Das Fass zum Überlaufen brachte angeblich das Tomatenpüree im Supermarkt, das im Februar auf einen Schlag um die Hälfte teurer wurde. Morina rief zum großen Einkaufsverzicht für die Woche zwischen dem 17. und 23. März auf, in dieser Zeit sollten kleine Lebensmittelläden besucht werden. Das Video mit dem Aufruf der energischen Schwedin traf einen Nerv – es verbreitete sich rasch in den sozialen Medien, Facebook-Gruppen und sogenannte Influencer unterstützten die Konsum-Verweigerung.
„Der Boykott ist ein Fortschritt, da er eine Solidarität im Volk geschaffen hat. Das bewirkte, dass unsere Politiker darüber reden müssen“, so Morina. Und richtig: Die Mitte-Rechts-Führung des schwedischen Wohlfahrtsstaats zeigte sich vom Protest beeindruckt. Regierungschef Ulf Kristersson schickte seine Finanzministerin zu Gesprächen mit den Branchen-Vertretern. Der Boykottbewegung angeschlossen hat sich die schwedische Linkspartei sowie viele Schwedinnen und Schweden. Einige Märkte verspürten einen Verlust von zehn Prozent Umsatz.
Brisant erscheint, dass Marino wie die Linken behaupten, die Preise seien von den Konzernen absichtlich in die Höhe getrieben worden, um den Profit zu maximieren. Über diese These wollte die Aktivistin sich auf Anfrage nicht weiter auslassen. Fakt ist: Seit 2022 sind die Lebensmittelpreise in Schweden um rund 25 Prozent gestiegen, vergleichbare Zahlen gibt es auch in Nachbarländern. Allerdings ist die Krone seit langem schwach, sodass nicht in Schweden hergestellte Lebensmittel teurer eingekauft werden müssen.
Unternehmerseite sieht die Schuld bei der Weltlage
„Dies ist eine importierte Inflation; nichts, was man in Schweden verursacht hat“, meinte Karin Brynell, Sprecherin der Lebensmittelbranche, in einer politischen Talksendung. Die Managerin verwies darauf, dass man die Preise nur senken könne, wenn man die Löhne der Angestellten in den Supermärkten kürzen würde. Was nun niemand wirklich wolle.
So sieht es auch Jacob Wallenberg, Mitglied einer der reichsten Familien der Welt, welche stark im Lebensmittelbereich verwurzelt ist: „Es wäre kleidsam gewesen, man hätte sich an die Fakten gehalten“, wies jener in antiquiertem Schwedisch die Protestler zurecht, welche mit weiteren TikTok-Videos darauf reagierten.
Die Branche reagierte dennoch mit einigen Preissenkungen und Imagekampagnen.
Rund 50 Prozent des heimischen Markts werden von ICA besetzt – es folgen die ebenfalls schwedischen Ketten COOP, Axfood und Lidl. Ein „Oligopolmarkt“, der auch die Kritik von Ökonomen herausfordert.
Bislang scheint die bürgerliche Minderheitsregierung, durch die rechten Schwedendemokraten toleriert, keinen Plan zu haben, wie die Preise zu senken sind. Das Treffen mit Branchenvertretern am vergangenen Donnerstag brachte kein Ergebnis.
Die Wut in dem Land, in dem Fürsorge und Kollektivwohl großgeschrieben werden, ist jedoch real.
Morina, die an eine Art Volksbewegung glaubt, will den Boykott weiter führen. „Die Ketten rasseln!“, meinte sie, eine Anspielung an das Joch, in welchem sich die Verbraucher Schwedens derzeit befänden.
Inspiriert wurde die Selbstständige neben dem überteuerten Tomatenpüree durch die Boykottbewegung in den Balkanstaaten, welche im Januar in Kroatien begann und zu Umsatzeinbrüchen bei Lebensmittelkonzernen führte. Die Regierung in Zagreb hat mit einem Preisdeckel auf ausgewählte Lebensmittel reagiert. Sollte die aktuelle Führung in Stockholm Preissenkungen verordnen, könnte dies eine Signalwirkung für andere Länder Europas haben.
De Maart
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