Sneaker gehören längst zum Alltag. Sie werden zum Sport getragen, zur Arbeit, auf Reisen, in der Freizeit. Gleichzeitig haben sie sich in den letzten Jahren zu einem eigenen Markt entwickelt – mit limitierten Auflagen, Sammlerwerten und teils extremen Preissteigerungen.
Während die Ausstellung „Sneaky Sneakers – That’s not fair!“ im Tetinger Ferrum-Museum die globalen Linien der Sneaker-Industrie freilegt, erzählen zwei Luxemburger Läden von dem, was zwischen diesen Linien passiert: vom Alltag, vom Überschuss, vom Hype und seinem langsamen Abklingen. Wie erleben Verkäufer diesen Markt? Was hat sich verändert? Und wo steht der Sneaker heute?
Antworten darauf geben zwei Luxemburger Fachgeschäfte, die den Wandel aus nächster Nähe beobachtet haben: der „Olliewood Skateshop“, seit 1998 fest in der Skate- und Streetwear-Szene verankert, und „The Source“, ein jüngerer Store mit Fokus auf Sneakerkultur und ausgewählte Marken. Beide erleben derzeit eine Phase der Neuorientierung – nach einem Boom, der den Markt grundlegend verändert hat.

„Der Begriff ist total aufgeweicht“
Für Dan Gantrel, seit 2002 Teil des Olliewood-Skateteams und seit 2010 Geschäftsführer des Skateshops, ist ein „Sneaker“ kein sauber definierter Begriff: „Im Grunde ist es einfach ein Turnschuh. Aber heute ist er viel mehr als das. Er ist Sport, Lifestyle, Alltag – alles gleichzeitig.“ Diese Beobachtung deckt sich mit einem zentralen Punkt der Ausstellung in Tetingen: Der Sneaker hat seine ursprüngliche Funktion längst überschritten. Was als Sportschuh – in Basketballhallen, Skateparks oder auf Laufbahnen – begann, ist zu einem globalen Lifestyle-Objekt geworden, mit entsprechend komplexen Produktionsketten und kulturellen Bedeutungen.
Gantrel verkauft seit über 15 Jahren Schuhe. „Am Anfang haben wir gar nicht von Sneakers gesprochen. Wir haben Skateschuhe verkauft. Marken, die heute kaum noch jemand kennt – aber damals waren sie der Shit.“ Es waren die späten 1990er und frühen 2000er: Tony Hawk auf der PlayStation, Pro-Modelle, die mehr waren als Schuhe – sie standen für Zugehörigkeit.
Der Unterschied zu heute: Alles ging langsamer. Informationen verbreiteten sich über Magazine, Videos, Mund-zu-Mund-Propaganda. Kein Algorithmus, keine Push-Nachrichten, kein weltweiter Countdown vor einem Release. Der Hype existierte – aber er war lokal, greifbar.

„Play the game or you’re out“
Dann kam der Bruch. Beide Gesprächspartner verorten den Wendepunkt ähnlich: ab 2016/2017. „Ab da wurde der Sneaker wirklich Mainstream“, sagt Paul Hilbert von The Source. „Große Kollaborationen, große Namen, Social Media – das hat alles beschleunigt.“ „Da ist es explodiert“, erinnert sich Gantrel. „Plötzlich standen Hunderte Menschen bei uns vor der Tür.“
Er erinnert sich an Drops, bei denen Sicherheitsdienste gerufen werden mussten. „Wir mussten Verlosungen machen, weil es nicht mehr anders ging. Und dann stehen da fast tausend Leute – nur für die Chance, einen Schuh kaufen zu dürfen.“ Ein Satz fällt mehrfach im Gespräch: „Play the game or you’re out.“ „Als Händler hast du eigentlich keine Wahl“, sagt er. „Wenn du nicht mitspielst, bist du raus. Das heißt aber nicht, dass ich das gut finde.“

