Donnerstag1. Januar 2026

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SerbienProtestwelle von Studenten gegen die Korruption wird für die Machthaber zunehmend zur Existenzbedrohung

Serbien / Protestwelle von Studenten gegen die Korruption wird für die Machthaber zunehmend zur Existenzbedrohung
Wie Befreier begrüßt: Demonstranten beim Sternmarsch nach Belgrad bei der Ankunft im serbischen Dorf Brdjani Foto: Thomas Roser 

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Wie einst der indische Pazifist Mahatma Gandhi bringen Serbiens Studenten mit ihren Sternmärschen gegen die Korruption seit Monaten eine ganz Nation auf die Beine. Obwohl als „unpolitisch“ deklariert, wird ihre Erneuerungsbewegung für die Machthaber zunehmend zu einer existenzbedrohenden Herausforderung.

Ferner Jubel und ein sich nähernder Blaulichtschimmer künden Serbiens Hoffnungsträger an. Aufgeregt wedelt ein ergrauter Rentner eine überdimensionierte Landesflagge. Immer wieder recken die Schaulustigen an der verkehrsumtosten Ausfallstraße im zentralserbischen Cacak die Hälse. „Sie kommen gleich“, ruft eine Frau mit gezücktem Foto-Handy aufgeregt – und wischt sich die Tränen der Rührung aus dem verweinten Gesicht.

Zwei Männer stapeln aus einem Kofferraum eilig Wasserflaschen und Pappkartons mit Keksen an den Straßenrand. Er versuche den Studenten zumindest mit etwas Proviant zu helfen, „weil sie für eine bessere Zukunft und einen besseren Staat kämpfen – und auch meine Tochter in der Kolonne mitmarschiert“, erklärt der sehnige Familienvater Nenad seinen spontanen Unterstützereinsatz: „Die Studenten streiten für einen Staat, in dem die Institutionen ihre Aufgaben erfüllen, die Korruption auf ein Minimum reduziert wird. In dem die Qualifikation und nicht das Parteibuch zählt. Und in dem sie nicht gezwungen werden, woanders ein besseres Leben zu suchen.“

Endlich kommt die bunte Kolonne mit hunderten winkender Rucksack- und Fahnenträger in Sicht. Immer wieder werden die jungen Frauen und Männer von gerührten Passanten umarmt. Auf der Fußgängerbrücke verabschieden die Mechaniker einer nahen Autowerkstatt mit Rauchfackeln die unter ihnen aus der Stadt ziehenden Demonstranten. Applaus, Autohupen und „Bravo“-Rufe ertönen, während die jugendlichen Freiheitsstreiter auf dem „Boulevard der Befreiung“ die Stadt nach Norden verlassen.

Die Studenten streiten für einen Staat, in dem die Institutionen ihre Aufgaben erfüllen, die Korruption auf ein Minimum reduziert wird. In dem die Qualifikation und nicht das Parteibuch zählt. Und in dem sie nicht gezwungen werden, woanders ein besseres Leben zu suchen.

Nenad, Familienvater

Gut 200 in den letzten Wochen marschierte Kilometer auf Protestmärschen gegen die Korruption stecken dem hochgewachsenen Studenten Vukasin Gajovic aus Kraljevo bereits in den durchtrainierten Beinen. Weitere 150 Kilometer werden bis zum Wochenende auf dem Weg in die Hauptstadt Belgrad folgen. „Wir sind nicht politisch und nicht für oder gegen irgendwelche Parteien oder die Regierung“, erläutert der junge Mann in der neongelben Ordnerweste das Ziel der nun schon über vier Monate währenden Protestwelle: „Wir wollen, dass die Institutionen endlich ihre Aufgaben erfüllen. Wir wollen einmal einen Job aufgrund unserer Qualifikation und nicht wegen eines Parteibuchs erhalten. Wir wollen dieses System und diesen Staat von Grund auf ändern.“

Vetternwirtschaft und Schmiergelder

Außer den Landesflaggen haben seine Mitstreiter auch das Banner mit der blutroten Hand geschultert. Seit am 1. November 15 Menschen beim Einsturz des Vordaches im neu renovierten Bahnhof von Novi Sad von tonnenschweren Trümmern begraben wurden, scheint in dem seit 13 Jahren von der rechtspopulistischen SNS des allgewaltigen Staatschefs Aleksandar Vucic geführten Balkanstaat nichts mehr, wie es bisher war.

