Donnerstag1. Januar 2026

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L’histoire du temps présentTito und Ceaușescu kommen dieses Jahr zum zweiten Mal nach Luxemburg

L’histoire du temps présent / Tito und Ceaușescu kommen dieses Jahr zum zweiten Mal nach Luxemburg
Tito wird vom Bürgermeister Arthur Useldinger in Esch/Alzette begrüßt. Im Hintergrund die jubelnde Menge. Titos Besuch 1970 war durch hohe Sicherheitsauflagen gekennzeichnet, nicht zuletzt wegen einer anonymen Bombendrohung. Foto: Département Patrimoine historique et industriel, Ville d’Esch-sur-Alzette

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Josip Broz Tito (1892-1980) und Nicolae Ceaușescu (1918-1989) kommen am 15. Oktober 2025 zum zweiten Mal nach Luxemburg, ganz konkret nach Esch-Belval. Der jugoslawische Präsident auf Lebenszeit und der rumänische Diktator mögen schon längst tot sein, aber das erste Geschichtsfestival des Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH) der Luxemburger Universität macht ihre „Auferstehung“ möglich, zumindest auf der Leinwand und als Hologramm.

Das vielfältige Programm des „Histofest“ bietet für jede(n) etwas: Mitmach-Aktivitäten rund um die Geschichte der Stadt Esch, eine Projektmesse, einen Buchbinde-Workshop, eine Kabinettausstellung, eine Gitarrenperformance und zwei Filmvorführungen in Anwesenheit der Regisseure Želimir Žilnik und Mihai Grecu. Auf dem Programm: „Tito zum zweiten Mal unter den Serben“ (1994) und „Nicolae“ (2022).

Filmplakat von „Tito zum zweiten Mal unter den Serben“ 
Filmplakat von „Tito zum zweiten Mal unter den Serben“  Quelle: imdb 

Auf der Leinwand …

„Tito zum zweiten Mal unter den Serben“ ist ein 1994 gedrehter Dokumentarfilm, in dem Žilnik auf kreative Weise das Empfinden der Bevölkerung in von Sanktionen und Inflation geplagten Serbien darstellt. Mit dem auferstandenen jugoslawischen Präsidenten Tito konfrontiert, reden sich die Belgrader ihre vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen, Sorgen und Ärger von der Seele.

Želimir Žilnik (1942 im Konzentrationslager Crveni Krst in der Nähe von Niš geboren) ist vor allem für seine sozialkritischen Filme bekannt und gilt als einer der prominentesten Vertreter des jugoslawischen Schwarzen Films der 1960er und 1970er Jahre. Für seinen ersten Spielfilm „Frühe Werke“ erntete er 1969 den Goldenen Bären bei der Berlinale, aber auch Ärger mit den jugoslawischen Behörden. Daraufhin ging er für einige Zeit nach Westdeutschland, wo seine Filme über Gastarbeiter kritisch aufgenommen wurden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben „Tito zum zweiten Mal unter den Serben“ (1994) Filme wieWie der Stahl gehärtet wurde“ (1988), „Marble Ass“ (1995) oder „Logbook Serbistan“, den er 2015 auf dem CinEast Festival in Luxemburg-Stadt vorgestellt hat. Dort wird er auch in diesem Jahr seinen neuesten Film „Eighty Plus“ (2025) am 16. Oktober präsentieren.

Filmplakat von „Nicolae“
Filmplakat von „Nicolae“   Quelle: Mihai Grecu

In der Doku „Nicolae“ (2022) kehrt der 1989 verstorbene rumänische Diktator Ceaușescu als Hologramm in das heutige Rumänien zurück und hält eine Rede im Dorf Rahau. Die Reaktionen der Dorfbewohner verraten viel darüber, wie sie die aktuelle Politik wahrnehmen und sind gleichzeitig Ausgangspunkt für eine Reflexion über die möglichen Auswirkungen des Einsatzes von Holografie für politische Zwecke.