Der Sneaker als Finanzinstrument
Mit der Pandemie erreichte die Entwicklung ihren Höhepunkt. Größen wurden nicht mehr nach Füßen, sondern nach Marktpreisen gekauft. „Manche wollten Größen, die ihnen gar nicht gepasst haben – nur weil sie im Resale teurer waren. Das hatte nichts mehr mit Kultur zu tun. Das war reine Spekulation. Man wusste schon vor dem Release, was ein Schuh später wert sein würde.“
Paul Hilbert sieht darin einen Grund, warum der Markt inzwischen abgekühlt ist: „Zu viele Releases, zu viele Wiederauflagen. Dinge, die exklusiv sein sollten, waren es irgendwann nicht mehr.“ Seit 2023 sieht man einen klaren Rückgang. Die Leute kaufen bewusster, weniger. „Sie sind nicht mehr besessen von Hype oder absurden Resale-Preisen.“
Stattdessen verschieben sich Interessen. Unabhängige Marken, Secondhand, sogar Boots und Loafer tauchen wieder auf – etwas, das vor wenigen Jahren undenkbar schien. Wenn Geld ausgegeben wird, dann gezielter. Entweder für Qualität – oder gleich für Designerstücke. Der Sneaker als reine Spekulationsfläche funktioniert kaum noch.

Sammeln ist etwas anderes
Gantrel und Hilbert sind sich einig: Sammeln ist nicht gleich Resale-Wert. Sammeln ist persönlich. Emotional. Oft irrational. Gantrel sammelt selbst seit Jahrzehnten. Nicht systematisch, nicht nach Marktwert, sondern aus persönlicher Verbindung. „Ich habe nie gesammelt, um zu investieren. Meine Schuhe stehen für verschiedene Phasen meines Lebens.“
Ich habe nie gesammelt, um zu investieren. Meine Schuhe stehen für verschiedene Phasen meines Lebens.
Er zeigt auf einzelne Paare: „Diesen habe ich bei einem Contest bekommen. Den auf einer Reise. Andere verbinde ich mit Menschen, die vielleicht heute nicht mehr da sind.“ Für ihn sind Sneaker Erinnerungsträger – ähnlich wie alte Fotos oder Konzerttickets. Diese Perspektive findet sich auch in der Tetinger Ausstellung wieder, etwa dort, wo Sneaker als kulturelle Marker gezeigt werden: getragen von Skatern, Musikern oder Sportlern, eingebettet in ihre Zeit.
Ein zentrales Thema der Ausstellung in Tetingen ist die Frage nach Arbeitsbedingungen und Umweltfolgen. Im Ladenalltag spielt das jedoch nur eine untergeordnete Rolle. „Ich würde gerne sagen, dass die Leute viel danach fragen“, sagt Gantrel offen. „Aber meistens kaufen sie einfach das, was ihnen gefällt.“ Hilbert ergänzt: „Viele wissen grundsätzlich Bescheid, aber beim Kauf entscheidet oft der Preis.“ Nachhaltige Produktion sei wichtig, aber selten ausschlaggebend. „Wir versuchen, informiert zu bleiben. Wir arbeiten mit Marken, die in Portugal produzieren. Aber nur wenige Kunden fragen aktiv danach.“
Trotzdem glauben beide nicht an das Ende des Sneakers. „Der Sneaker kommt immer wieder. Das ist ein Kreislauf. Schaut euch den Converse All Star an – der war nie weg“, sagt Gantrel. Hilbert sieht es ähnlich: „Der Markt wird gesünder. Weniger Quantität, mehr Sinn. Mehr Innovation. Kollaborationen, die wieder etwas beitragen – nicht nur Hype erzeugen.“
Zum Schluss bringt es Gantrel auf den Punkt: „Am Ende bleibt es einfach ein Schuh. Und dafür sollte man mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben.“

Sneaky Sneakers – That’s not fair!
Die Ausstellung im Ferrum-Museum in Tetingen beleuchtet die globalen Produktionsketten von Sneakern: von Rohstoffen über Arbeitsbedingungen bis hin zu Marketingstrategien. Sie zeigt, wie ein Alltagsprodukt zum globalen Massenartikel wurde – und welche sozialen und ökologischen Folgen das hat.
Wo? Musée Ferrum, Tetingen
Wann? Noch bis zum 29. März 2026, donnerstags bis sonntags zwischen 14 und 18 Uhr
De Maart
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