Eine karge, grüne Prärie, so weit das Auge reicht. Martin Scorsese lässt es sich gleich zu Beginn seines neuen Films „Killers of the Flower Moon“ nicht nehmen, John Fords filmischen Geist für wenige Augenblicke wieder auferstehen zu lassen. Denn die Ruhe des Settings, des Bodens, ist nur von kurzer Dauer. Kurz nachdem eine Off-Stimme von mysteriösen, von den Behörden nicht weiter verfolgten Todesfällen berichtet, rumort es in einer pechschwarzen Lache dieser unangetasteten Naturlandschaft. Ohne Vorwarnung schießt eine Geysir-ähnlich Fontäne aus dem Boden. Nur ist es kein Wasser, sondern eine Ölfontäne.
Dass dieses schwarze Gold nicht nur umgangssprachlich an der Quelle der vorhin aufgezählten toten Menschen steht – dafür muss man keine Montage-Theorien studiert haben. Der 80-jährige Filmemacher kontert mit einem ganz selbstbewussten – Scorsese-Spätwerk oblige –, dreieinhalb Stunden langen Anti-, Post- oder Neo-Western, der trotz seiner zum Teil klassizistisch anmutenden Form Ford nie hätte inszenieren können. Mit „Killers of the Flower Moon“ gönnt sich Martin Scorsese Zeitreise und Tapetenwechsel zugleich,
was in seinem Œuvre eher die Ausnahme als die Regel ist.
Systemische Ausbeutungskultur
Oklahoma, 1921. Die Vereinigten Staaten haben sich vom Wilden Westen eigentlich verabschiedet. Züge und Autos durchkreuzen das Landschaftsbild, die Figuren streifen die letzten Cowboy-Affekte ab. Ernest Burkart hat seine lange Rückkehr von der europäischen Front des Ersten Weltkrieges beendet und landet bei seinem Onkel William K. Hale in Fairfax. Ohne den Segen des „King of the Osage Hills“ passiert dort nichts. Der Viehzüchter Hale ist Respektsperson für die Weißen und die indigenen Osage zugleich. Dem sehr naiven Neffen Ernest wird jedenfalls schnell geraten, sich doch bitteschön eine Rote aussuchen. Denn wer Osage sagt, meint eigentlich Geld.
Den Osage-Indianern wurden irgendwann rechtlich Ländereien – das heutige Osage County – zugesprochen, von denen sie nicht mehr ausgesiedelt werden konnten. Scheinbar karge und fruchtlose Ländereien. Aber niemand konnte voraussagen, dass die Osage auf den größten Ölreserven der Vereinigten Staaten leben würden. Auf einen Schlag wurden die Osage die reichsten Menschen der USA. Und während Ernest die indigene (und sehr reiche) Molly Kyle kennenlernt, kommt es zu diesen mysteriösen Morden an den Osage-Indianern, die als Schreckensherrschaft in die Geschichte der USA eingehen sollten.
Dieser Schandfleck der Geschichte der Vereinigten Staaten ist nicht nur eine kleine lokale Anekdote, sondern steht für eine systemisch begangene und nicht aufgearbeitete Ausbeutungskultur seitens der weißen Siedler gegenüber der amerikanischen indigenen Völker. Dabei beruht Scorseses neuer Film auf dem 2017 erschienenen Sachbuch von David Grann mit dem gleichen Titel. Der Filmemacher versammelt für seine neue Freske seine beiden schauspielerischen Musen, mit denen er seit Jahrzehnten zusammenarbeitet: Robert De Niro gibt den mephistophelischen William King Hale, während Leonardo DiCaprio den einfach zu manipulierenden Neffen personifiziert.

Das Herzstück des Films bildet die Beziehung zwischen DiCaprios Ernest zu seiner von Lily Gladstone verkörperten Frau Molly. Eine – je nach Sicht auf die Fronten – tragische oder mehr als zwiespältige Liebesgeschichte, die das Unrecht an den Osage menschlich fassbar macht. Diese Entscheidung reduziert jedoch keinesfalls die Größenordnung der Osage-Tragödie. Die Gegenüberstellung ist nicht nur eine dramaturgische, sondern lässt sich ganz frappant im Schauspiel wiederfinden. Vermehrt merkten Filmbesprechungen nach Cannes an, dass De Niro und DiCaprio eine Theatralik an den Tag legten, die zum Teil in die Karikatur rutsche. So zieht Leo oft ein Gesicht mit absenkenden Mundwinkeln, als ob er sich über De Niro lustig machen würde. Den beiden setzt Lily Gladstone eine natürliche Autorität, Ruhe und Traurigkeit entgegen, die weitaus mehr ist als nur Figurengestaltung. Gladstone – sie selbst stammt von den Piegan- und den Nez-Perce-Völkern ab – scheint tatsächlich mit dem Boden, auf dem der Film spielt, eng verwurzelt, während die beiden Herren zum künstlichen Dekorum der Filmmaschinerie gehören.
Martin Scorsese nimmt sich bei der fast 210-minütigen Filmlänge sehr viel vor. Wegen seiner Entscheidung, Ernest/Molly in den Mittelpunkt zu setzen, wirkt es manchmal, als ob die anderen Figuren und Handlungsstränge nur kurz angekratzt würden. Aber Scorseses Inszenierungstalent macht alles das wett. Sein neues Epos rollt ungebremst voran und man ist sich seiner verspielten, glasklaren Bildregie oft gar nicht mehr bewusst. Mitunter reicht ein schwarz-weiß karierter Bodenbelag, der sich in De Niros Brillengläsern widerspiegelt, um zu ahnen, dass hier ein klar durchdachtes Schachspiel mit sehr vielen antizipierten Zügen gespielt wird.
De Maart
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