Coronavirus

Die Schattenseite des Sonderweges: In Schweden bleiben die Alten auf der Strecke

Schweden hat anders als die meisten Staaten der Welt keinen Lockdown verhängt. Es gab zwar Maßnahmen, aber auch die waren wesentlich weniger streng als in den Nachbarländern. Jetzt allerdings hat das Königreich auch viel mehr Tote zu beklagen. Besonders zahlreich starben Menschen in Pflegeheimen. Die Suche nach den Schuldigen beginnt gerade. 

Schweden hat den Lockdown vermieden, muss aber jetzt viele Tote betrauern, weil die Altersheime nicht ausreichend geschützt wurden

Schweden hat den Lockdown vermieden, muss aber jetzt viele Tote betrauern, weil die Altersheime nicht ausreichend geschützt wurden Foto: AFP/Jonathan Nackstrand

Mit einer großen Summe von umgerechnet 207 Millionen Euro will Schwedens rot-grüne Regierung das Sozialsystem für alte Menschen retten und dabei gleichzeitig die eigene Reputation als fürsorgende Politiker. Denn knapp die Hälfte der 3.313 Toten in der Pandemie machten bislang Menschen in Altersheimen aus, jede Region des Landes ist betroffen, am meisten der Raum Stockholm.

Dabei sollten gerade die Alten auf dem schwedischen Sonderweg, wo ein Lockdown bislang vermieden wurde, besonders geschützt werden. Das Land ist während der Corona-Krise berühmt geworden für seine Strategie, Restaurants und Kneipen sowie Kindergärten und Grundschulen bislang offen gelassen zu haben. Der „Staatsepidemiologe“ Anders Tegnell und damit die schwedische Regierung verfolgen das Ziel der möglichst zügigen Herstellung einer Herdenimmunität, also eine fortschreitende Durchinfizierung des gesunden Teils der Bevölkerung.

Ein zentraler Punkt, damit dies gelingen konnte, war die Absicherung der Risikogruppen vor allem in den Alters- und Pflegeheimen – doch hier ist Schweden gescheitert. Wohl auch, weil der schwedische Staat zuletzt deutlich in der Fürsorge für alte Menschen sparte und stattdessen auf die Privatisierung des Sektors setzte. Das Land ist längst nicht mehr der Wohlfahrtsstaat, wie es in den 70er-Jahren der Fall war. So wurden innerhalb von 20 Jahren 30 Prozent der kommunalen Altersheime abgeschafft. Auch deswegen sind die Menschen, die eingeliefert werden, weitaus gebrechlicher und somit von einer Virusverbreitung stärker betroffen.

Gesundheitsamt zeigte sich überrascht

Zudem war das Gesundheitsamt nicht in der Lage, die Pflegekräfte zu testen und mit ausreichend Schutzausrüstung zu versorgen. Auch sind die Pfleger zu einem großen Teil schlecht bezahlte Migranten, die in beengten Verhältnissen wohnen, wo sich das Virus rasch ausbreiten kann. Oft lassen diese sich nicht krankschreiben, da sie auf den Lohn angewiesen sind.

Im schwedischen Gesundheitsamt, dessen Vertreter tagtäglich eine Pressekonferenz zur Corona-Lage abhalten, zeigte man sich von den Ausmaßen der Covid-19-Fälle in den Altenheimen überrascht. Erst Ende der vergangenen Woche konnte eine sonst dort abgelehnte OP-Maske für das Personal angedacht werden. „Trotz der geringen wissenschaftlichen Grundlage kann man dies als Extramaßnahme erwägen“, so Malin Grape, die Verantwortliche für Hygiene der Behörde.

Marta Szebehely, pensionierte Professorin für Sozialarbeit, kann die Überraschung des Gesundheitsamts nicht nachvollziehen, die Probleme in den Altersheimen seien schon lange bekannt gewesen. „Die ganze Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen“, diesen Satz wiederholt die Gesundheitsministerin Lena Hallengren seit einiger Zeit. Doch damit bringt sie viele Angehörige von Altersheimbewohnern gegen sich auf, die beklagen, dass die in Pflegeheimen Verstorbenen viel Steuern bezahlt hätten und nun nichts davon hätten. Es fehle die Handlungsverantwortung der Politik, so die Kritik.

Im Blick der Weltöffentlichkeit

„Das, was Schweden tut, ist das Umsetzen eines akademischen Modells, da das Gesundheitssystem einer theoretischen Denkweise, jedoch keinem politischen Modell folgt“, so der schwedische Ökonom Tino Sanandaj auf Anfrage, der als prominenter Kritiker der schwedischen Krisenbewältigung gilt.

Mittlerweile rührt sich auch die Opposition, die sich lange zurückgehalten hat, mit Unzufriedenheit über die aktuellen Verhältnisse. „Die ganze Strategie baut ja darauf auf, dass Alte und andere Risikogruppen geschützt werden. Und dies ist im großen Ausmaß missglückt“, so Jimmie Akesson, Chef der rechten Schwedendemokraten. Der sozialdemokratische Regierungschef Stefan Löfven würde sich hinter dem Beamten Anders Tegnell „verstecken“. Diesem Vorwurf pflichtet auch Ulf Kristersson zu, der Vorsitzende der bürgerlichen „Moderaten“.

Bislang kam die Symbiose aus Regierung und Gesundheitsamt gut in der Bevölkerung an – so ist das Vertrauen nach Umfragen in das Gesundheitsamt von März bis April von 50 Prozent auf 71 Prozent gestiegen, das der Regierung von 34 auf 53 Prozent. Auch von der WHO, die Schweden kürzlich noch lobte, kamen keine guten Nachrichten für Schweden. Mike Ryan, zuständig für Krisenmanagement, erklärte, die Wahrscheinlichkeit einer Lösung durch die Herstellung einer Herdenimmunität besser nicht zu hoch einzuschätzen. Nach jüngsten Studien seien weniger Antikörper in den einzelnen Bevölkerungsgruppen nachgewiesen worden, als vorige Studien dies behaupteten. Tegnell hingegen glaubt, dass Stockholm bereits im Juni eine Herdenimmunität erreichen könnte. So oder so: Mit seinem Sonderweg wird Schweden während der Corona-Krise weiterhin im Blick der Weltöffentlichkeit stehen.

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