Mihai Grecu (1981 in Rumänien geboren) ist Künstler und Filmemacher. Er studierte Kunst und Design in Rumänien und Frankreich, wo er im Le Fresnoy – Studio National des Arts Contemporains seine künstlerische Forschung fortsetzte. Umweltkrisen, politische Allegorien, neue Technologien und Katastrophen sind zentrale Themen seiner in verschiedenen Techniken realisierten Werke. Die Erkundung geheimnisvoller und unbewusster Anfänge bildet den Dreh- und Angelpunkt Grecus Kunst, die als Vorschlag für eine neue, traumorientierte Technologie betrachtet werden kann. Seine Filme wurden auf Filmfestivals wie Locarno, Tribeca, Rotterdam oder dem Festival du Nouveau Cinéma in Montréal gezeigt.

… und im wirklichen Leben

Die großherzogliche Esche wächst im 1961 angelegten Freundschaftspark, der als Ausdruck des Strebens nach Weltfrieden und Gleichheit aller Nationen anlässlich der ersten Gipfelkonferenz der blockfreien Staaten in Belgrad entstand. Seitdem sind über 200 Bäume durch berühmte Persönlichkeiten aus Politik und Kultur gepflanzt worden.
Die großherzogliche Esche wächst im 1961 angelegten Freundschaftspark, der als Ausdruck des Strebens nach Weltfrieden und Gleichheit aller Nationen anlässlich der ersten Gipfelkonferenz der blockfreien Staaten in Belgrad entstand. Seitdem sind über 200 Bäume durch berühmte Persönlichkeiten aus Politik und Kultur gepflanzt worden. Photo: Dora Komnenović, August 2025

Als sie noch am Leben waren, besuchten sowohl Tito als auch Ceaușescu im Jahr 1970 bzw. 1972 Luxemburg, interessanterweise beide im (goldenen) Oktober. Beide Staatsbesuche sind von einem Gegenbesuch des großherzoglichen Paars Jean und Joséphine-Charlotte nach Jugoslawien im September 1971 und Rumänien im Oktober 1976 gefolgt worden.1) Bei meinem letzten Aufenthalt in Belgrad vor knapp zwei Monaten habe ich übrigens festgestellt, dass der damals durch den Großherzog Jean gepflanzte Friedensbaum, eine Esche (fraxinus excelsior), im Belgrader Freundschaftspark immer noch steht. Es bleibt ungewiss, wie lange noch. Ein nicht unumstrittener städtebauliches Entwicklungskonzept sieht nämlich den Bau zweier Museen und eines Aquariums sowie weiterer „Attraktionen“ im Ušće-Park vor.

Zeitgenössischen Presseberichten2) zufolge ist Titos Staatsbesuch nach Luxemburg im Gegensatz zu dem von Ceaușescu und manch anderen ein Gesellschaftsereignis und keine „Routineangelegenheit“ gewesen. Auch im Nachhinein scheint der hohe Besuch eine wichtige Begebenheit im Jahr 1970 gewesen zu sein. Auf der Website der Gemeinde Mondorf weist beispielsweise der Zeitstrahl in der Sektion „Geschichte“ auf Titos Aufenthalt im Hotel Grand-Chef hin.3) Außerdem hat die Revue in ihrer Jubiläumsausgabe 1995 den besagten Besuch neben der Einführung der Mehrwertsteuer (TVA) zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres 1970 eingeordnet.4)

