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Lange Wartezeiten, wenig Pflegepersonal, kaum Ärztenachwuchs
Luxemburg gilt als wohlhabendes Land. Als eines der reichsten der Welt. Diesem Umstand entsprechend galt auch Luxemburgs Gesundheitswesen über Jahre als eines der besten der Welt. Die Betonung liegt auf „galt“, auf der Vergangenheitsform. Das Bild der nahezu perfekten medizinischen Versorgung für jedermann, jederzeit und überall hat Risse bekommen. Das Nachsehen haben die Patienten.
Foto: dpa/Bodo Schackow
Ernestine F. ist 80 Jahre alt. Die rüstige Seniorin lebt seit dem Tod ihres Ehemannes alleine in einer Wohneinrichtung, wo sie gut betreut wird. Manchmal ist sie ein wenig verwirrt, dann kann es vorkommen, dass sie den Vornamen ihrer Tochter mit dem der Schwester verwechselt. „Ansonsten ist meine Mutter aber noch ganz fit“, erzählt die Tochter. Schwierig wird es immer dann, wenn es um Arzttermine geht und die langen Wartezeiten Probleme bereiten.
Marc Spautz ist CSV-Abgeordneter Foto: privat
Kürzlich vereinbarte die Tochter einen Termin für einen Osteoporose-Test, bei dem die Knochendichte von Ernestine F. ermittelt werden soll. Sie bekam auch einen, allerdings erst für September 2024. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob solche Wartezeiten als normal anzusehen sind und inwiefern sie Patienten zugemutet werden dürfen.
Max G. ist ein aufgeweckter Teenager. Beim Fußballspielen während des Sportunterrichts in der Schule zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Das Knie war sofort stark geschwollen, die lange Wartezeit in der Notaufnahme wurde zu einer echten Qual.
Erst nachdem er zusammen mit seinem Vater, der vorsorglich etwas Verpflegung mitgebracht hatte, sieben Stunden im Wartesaal ausgeharrt hatte, wurde das Knie geröntgt. Doch die Aufnahmen zeigten kein eindeutiges Bild. „Ohne MRT-Aufnahme kann ich nicht sagen, ob das Kreuzband gerissen ist oder nicht“, sagte der behandelnde Arzt. Statt wochenlang auf einen Termin hierzulande zu warten, wurden die Aufnahmen im benachbarten deutschen Grenzgebiet gemacht. Derartige Wartezeiten sind umso unverständlicher, als der Staat mittlerweile über doppelt so viele Geräte verfügt und auch am Wochenende Termine in vier Krankenhäusern angeboten werden.
Eine Bankrotterklärung?
Vor einigen Tagen veröffentlichte eine ehemalige Journalistin auf ihrem Facebook-Account das Antwortschreiben des „Centre hospitalier de Luxembourg“ (CHL), nachdem sie erfolglos einen Termin in der Kardiologie beantragt hatte. „Nous devons actuellement faire face à une demande accrue, ce qui nous oblige à donner la priorité aux cas complexes requérant un service hautement spécialisé. Nous regrettons de ne pouvoir honorer votre demande de rendez-vous“, lautet die Antwort des CHL, die mit „Nous vous remercions de votre confiance et compréhension“ endet. Ein paar Tage zuvor hatte die ehemalige Journalistin im Übrigen die gleiche Antwort erhalten, als sie einen Termin in der Gastroenterologie im CHL beantragt hatte.
Kommt ein solches Antwortschreiben nicht einer Bankrotterklärung gleich? Die eigentliche Frage ist, wie es überhaupt zu einer solch besorgniserregenden Entwicklung im nationalen Krankenhauswesen kommen konnte.
Besagten Facebook-Post nahm ein liberaler Abgeordneter zum Anlass, um eine parlamentarische Frage zu stellen. Er will von der Gesundheitsministerin wissen, ob es in dem Bereich tatsächlich Engpässe gibt und wenn ja, wie diese überwunden werden können. Damit ist er endgültig entbrannt, der Streit zwischen den drei Koalitionären über die gravierenden Probleme und Missstände im Gesundheitswesen.
Die Schuld daran gänzlich auf das Covid-19-Virus zu schieben, hieße, sich die Sache allzu einfach zu machen. Die Pandemie hat aber eindeutig gezeigt: Es brennt lichterloh im Gesundheitswesen. Da helfen weder Aktionismus und Versprechen noch vermeintlich schlaue Antworten in Interviews und Rundtischgesprächen.
