Dem Mann, der im Mühlenbachtal die Haustür öffnet, gibt man die 81 nicht. Jeans, Pulli und Hemd: Georges Schmit ist leger gekleidet und wirkt wesentlich jünger. Flink schreitet er voran ins Wohnzimmer und lässt sich vor den Porträts seiner großen Familie nieder. Er ist Vater von vier erwachsenen Kindern und Opa von zehn Enkelkindern.
Seit einem halben Jahr und damit knapp 16 Jahre später als der Durchschnitt ist der gelernte Maschinenbauer nun wirklich in Pension. Manchmal scheint es, als hätte er sich noch nicht ganz daran gewöhnt. Geplant war es nicht, so lange zu arbeiten. Als das gesetzliche Rentenalter naht, hätte er es auch gut bleiben lassen können, die Sache mit dem Arbeiten.
20 Jahre beschäftigt er sich nach dem Studium in Lyon mit der Forschung zu Pkw- und Flugzeugreifen bei Goodyear. Er ist mit seiner Expertise der Mittelsmann zwischen Entwicklern und den Behörden, die die Reifen zertifizieren. Mehrere Restrukturierungen macht er mit. Als die vorerst letzte ansteht, kündigt er im Alter von 43 Jahren und heuert bei Mercedes Benz an.
Aus der anvisierten Nebenbeschäftigung wird ein Vollzeitjob
„Ich war schon immer autoaffin“, sagt er. Mehr als zehn Jahre leitet er den Kundendienst, obwohl er zum Vorstellungsgespräch mit dem „falschen“ Auto kommt. Er fährt damals einen BMW. Im Alter von 55+ wagt er den Sprung in die Selbstständigkeit. Er arbeitet fortan als KFZ-Sachverständiger für Versicherungen.
Als die 65 naht, meldet er sich auf eine Anzeige. Ein deutscher Vertrieb für Treppenlifte sucht einen Kontaktmann für Luxemburg. Eigentlich ist es als „kleine Nebenbeschäftigung in der Zeit nach dem aktiven Arbeitsleben“ gedacht. Es kommt aber anders. Aus der Nebenbeschäftigung wird schnell ein Vollzeitjob.
Aus dem bis heute andauernden Erstaunen darüber spricht gleichzeitig eine in der Zeit gewachsene persönliche Erkenntnis: Er kann nicht nichts tun. Mit 20 Liften pro Jahr geht es los. Als er im Alter von 81, zwei Wochen nach seinem Geburtstag, die Firma an seine Enkel übergibt, verkauft er rund 120 Lifte pro Jahr im Land.
Etappenweise Übergabe an die Enkel
Der Übergang ist gut geplant. Als ihn mit 75 gesundheitliche Probleme zwingen, darüber nachzudenken, wie es weitergeht, wenn er nicht mehr können sollte, leitet er ihn schrittweise ein. Auch wenn der Körper kurzzeitig streikt, kann das seine Überzeugung nicht erschüttern. „Man muss in der Rente aktiv bleiben“, sagt er.
Dieses Mantra für ein gutes Alter klingt bei ihm fast, als sei es in Stein gemeißelt. Als zwischenzeitlich ausgebildeter Pensionscoach gibt er es an andere angehende Rentner weiter. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, spricht er vom Wert einer „sinnvollen Beschäftigung“. Gerade im Alter, gerade als Senior in Rente.
Diskussionen der Jüngeren um „Work-Life-Balance“ quittiert er mit einem Schmunzeln. Die Notwendigkeit einer persönlichen Balance bezweifelt er nicht. Aktuell ist ihm allerdings zu viel „Life“ dabei. Er findet als Seniorchef eines Vertriebes mit drei Mitarbeitern seine eigene. Als „Sekretärin“ fungiert der Anrufbeantworter und der ist auch beim Frühstück mit dabei.
Persönliche Balance
Wenn der Anruf dringend ist, geht er ran. Wenn nicht, frühstückt er in Ruhe zu Ende und ruft zurück. Ein Gesetz zur Nichterreichbarkeit braucht er nicht, an Aufhören denkt er nicht und schwimmt jahrelang gegen die Statistik. „Ein großer Teil der Bevölkerung verlässt den Arbeitsmarkt vor Erreichen des gesetzlichen Rentenalters“, halten die Statec-Statistiker in ihrer jüngsten Analyse fest.
Für Georges Schmit wäre das undenkbar gewesen. Dennoch ist er wider Willen ein Trendsetter. In der gleichen Analyse machen die Statec-Autoren die Beobachtung, dass sich die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen im Land zwischen 2004 und 2023 erhöht hat. Sie prognostizieren weitere Steigerungen in der Zukunft.
Der Prozentsatz derer, die 55 bis 59 Jahre alt sind und arbeiten, steigt von 65 Prozent im Jahr 2024 auf 70 Prozent im Jahr 2070. Bei den 60- bis 64-Jährigen erhöht er sich von 26 Prozent im Jahr 2024 auf 33 Prozent im Jahr 2070. Das schreiben die Autoren der Analyse. Die Senioren hat auch der Dachverband der Arbeitgeberorganisationen (UEL) entdeckt.
Senioren für den Arbeitsmarkt entdeckt
Im dritten Barometer zum Thema Arbeit bezeichnet die UEL-Senioren als „untergenutztes wirtschaftliches, soziales und gesellschaftliches Potenzial“ für die Wirtschaft. Gleichzeitig entlarvt der Bericht, an dem Personalexperten beteiligt waren, zahlreiche Vorurteile als Hindernisse für eine Einstellung von Senioren. Zu teuer und sie seien sich für alles andere als Führungspositionen zu schade, sind zwei davon.
Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn man Georges Schmit fragt, sagt er: „Ich will mein Wissen weitergeben.“ Es sind eher bescheidene Motive, die Senioren in Arbeit halten und bescheidene Gehaltsansprüche angesichts des Zweiteinkommens, der Rente. 80 Prozent der am UEL-Barometer beteiligten Personalexperten geben an, dass die Senioren auf dem Arbeitsmarkt nicht genug wertgeschätzt werden. Das ist vielsagend.
De Maart

All Respekt fir dee Mann! Do sollten sech mol eng Rei vun "Work-Life-Balancers" e Beispill huelen. Mä wou näischt ass, kann och näischt kommen...
"Einer, der nicht nichts tun kann:" Glück gehabt.
Als Fliesenleger hätte er bestimmt bis 90 weitergemacht. Beim nächsten Interview mal einen Schmelzer fragen!