Zwischen dem 6. und dem 11. Oktober 1970 besuchte Tito Belgien, Luxemburg und Westdeutschland. Nach seiner Rückkehr in die Heimat bezeichnete Tito die Tour als eine „Friedensreise“. Als Partisanenkämpfer und Mitgründer der Bewegung der Blockfreien Staaten genoss Tito weltweit ein großes Ansehen, während Jugoslawien als gesellschaftliches und wirtschaftliches Experiment mit seinem System der Selbstverwaltung nicht bei wenigen Neugier erweckte. Als ein kleines Land, das seinen eigenen Weg ging und sich für Frieden und Zusammenarbeit über die Blöcke hinaus einsetzte, war Jugoslawien für Luxemburg sicherlich nicht uninteressant. Pierre Gregoire, damals Präsident der Abgeordnetenkammer, schien eine Sonderbeziehung zu Jugoslawien zu haben, machte dort Urlaub und nominierte außerdem Tito 1973 für den Friedensnobelpreis.5) Beide Länder wollten ihre internationale Bedeutung im Kontext der Entspannungspolitik steigern. Als Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und des Nordatlantischen Bündnisses (NATO) war wiederum Luxemburg für Jugoslawien, das sich um eine Stärkung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Westeuropa bemühte, von Bedeutung.

Auf Einladung des Großherzogs Jean stattete Tito vom 9. bis zum 11. Oktober 1970 Luxemburg einen Besuch ab. Tito und sein Gefolge aus Regierungsfunktionären (u.a. dem Vizepräsidenten des Föderativen Exekutivrates Miljanić und dem Außenminister Tepavac) wurden nach der Landung am Flughafen Findel offiziell begrüßt. Gastgeber waren neben dem Großherzog der Premierminister Pierre Werner, der Wirtschaftsminister Marcel Mart und der Außenminister Gaston Thorn.

Der Empfangszeremonie folgte ein Besuch am „Monument du souvenir“, wo Tito ein Rosengebinde niederlegte. Danach fand ein Empfang mit wichtigen Persönlichkeiten aus der Politik und Wirtschaft inklusive des obligatorischen Eintrags ins Goldene Buch im Stadthaus statt. Tito unterhielt sich mit Regierungsmitgliedern, während seine Gattin Jovanka Broz und die Großherzogin Joséphine-Charlotte eine Stadtführung unternahmen und die Crèche auf dem Plateau Altmünster besichtigten. Der Tag endete mit einem festlichen Bankett im Großherzoglichen Palast.

Am zweiten Tag seines Luxemburg-Aufenthalts besuchte Tito die Arbed-Werke in Differdingen, Esch/Alzette, Mondorf und die Kellerei Wellenstein. Empfangen wurde er im Differdinger Stadthaus, während er in der „Minettemetropole“ das „Monument aux morts“ und das Widerstandsmuseum in Begleitung von Ed Barbel besichtigte. Wie vom Protokoll vorgesehen, bot auch Tito seinen Gastgebern ein Gala-Essen an, und zwar symbolisch im „Centre européen“ auf dem Kirchberg.

Etwas weniger zeremoniell, aber freundlich und nach Protokoll verlief der Staatsbesuch vom rumänischen Staatschef Nicolae Ceaușescu am 27. und 28. Oktober 1972. Das Luxemburger Wort schrieb zum Beispiel von „mangelndem Interesse und der fehlenden Begeisterung der Volksmassen, kompensiert durch den Wunsch der Politiker, politische Sondierungsgespräche zu führen“ und wirtschaftliche Kontakte aufzunehmen.6) Diese mündeten in die Unterzeichnung eines Abkommens bezüglich Touristenaustausch und Flugverkehr. Auf der Tagesordnung stand bei diesem Besuch ebenfalls Entspannung und Selbstbestimmung. Auch wenn Rumänien ein Ostblock-Staat war, ging es zunehmend seine eigenen Wege, insbesondere nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei, den Ceaușescu scharf verurteilte.

Wie die zeitgenössische Presse berichtet, zählten zu den Besonderheiten des Besuchs die Einreise mit einem belgischen Sonderzug sowie die fehlenden Abzeichen der Volksrepublik Rumänien an den Uniformen von Polizei, Militär und Gendarmen, die irgendwo in Belgien verloren gegangen sind. Der Ablauf des Besuches wies keine wesentlichen Unterschiede zu dem von Tito: Nach dem Gedenkakt am 1971 eingeweihten Denkmal der nationalen Solidarität gingen die Staatsgäste mit ihren Gastgebern ins Stadthaus. Für Frau Ceaușescu gab es am Nachmittag ein Sonderprogramm, und zwar die Besichtigung der römischen Abteilung des Staatsmuseums in Begleitung vom Museumsdirektor Gérard Thill und dem Staatssekretär Georges Santer. Der Tag endete mit einem Festbankett im Palais. Am zweiten Tag wurde Esch besucht bzw. das Arbed-Werk Belval. Laut Presseberichten interessierte dieser Teil den hohen Gast am meisten.

