HalbwahrheitenTüröffner für Spekulationen – Eine Expertin über Wahrheit, Lüge und die Rhetorik dazwischen

Halbwahrheiten / Türöffner für Spekulationen – Eine Expertin über Wahrheit, Lüge und die Rhetorik dazwischen
Nicola Gess ist Literaturwissenschaftlerin und lehrt an der Universität Basel. Sie leitet das Forschungsprojekt „Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen Zeitalter‘“ und hat 2021 das Buch „Halbwahrheiten – Zur Manipulation von Wirklichkeit“ im Berliner Matthes & Seitz Verlag publiziert. Foto: Philipp v. Ditfurth

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Sich mit Literatur zu beschäftigen, ist ihr Beruf. Nicola Gess (48) ist Professorin für neuere deutsche und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel (CH). Mittlerweile ist sie allerdings auch eine gefragte Expertin für Halbwahrheiten, über die sie 2021 ein viel beachtetes Buch geschrieben hat. Sie begegnen ihr im Nachdenken über postfaktische Politik, der sie mit den Methoden der Literaturwissenschaft zu Leibe rückt. Ein Gespräch über das Thema und dessen Einzug in Politik und Journalismus.

Tageblatt: Normalerweise sind Walter Benjamin, Gottfried Benn oder Robert Musil Ihre Themen. Wann und wie sind Sie auf Halbwahrheiten gestoßen?

Nicola Gess: Das war 2016. Die Wahl Trumps und der Brexit-Wahlkampf haben nicht nur mich, sondern viele andere umgetrieben. Da konnte man politische Akteure in Aktion sehen, für die die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge keine große Rolle mehr zu spielen schien. Das hat mich beunruhigt, und ich habe mich gefragt, wie funktioniert dieser sogenannte „postfaktische Diskurs“ eigentlich? Gleichzeitig war ich davon überzeugt, auch als Literaturwissenschaftlerin etwas zur Beantwortung dieser Frage beitragen zu können, indem ich mich näher mit Halbwahrheiten beschäftige.

Normalerweise beschäftigen Sie sich aber eher mit Fiktion?

Ja, das stimmt; aber Halbwahrheiten sind da gar nicht so weit weg. Im postfaktischen Feld funktionieren sie sozusagen als Türöffner zum Universum der Spekulation und der Fiktion. Außerdem funktionieren sie in vielerlei Hinsicht wie kleine Erzählungen.

Was bedeutet denn „postfaktisch“ oder „postfaktisches Zeitalter“?

Der Begriff ist eigentlich etwas unglücklich. Er suggeriert, dass wir uns vorher in einem rein faktischen Zeitalter bewegt hätten, was natürlich nicht stimmt. Aber 2016 wurde dieser Begriff geprägt und sogar zum Wort des Jahres gewählt, weil viele Leute den Eindruck hatten, dass sich gerade etwas verändert auf der politischen Bühne; dass für bestimmte politische Akteure und ihre Wählerinnen und Wähler die Frage nach der Wahrheit überhaupt keine Rolle mehr zu spielen schien. Donald Trump ist da das wohl prominenteste Beispiel. Es war ihm egal, ob das, was er sagt, stimmt oder nicht. Wichtig war ihm nur, wie es ankommt und dass es glaubwürdig klingt.

Gibt es eine Art „Bedienungsanleitung“ für die Kreation einer Halbwahrheit?

Also, Halbwahrheiten sind Falschaussagen, aber zur Definition der Halbwahrheit gehört, dass ein kleiner Teil von ihr stimmt, der dann die Aussage als Ganze mit dem Anschein von Wahrheit ausstattet. Und der andere, der spekulative oder fiktive Teil liefert dann das, was das Publikum gern hören will, bestätigt zum Beispiel bestimmte Voreinnahmen, Stereotype oder bekannte Erzählungen.

Gibt es Zeiten, in denen Halbwahrheiten besonders gut ankommen?

Ja, in Wissens- und Vertrauenskrisen. Es passiert etwas und man weiß nicht, was los ist. Da taucht eine neue Krankheit auf, man weiß nicht, wo sie herkommt und was das Virus letztendlich für uns bedeutet. In solchen Zeiten ist man angewiesen auf Expertinnen und Experten, denen man vertraut und die einem dann das Wissen liefern, was man selbst nicht hat. Wenn die Wissenskrise sich dann in eine Vertrauenskrise ausweitet, entsteht ein Vakuum, in dem die Menschen für Desinformation oder Verschwörungstheorien anfällig sind. Das sehen wir gerade.