Populäre Hoffnungsträger: Demonstranten auf dem Sternmarsch gegen die Korruption auf dem Boulevard der Befreiung am Stadtausgang im serbischen Cacak
Populäre Hoffnungsträger: Demonstranten auf dem Sternmarsch gegen die Korruption auf dem Boulevard der Befreiung am Stadtausgang im serbischen Cacak Foto: Thomas Roser

„Eure Hände sind blutig“, skandieren seit Monaten die Demonstranten. Nicht nur weil die an der korruptionsanrüchigen und völlig überteuerten Bahnhofsrenovierung Baufirmen aus dem Dunstkreis der Regierungspartei stammen, tun sich Serbiens autoritär gestrickte Machthaber mit der Umsetzung der Studentenforderungen nach der Veröffentlichung aller Bauunterlagen, der Verfolgung aller Verantwortlichen, der Schaffung rechtsstaatlicher Verhältnisse und der Einsetzung einer Übergangsregierung schwer.

Einerseits soll Vucic persönlich auf die Beschleunigung der Bauarbeiten gedrängt haben, um den Bahnhof auch ohne erteilte Betriebsgenehmigung bei einer Visite des ungarischen Premiers Viktor Orban eröffnen zu können. Andererseits könnte die lückenlose Aufdeckung der geflossenen Schmiergelder auch sein direktes Umfeld belasten. Die von der SNS kontrollierte Staatsanwaltschaft sollte die Verhaftung von Vucic als „Auftraggeber einer kriminellen Vereinigung“ beantragen, die für den Tod von 15 Menschen verantwortlich sei, fordert die Oppositionspolitikerin Marinka Tepic (SSP).

400 Demonstrationen gegen Korruption

Immer wieder überholen hupende Lkws die von Polizeiwagen eskortierte Protestkolonne. Ein schöner Wanderweg sei die für blutige Unfälle berüchtigte Asphaltpiste der „Ibarski“-Überlandstraße von Cacak nach Belgrad keineswegs, räumt Bauwirtschaftsstudent Vukasin freimütig ein. „Wir könnten natürlich auch mit Bussen zu den Demonstrationen fahren. Aber wenn wir gehen, haben wir unterwegs mehr Kontakt mit den Leuten“, erklärt er den Sinn der sich mehrenden Sternmärsche: „Wir wollen mit unseren Märschen auch die Leute in den Dörfern wachrütteln, ihnen Mut machen – und sie mobilisieren.“

Wir wollen mit unseren Märschen auch die Leute in den Dörfern wachrütteln, ihnen Mut machen – und sie mobilisieren

Vukasin Gajovic, Student der Bauwirtschaft

„Wir wollen diesen Staat verändern“: der Bauwirtschaftsstudent Vukasin Gajovic auf dem Sternmarsch nach Belgrad im serbischen Dorf Brdjani
„Wir wollen diesen Staat verändern“: der Bauwirtschaftsstudent Vukasin Gajovic auf dem Sternmarsch nach Belgrad im serbischen Dorf Brdjani Foto: Thomas Roser

Das Vorhaben ist geglückt. Ob in kleinen Landgemeinden oder in den Großstädten: Allein in der letzten Woche wurden in dem 6,5 Millionen Einwohner zählenden Balkanstaat über 400 Demonstrationen gegen die Korruption gezählt. Der Psychologe Zarko Korac fühlt sich bei den Sternwanderungen gar an den gewaltlosen Widerstand des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi (1869-1948) gegen die britische Kolonialmacht erinnert.

Die Studenten setzten mit ihrem „Aufstand gegen das Unrecht“ den „aggressiven“ Machthabern eine Art gesellschaftliche Selbstsäuberung und „längst verschüttete Werte“ entgegen, erklärt der frühere Stellvertreter des 2003 ermordeten Reformpremiers Zoran Djindjic deren unerwarteten Mobilisierungserfolg: „Ihre Botschaft: Du sollst nicht stehlen. Ihre Errungenschaft: Die Angst vor den Machthabern ist verschwunden.“

Mit den Zähnen reißt der bärtige Milan an der Landstraße in Brdjani das Klebeband ab, während er zu Tischen aufgestapelte Paletten mit Folie bespannt. Die Studenten seien in Serbiens völlig „verrotteten“ Staat derzeit „die einzige Hoffnung auf Veränderung“, erklärt der 60-jährige Serbe, warum er und seine Arbeitskollegen eines nahen Folienherstellers in dem acht Kilometer nördlich von Cacak gelegenen Dorf für die Protestmarschierer ein Willkommensbuffet vorbereiten: Im Gegensatz zur „unfähigen“ und zerstrittenen Opposition sei die Stärke der Studenten, „dass sie keine Angst haben, nicht abhängig sind – und noch Vertrauen in die Menschen haben“.

