Australien chaotisch: Während viele Konten tatsächlich gesperrt wurden, blieben andere problemlos zugänglich. Manche Kinder tricksten die neuen Altersprüfungen aus – mit Make-up, VPNs oder, wie eine Mutter schreibt: „Mein Kind hat die Gesichtserkennung mit einem falschen Bart überlistet.“
Australiens Premierminister Anthony Albanese („Albo“) sieht dennoch einen historischen Moment. Bei der offiziellen Einführung am Kirribilli House erklärte er, er sei „noch nie stolzer“ gewesen: „Das ist Australien, das zeigt: Genug ist genug. Die Welt schaut zu.“ Auf Facebook schrieb er: „Eltern, Lehrer und Schüler unterstützen unser Social-Media-Verbot … Es geht darum, Kindern eine sicherere Kindheit zu ermöglichen.“
Weltweit einzigartig
Mit seinem vielbeachteten Social-Media-Verbot für Jugendliche schreibt Australien Geschichte. Seit dem 10. Dezember sind Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram, Facebook, Snapchat, X, Reddit, YouTube und Twitch für alle unter 16 Jahren verboten – Australien ist weltweit der erste Staat, der ein solches Verbot umsetzt. Die Plattformen müssen seit diesem Tag nachweisen, dass sie Minderjährige aussperren. Wer sich weigert oder zu lax kontrolliert, riskiert Strafen von bis zu 50 Millionen australischen Dollar (knapp 30 Millionen Euro). Ausgenommen sind Gaming-Plattformen, Messenger wie WhatsApp sowie Bildungs- und Gesundheitsangebote.
Viele Eltern begrüßen den Schritt tatsächlich. Eine Mutter schrieb der australischen Ausgabe des Guardian, der Entzug habe „bereits einen tiefgreifenden Effekt“. Ihr Sohn habe sie plötzlich gefragt, ob sie am Nachmittag etwas gemeinsam unternehmen wollten – sonst sei er „von seinem Handy verschlungen“. Die Sorge vieler, die Kinder könnten entzogen reagieren, habe sich nicht bestätigt, schreibt ein anderes Elternteil.
Teenager testen Grenzen aus
Wiederum andere Eltern erleben jedoch das Gegenteil: Die 13-jährige Tochter von Alison aus New South Wales hat weiterhin Zugang zu allen Apps – trotz Altersverifikation –, so schreibt sie beim australischen Sender ABC. Ein Vater berichtet, sein elfjähriger Sohn sei von TikTok als „18“ eingestuft worden. Und eine andere Mutter schreibt frustriert auf Facebook, ihr 15-jähriger Sohn sei aus TikTok ausgeloggt worden. „Er hat sich einfach wieder eingeloggt – keine Probleme. Das Verbot funktioniert ja großartig!“
Dass viele Jugendliche kreativ werden würden, war abzusehen. „Ich denke, diejenigen, die man eigentlich von den Plattformen weghaben möchte, finden als Erste Wege herum“, sagt der 15-jährige Tyson dem Sender ABC. Lisa Given, Informationswissenschaftlerin an der RMIT University, erklärt: Die Fehlerquote bei Gesichtsscans liege bei ein bis drei Jahren. „Ein 14-Jähriger kann für 17 gehalten werden – und damit für alt genug.“ Einige nutzen ältere Geschwister für die Verifikation. Andere verändern ihr Gesicht: künstliche Wimpern, Mascara, hohe Köpfe. Eine Mutter berichtet, ihre zwölfjährige Tochter sei damit als „17+“ eingestuft worden.
Mein Kind hat die Gesichtserkennung mit einem falschen Bart überlistet
Auch Jugendliche selbst spiegeln die Ambivalenz. Im Gespräch berichtet ein Teenager, dass er das Verbot grundsätzlich richtig finde. „Vielleicht machen wir dann wieder mehr Sport“, meint Niklas. Aber auch er glaubt, dass viele einfach jemand anderem das Handy vors Gesicht halten. Amélie dagegen erzählt, dass sich ihre Freundschaften durch Social Media „sogar vertieft“ hätten – weil man gemeinsam über die gleichen Videos und Gags gelacht habe.