Wo definieren Sie die Grenze zwischen Lüge und Halbwahrheit?

Also, die Lüge orientiert sich an der Wahrheit als einer Instanz, der sie sich widersetzt, damit aber indirekt als Instanz anerkennt. Für die Halbwahrheit spielt das Kriterium der Wahrheit hingegen gar keine Rolle mehr – auch keine negative. Sie läuft letztlich auf die Einebnung der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge heraus. Deshalb ist sie auch viel schwerer zu widerlegen als eine Lüge.

Halbwahrheiten setzen aber auch ganz stark auf eine bestimmte Wirkung …

Ja, wenn ein Verschwörungstheoretiker zum Beispiel neue Anhänger für sich gewinnen will, dann sind Halbwahrheiten ein sehr gutes Instrument. Sie schlagen die Brücke zwischen dem Reich der Fakten und dem Reich der Fiktion. Sie suggerieren, dass derjenige, der sie erzählt, noch an einer Meinungsbildung auf faktischer Grundlage interessiert ist. Das lässt ihn glaubwürdig erscheinen. Aber der fiktionale Teil der Halbwahrheit zieht das Publikum dann hinein in das Paralleluniversum der Imagination.

Neuerdings verbreiten auch Politiker ganz ungeniert Halbwahrheiten. Von denen erwartet der Wähler, also wir alle, aber Fakten. Ist das politisch nicht sehr gefährlich?

Na ja, es gibt ja auch genug Politiker, die sich von Desinformationskampagnen jeder Art distanzieren und es genau anders machen wollen. Die Entscheidungen, die im Parlament getroffen werden, sollten faktenbasiert sein, und sowohl diese Grundlage als auch die Meinungsbildungsprozesse sollten transparent gemacht werden. Aber schon Hannah Arendt (1906-1975, jüdisch-deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin, Anm. d. Red.) hat gesagt, die Lüge war immer ein erlaubtes Mittel in der Politik. Schon sie hat die Gefahr erkannt, dass der Unterschied zwischen Fakten und Meinungen verwischt wird, was wir heute sehr gut beobachten können. Halbwahrheiten haben allgemein gute Chancen, wo es eine ausgeprägte Kultur der Selbstdarstellung gibt, wo es mehr auf den Schein als das Sein ankommt. Das ist heute vielfach so – auch in der Politik. 

Boris Johnson?

Ja, er ist wie Trump eine Figur, der schon vor seiner politischen Karriere Hochstapelei nachgesagt wurde. Beide haben sich schon immer die Wahrheit zurechtgebogen, wie es ihnen passte. Im Feld der Politik ist das aber sehr problematisch. Diskurse Meinungsbildung, wie sie zum Wesen demokratischer Politik gehört, kann nur auf dem Boden einer gemeinsam geteilten Wirklichkeit gedeihen. Das heißt, man kann sich nur dann demokratisch eine Meinung über etwas bilden und sie kontrovers diskutieren und schließlich Entscheidungen treffen, wenn man eine gemeinsame faktische Grundlage dazu hat.

Die sozialen Netzwerke funktionieren extrem gut als „Brandbeschleuniger“ bei Halbwahrheiten und nicht nur da. Stimmen Sie dem zu?

Ja. Sie sorgen für eine rasche und weiträumige Verbreitung, und sie tragen auch zur Entstehung von Halbwahrheiten bei. Das hat auch mit den Formaten der Plattformen zu tun. Twitter zum Beispiel funktioniert mit extremer Verkürzung und Kommentierung. Das trägt dazu bei, dass da sehr schnell Halbwahrheiten entstehen. Außerdem gibt es auf diesen Plattformen keine Gatekeeper und keine Quellenkritik. Hinzu kommt, dass die Algorithmen dieser Plattformen nicht die Richtigkeit einer Information belohnen, sondern die generierte Aufmerksamkeit. Andererseits macht das Web Expertenwissen aber auch sehr gut zugänglich, viel mehr als früher.

