Von der mysteriösen Schallattacke am vergangenen Samstag hat sich die Belgrader Studentin Sanja bis heute nicht erholt. Die seitdem von ihr aufgesuchten Ärzte konstatierten in ihren von der Zeitung Nova veröffentlichten Attesten eine Blutung im Mittelohr, eine veränderte Struktur des Trommelfells, starke Kopfschmerzen, Augenlidzittern und das anhaltende Vernehmen von Summgeräuschen. Mit ihren Beschwerden ist die junge Frau, deren Familiennamen die Zeitung aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlichte, keineswegs allein: Es verdichten sich die Hinweise, dass Serbiens Sicherheitsdienste bei der Großdemonstration eine sogenannte „Schallkanone“ zum Einsatz gebracht haben könnten.
Schallkanonen seien überhaupt nicht im Einsatz gewesen, entrüstete sich der autoritär gestrickte Staatschef Aleksandar Vucic (SNS) zu Wochenbeginn über die „brutalen Lügen“ – und drohte den Urhebern der „Hirngespinste“ gar Klagen an. Als die Opposition hernach Dokumente über deren Anschaffung 2021 vorlegte, behauptete Innenminister Ivica Dacic (SNS) zunächst, dass die damaligen „Fehlinvestitionen“ in Kartons in einem Magazin der Polizei lagerten: Da die serbischen Gesetze deren Einsatz nicht vorsehen würden, seien diese „nie genutzt“ worden.
Dieses Regime ist bereit, auf das eigene Volk zu schießen
Erst als unabhängige Medien Fotos eines während der Demonstration hinter dem Präsidentenpalast stationierten Polizeijeeps mit aufmontierter Schallkanone auf der Kühlerhaube veröffentlichten, räumte Dacic ein, dass die der Polizei als „Megaphon“ dienenden Geräte auch als „Schallkanonen“ eingesetzt werden könnten. Doch dies sei in Belgrad nicht geschehen: Für einen derartigen „gesetzwidrigen“ Einsatz fehle es in Serbien an der Rechtsgrundlage.
Ohne Rechtsgrundlage Schallwaffen gekauft
Doch selbst hatten sich die durch eine Druckwelle und ein zischendes Geräusch in Panik geratenen Augenzeugen in der König-Milan-Straße kaum von den Beinen geholt oder verletzt. Egal, welche Art von Schallwaffe gegen die schweigenden und völlig friedlichen Teilnehmer der Toten-Mahnwache eingesetzt wurde: Die eifrigen, aber windelweichen Dementis der Belgrader Würdenträger stoßen auf zunehmendes Misstrauen – und bohrende Fragen.
Warum seien die Schallwaffen ohne öffentliche Ausschreibung über einen regierungsnahen Waffenhändler überhaupt angeschafft worden, wenn es für deren Nutzung keinerlei Rechtsgrundlage gebe, fragt sich die Zeitung Danas und wundert sich über die „plötzliche Wiederauferstehung der Fehlinvestitionen aus ihren Kartons“. Die mysteriöse Schallattacke ist für den Soziologen Jovo Bakic vor allem ein Beleg, dass sich Belgrad beim Kampf um den Machterhalt keinerlei Grenzen auferlege: „Dieses Regime ist bereit, auf das eigene Volk zu schießen.“
De Maart
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