Lebende LegendeKeine Panik! Die Kometen von Udo Lindenberg schlagen seit 50 Jahren ein

Lebende Legende / Keine Panik! Die Kometen von Udo Lindenberg schlagen seit 50 Jahren ein
Der Sänger und Musiker Udo Lindenberg raucht eine Zigarre während der Gold-Auszeichnung für das Album „Udopium“ im Brahms-Foyer in der Laeiszhalle Foto: Marcus Brandt/dpa

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Als Udo Lindenberg und das Panikorchester anfingen, war deutschsprachige Rockmusik noch nicht besonders populär. Doch das sollte sich auch dank ihnen gehörig ändern. Seitdem gab es für sie Höhen und Tiefen – und nun wieder einen langen Höhenflug.

Wenn Mitglieder von Udo Lindenbergs Panikorchester die Gründungsgeschichte der berühmten Band erzählen, variiert die gern ein wenig. Zumindest in Nuancen. Wie der Grundstein für dieses Stück Musikgeschichte dagegen gelegt wurde, das ist unstrittig, wie Panikorchester-Urgestein Steffi Stephan der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg sagt.

Denn als der Bassist in den späten 1960er Jahren als Ersatz für seinen kranken Drummer spontan einen Trommler namens Udo Lindenberg holte, war ihm schnell klar, dass das was Größeres werden könnte. Nun gibt es das Panikorchester, das im Sommer 1973 gegründet worden ist, seit 50 Jahren.

„Das Verrückte ist dabei: Es hat sofort Klick gemacht. Bei uns hat die ganze Chemie wunderbar gestimmt“, erinnert sich der 76-Jährige. Schon wenig später wohnten und studierten sie zusammen in Münster – allerdings nur für zweieinhalb Jahre. „Wir sind dann beide von der Musikschule geflogen, mit den schon magischen Worten: „Wollen Sie weiter Ihre Hotten-Totten-Musik machen oder ernsthaft Musik studieren?“ Wir haben uns für die Hotten-Totten-Musik entschieden, war ja nicht das Falscheste“, sagt Stephan. Doch zunächst verliefen sich die Pläne. Alltag, Ausbildung zum Wurstvertreter, Hochzeit – das Leben eben.

„Und irgendwann habe ich Udo wiedergetroffen in Münster, ganz zufällig – da hatte er schon eine riesige Karriere gemacht bei Klaus Doldinger.“ Die Lust aufs gemeinsame Jammen war groß und Stephan hatte in seinem Wurstlager eine kleine Proben-Ecke mit Schlagzeug. Und wieder sind beide geflasht von ihrem Zusammenspiel: „Wir haben sofort gemerkt, da ist was ganz Besonderes.“ Und irgendwann habe es dann die erste Session mit der ganzen Band gegeben und „Udo hat dann gesagt: „Steffi, wir machen jetzt unser eigenes Ding!“.

Das Panikorchester war geboren – irgendwann im Sommer 1973. Wie es genau zu dem Namen kam, ist nicht ganz sicher. Da variieren die Geschichten wieder ein wenig. So wie auch die Besetzung über die folgenden fünf Jahrzehnte. Neben Lindenberg und Stephan gehörten Gottfried Böttger, Peter „Backi“ Backhausen, Karl Allaut und Judith Hodosi zu den Gründungsmitgliedern. Einige von ihnen gingen schnell wieder – zu wild und unsortiert war ihnen die Band.

Die kommenden Jahre auf den Bühnen blieben denn auch laut, deutsch-rockig, wild, verrückt – und feucht-fröhlich. Eine Promille-Untergrenze war mehr oder weniger vom Chef persönlich vorgeschrieben worden. „Immer das leicht breite Party-Ding und keinen langgesichtigen, verkniffenen Deutschrock mehr“, sagt Lindenberg selbst dazu.