Laut zeitgenössischen Presseberichten interessierte der Besuch des Arbed-Werkes in Belval Ceaușescu sichtlich am meisten
Laut zeitgenössischen Presseberichten interessierte der Besuch des Arbed-Werkes in Belval Ceaușescu sichtlich am meisten Photo aus: Revue 4.11.1972, S. 11

Auf dem Geschichtsfestival des Belval Plaza sind diese und noch weitere Staatsbesuche Gegenstand einer Foto-Challenge. Kommen Sie am 15. Oktober zum „Histofest“ und erfahren Sie, wer noch in den letzten Jahrzehnten Esch einen Besuch abgestattet hat oder teilen Sie Ihre damit verbundenen Erinnerungen mit uns. Helfen Sie bei der Gestaltung des Goldenen Buches des Festivals mit, erkunden Sie die spannenden Projekte des C²DH und erleben Sie Geschichte hautnah. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

 
   

Histofest

Das „Histofest“ ist eine Initiative des Luxembourg Centre for Contemporary History (C²DH). Die Idee ist mit dem Wunsch verbunden, neue Wege in der Public History zu beschreiten, unsere Forschung einem breiteren Publikum vorzustellen und die Werte, für die wir stehen, aktiv zu fördern. Die Initiative zielt darauf ab, die Zusammenarbeit mit kulturellen und anderen Institutionen in- und außerhalb Luxemburgs zu stärken sowie die Arbeit unseres Zentrums zu bewerben. Inspiriert von ähnlichen Veranstaltungen in Frankreich und Italien, möchte die Pilotausgabe des „Histofest“ den Grundstein für eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung legen, die Networking, Werbung und Infotainment vereint. Die Pilotausgabe des Festivals ist Teil des Europast-Projekts, das von der EU im Rahmen des Förderprogramms WIDERA (Fördervereinbarung 101079466) finanziert wird.  

1) Einen Bericht darüber kann man u.a. im online zugänglichen Bulletin de Documentation des Service Information et Presse (SIP) von September 1971 (https://sip.gouvernement.lu/dam-assets/publications/bulletin/1971/BID_1971_8a/BID_1971_8a.pdf) bzw. Juli bis Oktober 1976 nachgelesen werden: https://sip.gouvernement.lu/dam-assets/publications/bulletin/1976/BID_1976_7/BID_1976_7.pdf. Abgerufen am 4.10.2025.

2) Vgl. „Marschall Josip Broz Tito in Luxemburg“, Luxemburger Wort, 10.10.1970, S.3; „Der Staatsbesuch von Marschall Tito“, Luxemburger Wort 12.10.1970, S.3; „Präsident Tito in Luxemburg“, Revue, 17.10.1970, S. 15-18; Marschall Tito in Luxemburg, Journal, 10.10.1970, S. 1-2.

3) https://www.mondorf-les-bains.lu/visitmondorf/de/la-commune/geschichte/. Abgerufen am 5.10.2025.

Dora Komnenović (Universität Luxemburg)
Dora Komnenović (Universität Luxemburg)  

4) Revue 1945-1995. Ausgabe von 6.9.1995. S.144.

5) https://www.nobelprize.org/nomination/archive/show_people.php?id=17058. Abgerufen am 5.10.2025.

6) Luxemburg empfängt den rumänischen Staatspräsidenten, 28.10.1972, S. 3; Zweiter Tag des rumänischen Staatsbesuchs, 30.10.1972, S. 3; Besuch aus Bukarest: Nicolae Ceaușescu, Revue, 4.11.1972, S. 8-12.