Größte Demonstration der Geschichte des Landes

Nach dem Prinzip „teile und herrsche“ polarisiere Vucic das Land und die Leute, klagt Milan. Wie Serbien sei auch sein Dorf „geteilt“: „Die einen sind für die SNS und Vucic – die anderen können ihn nicht mehr ertragen.“ Eine gewisse „Bewegung“ macht er verschmitzt bei den SNS-Machthabern in der nahen Kreisstadt Gornji Milanovac aus, die im Gegensatz zu anderen SNS-Bürgermeistern den Studenten die Sporthalle als Übernachtungsstätte zur Verfügung gestellt hätten: „Vielleicht denkt da mancher schon an die Zukunft.“

In allen Ecken und Enden des Landes haben in dieser Woche Sternmärsche nach Belgrad begonnen: Am Samstag soll in der Hauptstadt die größte Demonstration der serbischen Geschichte steigen. Ausländische Geheimdienste wollten gemeinsam mit der Opposition eine „bunte Revolution“ zu seinem Sturz anzetteln, verkündet der immer nervöser wirkende Präsident – und sagt düster „gewalttätige Ausschreitungen“ für das Wochenende voraus.

Paletten als Proviantbuffet: Demonstranten bei einer Marschpause im serbischen Dorf Brdjani
Paletten als Proviantbuffet: Demonstranten bei einer Marschpause im serbischen Dorf Brdjani Foto: Thomas Roser

Im Nieselregen stapfen durchnässte Zeltbewohner im Herzen der Hauptstadt zur Essensausgabe: Wie Studenten wirken weder die wenigen jugendlichen Kapuzenträger noch die Mehrheit der stoppelbärtigen Regierungsanhänger, die in dem „Protestcamp“ vor dem Präsidentenpalast im Belgrader Pionirski-Park angeblich für die Wiedereröffnung der seit Monaten bestreikten Universitäten und Schulen kämpfen. 100 bis 200 Euro soll laut Medienberichten der den Gegendemonstranten bezahlte Tagessatz für ihren Campingeinsatz betragen. Sehr auskunftsfreudig geben sich die Campsöldner jedoch nicht. „Fragen Sie Milos, der organisiert alles“, so die Auskunft eines einsilbigen Wächters.

Studenten werden gefeiert wie Befreier

Milos ist im Dauerregen nicht zu finden. Dafür inspizieren betagte Kriegsveteranen ihre frisch bezogenen Militärzelte. Aus zwei vorgefahrenen Bussen aus der serbischen Kosovo-Enklave Gracanica zieht eine lange Kolonne von Männern mit Sporttaschen ins matschige Lager. Die Opposition argwöhnt, dass die Campbewohner bei der Großdemonstration Konflikte provozieren sollen, um Polizeieinsätze zu rechtfertigen. Nein, er sei kein Mitglied der Regierungspartei, beteuert unter einer Zeltplane stehend ein rauchender Mittvierziger: „Wir sind hier, um die Jungen zu unterstützen. Damit sie endlich wieder studieren können und die Schulen wieder öffnen.“

Wie Befreier werden sie gefeiert: Mit Beifall und Umarmungen werden sie im 140 Kilometer entfernten Brdjani bei ihrer ersten Pause auf dem Weg nach Belgrad begrüßt. Doch können Serbiens Studenten mit Sternmärschen die Position des sich an seine Macht klammernden Präsidenten tatsächlich ins Wanken bringen?

Er hoffe, dass die Forderungen der Studenten erfüllt werden, sagt in Cacak Familienvater Nenad: „Ich glaube, dass der Präsident die Leute eher teilt als einigt – und er für seine Funktion nicht mehr geeignet ist.“ Bislang seien die Proteste friedlich, sagt in Brdjani Demonstrationshelfer Milan: „Und das wird so lange bleiben, solange die Machthaber nicht Gewaltexzesse mit angeheuerten Unruhestiftern provozieren, so wie sie das bei früheren Protesten getan haben.“ Doch er sei schon am 5. Oktober 2000 beim Sturz des damaligen Autokraten Slobodan Milosevic dabei gewesen und werde sich nun erneut in die Hauptstadt aufmachen: „Wir sehen uns am Samstag in Belgrad!“

Nachtlager auf dem Weg nach Belgrad: Unterkunft für die Demonstranten in der Sporthalle von Gornji Milanovac
Nachtlager auf dem Weg nach Belgrad: Unterkunft für die Demonstranten in der Sporthalle von Gornji Milanovac Foto: Thomas Roser