Das Großherzogtum ist 1838 unter niederländischer Herrschaft und hat so Hungersnöte, Krieg und Krankheiten überlebt. In einer abgelegenen Gemeinschaft im Norden des Landes herrscht ein Patriarch mit seiner Sippe mit harter Hand über die Menschen. „Zesumme maache mir eis eegent Gléck.“ Von Glück kann aber nicht wirklich die Rede sein. Wer sich nämlich nicht an die Regeln der Graffs hält, wird bestraft. Die zwölfjährige Hélène, Tochter einfacher Dorfbewohner, soll an den jüngsten Graff-Sohn verheiratet werden. Hélènes Eltern entscheiden sich daraufhin, das Dorf zu verlassen und bezahlen dafür mit ihrem Leben. 15 Jahre später ist Luxemburg unabhängig. Der technische Fortschritt bahnt sich mit dem Bau der Eisenbahn Richtung Norden an. Ein kinematografisches Augenzwinkern in Richtung Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“, welches das Ende des Wilden Westens ankündigt. Alte Rechnungen bleiben aber weiterhin offen. Hélène heißt jetzt Oona und kommt zurück, um sich für das Leid, das ihr zugefügt wurde, zu rächen.
Sauberer Genrefilm
Das Thema des luxemburgischen Westernfilms ist fast so alt wie das luxemburgische Kino selbst. Viele Jahre versuchte z.B. Jeff Desom, das Projekt seines Zombie-Westerns auf die Beine zu stellen. Es sollte ihm aber (bislang) nicht gelingen. Samsa, Claude Waringo, Frédéric Zeimet und Regisseur (und Koautor) Loïc Tanson waren schneller. „Läif a Séil“ ist ein sauberer Genrefilm. Mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Der Vorteil des Western-Genres sind die visuellen und narrativen Codes, die mit ihm einhergehen. Ein Rahmen sozusagen, den sich die kreativen Verantwortlichen tatsächlich gesetzt haben. Und in dieser Hinsicht ist „Läif a Séil“ ein richtiger Vorschlag. Der Western macht einem schmerzlichst klar, wie selten die Kunst der Inszenierung mit beiden Armen umfasst wird. Oft vermisst man diese, unabhängig davon, ob es sich um ein rein luxemburgisches oder koproduziertes Filmprodukt handelt. Aber die Tendenz hat sich über die letzten Jahre geändert und „Läif a Séil“ ist ein tolles Beispiel einer lokalen Produktion.
Der Film ist in zwei Teile eingeteilt, die visuell und inszenatorisch nicht unterschiedlicher sein könnten. Der erste Teil, ein fast 25 Minuten langer Prolog, ist in expressive Schwarz-Weiß-Bilder eingetaucht und kommt in fast quadratischem Format daher. Mit langen Kamerafahrten inszeniert Tanson ein bedrückendes Dorfleben, aus dem es kein Entkommen gibt. Aber Hélène entkommt und mit ihr öffnet sich das Bild zur Seite. Das klassische Western-Format nimmt seinen Platz, während sich Farbbilder dazugesellen. Lange Einstellungen werden auch hier priorisiert, während sich Hélène/Oona unter die Graffs mischt und ihren Vergeltungsschlag vorbereitet.
Spannend ist in diesem Kontext, wie sich der Film dem Zuschauer als Western zu etablieren versucht, obschon die Landschaft dem manchmal Steine vor die Füße wirft. Weit entfernt ist man nämlich im Ösling von den sich in alle Himmelsrichtungen hin öffnenden Landschaften. Aber Pferde, Pistolen und Gewehre und Kostüme machen es auch. Der umgekehrte Nord/Süd-Konflikt, der sich in „Läif a Séil“ anbahnt – zuerst als Gegenüberstellung von Tradition und Fortschritt, ehe es dann wortwörtlich knallt –, macht das world building des Films noch schlüssiger.
„Läif a Séil“ von Loïc Tanson, mit u.a. Sophie Mousel, Timo Wagner und Jules Werner. Zu sehen in den Multiplexkinos von Kinepolis, im Ciné Utopia sowie in den Regionalkinos von Cinextdoor und Caramba.
De Maart
Hab mir heute den film angeschaut...ehrlich gesagt eine herbe enttaeuschung...mit ausnahme der exzellenten schauspielerischen leistung von Sophie Mousel.
Die geschichte wirkt reichlich mit den haaren herbeigezogen...absolut unrealistisch dass es um 1850 im oesling solch ein isoliertes hinterwaeldler dorf unter der tyrannie eines graff gab.
Passt eventuell ins 17.jahrhundert oder noch eher ende mittelalter.