„Konten verschwinden nicht magisch“
Die eSafety-Beauftragte Julie Inman Grant räumt ein, dass der Start holprig sei: „Accounts verschwinden nicht einfach auf magische Weise“, gestand sie gegenüber dem Sender ABC. Die Systeme benötigten Zeit, um sich „durch die Plattformen zu arbeiten“. Tatsächlich sollen rund 440.000 Snapchat-Konten sowie Hunderttausende auf Instagram, Facebook und TikTok betroffen sein. Mehr als 200.000 TikTok-Konten wurden bereits deaktiviert – doch es könne dauern, bis weitere identifiziert würden.
Auch der Premier von South Australia, Peter Malinauskas, der politisch als Motor hinter dem Verbot gilt, zeigt sich gelassen: Teenager würden es „vorhersehbarerweise“ schaffen, das System auszutricksen. Aber viele Kinder verbrächten seit der Sperre deutlich weniger Zeit am Handy, Eltern fühlten sich „endlich ermächtigt“, mit ihnen darüber zu sprechen. Gegenüber CNN erzählte Malinauskas die Geschichte einer Flugbegleiterin, deren Tochter zwar weiterhin auf ihr Smartphone schaue, „aber viel weniger“ – und die Mutter könne endlich wieder ein Gespräch mit ihr führen.
Wird Überwachung „normal“?
Terry Flew, Medienwissenschaftler an der University of Sydney, sieht ein „komplexeres Bild“. Ja, viele Eltern hätten aus Sorge um die mentale Gesundheit ihrer Kinder vehement für das Verbot geworben. Gleichzeitig seien viele Jugendliche frustriert – und posteten ausgerechnet in sozialen Medien, wie man das System umgehen könne. Die öffentliche Unterstützung sei hoch (67 Prozent laut Resolve Political Monitor), doch nur 58 Prozent glaubten, dass das Verbot wirksam sei. Auch international werde die Debatte aufmerksam verfolgt: Länder wie Dänemark, Frankreich, Italien oder Neuseeland erwägen ähnliche Schritte.
Die Menschenrechtskommissarin Lorraine Finlay warnt jedoch vor einem gefährlichen Präzedenzfall. „Wir sollten nicht unsere Privatsphäre opfern müssen, um Kinder zu schützen“, schreibt sie. Sonst drohe ein digitaler Raum, in dem Überwachung normal werde. Kaum im Einsatz, steht schon der nächste regulatorische Schritt bevor. Die Regierung plant zusätzliche Alterskontrollen für Suchmaschinen, Pornoplattformen, Spiele und sogar KI-Chatbots. Vor allem in Europa warnen Kritiker vor Überregulierung.
Australiens Doppelstrategie
Robert Gerlit, der in Sydney zur digitalen Transformation deutscher Hochschulen lehrt und selbst Vater schulpflichtiger Kinder ist, kritisiert das europäische Narrativ eines vollständigen Ausschlusses junger Menschen aus digitalen Räumen jedoch: Die Debatte suggeriere teils eine Wahl zwischen Social-Media-Verbot und Medienkompetenz. Dabei verpflichte Australiens Lehrplan Schulen ausdrücklich dazu, Kinder zu aktiven Gestaltern der Digitalisierung auszubilden. „Schon in unserer Grundschule lernen Kinder mit Scratch zu programmieren und entwickeln Smart-City-Konzepte“, berichtet er. Jeder Klassenraum besitze digitale Whiteboards und selbst Sechsjährige nutzen selbstverständlich Notebooks und beschäftigten sich in ihren Hausaufgaben mit Cloud Computing. Selbst Vorschüler ab drei Jahren diskutierten bereits über sicheres Verhalten im Netz; für Eltern gebe es begleitende Kurse.
Auch die Initiative NSWEduChat zeige, wie Australien Innovation und Verantwortung verbinde. Die KI-Plattform wird derzeit im Bundesstaat New South Wales für Schüler ab der fünften Klasse eingeführt. Tests hätten deutliche Leistungssteigerungen ergeben, berichtet Gerlit, gerade weil das System keine fertigen Antworten gebe, sondern durch offene Fragen kritisches Denken fördere.
„Es geht in Australien nicht darum, Kinder und Jugendliche von Technologie und Internet auszuschließen“, so Gerlit. Der australische Weg sei vielmehr, „sie vor spezifischen Risiken zu schützen und gleichzeitig zu verantwortungsvollen, digital mündigen Bürgern auszubilden“.
De Maart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können