Ausgelaugte Fachkräfte
Die anfangs genannten Beispiele zeigen, wie überfordert und schlecht aufgestellt das Gesundheitswesen des Großherzogtums ist, das laut Statec zum 1. Januar 2023 insgesamt 660.809 Einwohnern zählte. Und jedes Jahr werden es deren mehr: in der Regel 13.000 Einwohner, was in etwa der Einwohnerzahl der Gemeinde Schifflingen entspricht. Hinzu kommen außerdem Flüchtlinge aus der Ukraine und anderen Ländern, die auch medizinisch betreut werden müssen und deren bisherige Gesundheitsvorsorge sicher nicht das gleiche Niveau hatte wie die hiesige.
Die Pandemie hat die Probleme ans Tageslicht gefördert. Stundenlanges Warten in der Urgence. Monatelanges Warten auf Arzttermine. Personalmangel. Hinzu kommen Arbeitskräfte aus dem medizinischen Bereich, die ihrem Beruf den Rücken zuwenden. Weil sie ausgebrannt und ausgelaugt sind. Durch die Pandemie und weil die Personaldecke zu dünn ist.
Die Zeit drängt. Es ist höchste Zeit, junge Menschen für Gesundheitsberufe zu sensibilisieren und die Ausbildung des Pflegepersonals zu fördern. Helfen könnte eine gezielte und durchdachte Kampagne. Die Vorzüge dieser Berufssparte – Gehalt, Kollektivvertrag, Urlaub, Sicherheit des Arbeitsplatzes usw. – sollten dabei in die Vitrine gestellt werden.
Ein weiteres Problem ist der akute Ärztemangel. Eng damit verbunden: die Altersstruktur bei den Medizinern. Der größte Teil der Ärzte ist 54 Jahre alt oder älter. Es mag sein, dass das ein Generationenproblem ist, wie kürzlich in einer Talkrunde gesagt wurde. Fakt ist aber auch, dass der Ärztemangel ein europaweites Phänomen ist.
Gedankt sei an dieser Stelle all jenen Ärzten, die sich trotz fortgeschrittenen Alters weiter um die gesundheitlichen Belange der Bürger kümmern. Würden all diese Ärzte innerhalb eines Jahres aufhören, würde das Gesundheitssystem kollabieren.
Kampagnen für Männer
Es ist höchste Zeit, ein komplettes Masterstudium an der Uni.lu anzubieten. Zudem sollte man den luxemburgischen Medizinstudenten im Ausland nach Abschluss ihres Studiums eine Rückkehr nach Luxemburg schmackhaft machen. Dieser Verlust an Kompetenz ist nämlich nicht mehr tragbar für Luxemburg.
Abhilfe schaffen könnte auch das Fördern von Sammelpraxen, d.h. mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachgebiete tun sich in regionalen Strukturen zusammen. Das trägt zur Entlastung der Notaufnahmen in Stadt-Luxemburg, Esch/Alzette und Ettelbrück bei und würde sich positiv auf Koordination und Organisation ausüben.
Abschließend noch ein Wort zu den Infokampagnen der „Santé“: Sie sind zu einseitig. Warum nicht einfach auch Kampagnen für Männer ins Leben rufen? Prostata-Voruntersuchung ab 50 zur Bestimmung des PSA-Wertes alle ein bis zwei Jahre zum Beispiel. Oder eine Koloskopie-Untersuchung ab 50. Oder Männer-Gesundheitstage mit Themen wie Fettleibigkeit und Alkoholmissbrauch. Und dann die Volkskrankheit Nummer eins: Rückenschmerzen. Warum nicht eine gezielte Kampagne lancieren und das Thema Ergonomie am Arbeitsplatz in den Fokus stellen? Prävention ist das A und O in dieser Hinsicht.
Neue Ideen, andere Herangehensweisen, Mut zur Veränderung – die Zeit ist reif für frischen Wind in der Gesundheitspolitik. In der Santé müssen die Fenster und Türen endlich weit aufgerissen werden. Die Gesundheitsversorgung muss sowohl strukturell als auch organisatorisch an die Realitäten, d.h. die wachsende Bevölkerung, angepasst werden.