Der Sänger und Musiker Udo Lindenberg (M.) mit Mitgliedern seines Panikorchesters – Jean-Jacques Kravetz, Steffi Stephan, Hannes Bauer und Hendrik Schaper (von links)
Der Sänger und Musiker Udo Lindenberg (M.) mit Mitgliedern seines Panikorchesters – Jean-Jacques Kravetz, Steffi Stephan, Hannes Bauer und Hendrik Schaper (von links) Foto: Marcus Brandt/dpa

Der immense Alkoholkonsum ist es aber am Ende auch, der die verbliebene Stammbesetzung des Panikorchesters 1988 auseinandertreibt. „Das ist mir menschlich sehr nah gegangen, dass mein Freund sich damit so kaputt macht. Da musste ich aussteigen. Da musste ich Abstand nehmen“, erinnert sich Stephan weiter. Mit ihm gingen Pianist Jean-Jacques Kravetz, Schlagzeuger Bertram Engel und Gitarrist Hannes Bauer. Dass sich das legendäre Panikorchester 1996 doch wieder zusammen gefunden hatte, hatte einen guten Grund: „Zu Udos 50. Geburtstag bin ich wieder eingestiegen – aber nur unter der Bedingung, dass Udo mit dem exzessiven Trinken aufhört.“ Zur Band gehören auch Keyboarder Hendrik Schaper und Gitarrist Jörg Sander und die im März gestorbene Gitarristin Carola Kretschmer.

Und damit begann im Grunde auch die stärkste Zeit des Panikorchesters. Es folgte die erste Durchbruch-Platte. „Stark wie zwei“ schaffte es auf Platz 1 der Albumcharts. Auch „Stärker als die Zeit“ holte sich den Podestplatz. Eine eigene Platte ohne Udo hat das Panikorchester allerdings noch nicht gemacht. „Das haben wir nicht hingekriegt. In den ganzen 50 Jahren nicht“, so Stephan. Gleichzeitig war ihnen ein gleichberechtigtes Miteinander mit Udo immer wichtig.

Als schönste Errungenschaft des Panikorchesters bezeichnet Stephan den sogenannten Schinken-Groove – angelehnt an den einstigen Probenraum im Wurstlager. „Die Art und Weise wie Udo singt, die rhythmischen Phrasierungen von ihm, das ist einmalig. In der Band ist ein unheimlicher Swing. Das kann man so nirgendwo anders hören. Der Groove ist einfach anders.“

Zum Bandjubiläum erscheint auf Arte am Freitag eine eineinhalbstündige Dokumentation über das Panikorchester, die zudem am Abend als Weltpremiere in der Kunsthalle Rostock laufen soll. Dann soll auch eine Box mit gleich sechs Schallplatten und CDs zum Jubiläum erscheinen – mit 56 Live-Songs aus fünf Jahrzehnten.

Udo Lindenberg und das Panikorchester haben in den vergangenen 50 Jahren Musikgeschichte geschrieben – ob Rock-Musik auf Deutsch oder klare Kante gegen Intoleranz und Rechts. Kulturstaatsministerin Claudia Roth beschreibt das in der Doku so: „Das war wie ein Einbruch in die deutsche Spießigkeit.“ Lindenberg und das Panikorchester hätten wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland sich verändern konnte. „Dass dieses Land offener und bunter ist und diese Diversität anerkennt.“

Komiker Otto Waalkes ist vor allem beeindruckt von der Wucht, mit der die Gruppe seit Jahrzehnten auf den Bühnen unterwegs ist. „Diese Band ist eine ewige Energie. Ich weiß nicht, wie sie es machen, es ist ein ewiges Geheimnis.“

Mitgründer Steffi Stephan hat eine Idee, warum das so ist. „Zwischen uns gibt es einfach eine ganz tiefe Freundschaft.“ Diese Harmonie untereinander sei fast noch wichtiger als die Qualität der Musiker. „Und wir können beides“, so Stephan. Die bislang schönste Phase des Panikorchesters habe er noch nicht erlebt, sagt er schließlich. Denn er ist sich sicher: „Die kommt noch!“

max.l
15. September 2023 - 9.23

super, dat kucke mër.. merci fiir dee flotten Artikel.. a viirun esou, - wie ein Komet..