Wie entlarvt man Halbwahrheiten? Bei dem mit Preisen überhäuften Journalisten Claas Relotius hat es ziemlich lange gedauert. Warum eigentlich?

Claas Relotius (deutscher Journalist, der 2018 mit seinen mit Preisen ausgezeichneten Reportagen, die teilweise frei erfunden waren, einen Medienskandal auslöste, Anm. d. Red.) hat seine Täuschungen sehr geschickt mit Halbwahrheiten getarnt. Seine Geschichten waren ja nicht komplett fiktiv, sondern ein kleiner Teil hat gestimmt. Und das war entscheidend dafür, dass er so lange nicht aufgeflogen ist. Und er war auch sehr erfolgreich; der Spiegel hat von seinen Reportagen natürlich profitiert. Relotius hat den Leserinnen und Lesern gegeben, was sie hören wollten: ästhetisch und moralisch ansprechende Geschichten, bei denen zum Beispiel am Ende die Bösen bestraft werden.

Sie empfehlen bei Halbwahrheiten nicht den üblichen Faktencheck, sondern einen „Fiktionscheck“. Wie soll der aussehen?

Der Faktencheck ist etabliert und sehr sinnvoll. Der „Fiktionscheck“ soll den Faktencheck ergänzen. Ich meine damit, man sollte zum einen besonders da sehr wachsam sein, wo eine Geschichte zu rund ist, zu gut zu meinen Erwartungen passt. Bei Relotius hatten die Reportagen eine Spannungskurve, waren schön abgerundet und jede Figur erfüllte ein Klischee. Zum anderen sollte man sich fragen, wie die Geschichte funktioniert, wie sie gemacht ist – dann fällt mir vieles beim nächsten Mal eher auf, auch Halbwahrheiten. Und zum Dritten ist es wichtig zu schauen, welche Motive Menschen veranlassen könnten, solchen Geschichten Glauben zu schenken. Die Konjunktur von Halbwahrheiten weist ja letztlich auf eine soziale Krisensituation hin, und an die muss man drankommen.

Welche Halbwahrheit finden Sie aktuell am schlimmsten?

Im Moment finde ich die Halbwahrheiten am schlimmsten, die dazu dienen, Verschwörungstheorien bezüglich Corona mit Glaubwürdigkeit zu versehen. Das ist ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft und wohl noch lange nicht ausgestanden.

Vortrag in Luxemburg 

Nicola Gess ist am 31. Mai auf Einladung des „Institut Pierre Werner“ zu Gast in Luxemburg und spricht zum Thema. Der Vortrag und die anschließende Diskussion ab 19.00 Uhr in der Abtei Neumünster wird von Georg Mein moderiert. Tickets unter billetterie@neimenster.lu oder per Telefon unter 352 26 20 52 444. 

HTK
3. Februar 2022 - 9.45

" Es passiert etwas und man weiß nicht, was los ist." Das wird wohl das Hauptproblem sein.Nichtwissen oder meinen etwas zu wissen und im Zweifelsfall bei Facebook & Co nachfragen.Das kann nur ins Auge gehen. Trumps Waffe war seine Arroganz mit der er seine Dummheit kaschierte und eine Wählerschaft die eben unter diese Bürgergattung fiel und via Twitter leicht zu kontrollieren war.Der " White Trash " wie sie in der NZZ genannt wurden. Was da möglich ist haben wir beim Sturm auf das Kapitol gesehen. Bildungsmangel und schlechtes Sozialverhalten wird es immer geben,dabei sollte man aber nicht Präsident der USA werden. Aber wir haben auch Beispiele genug im Rest der Welt. Wo kommen die Schwurbler her? Es geht ja nicht nur um Menschen die Angst haben sich impfen zu lassen. Wenn dann ausgewiesene "Spezialisten"wie der unsägliche Ochs(den Dr-Titel habe ich ihm eigenmächtig aberkannt),der dann auch noch Meineid betreibt(46 Tote durch Corona-Impfung in einem Altenheim!),ihren Schmarrn unter die Menge besagter Bürger bring,dann wird es schwer eine Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Also: Halten wir uns an den Slogan der Sesamstraße " Wieso? Weshalb? Warum?- Wer nicht fragt bleibt dumm." Dabei sollte man aber schauen bei wem man fragt.