Wo die Zahl der Staatstrauertage die der Feiertage übertrifft: Zum wiederholten Male innerhalb weniger Monate beklagt Südosteuropa die Opfer einer vermeidbaren Katastrophe.
Ob die 27 Menschen, die im Oktober an der bosnischen Neretva wegen eines illegalen Steinbruchs von Geröll- und Schlammmassen verschüttet wurden; die 15 Menschen, die im November unter den Trümmern des eingestürzten Bahnhofvordaches im serbischen Novi Sad ihr Leben verloren; oder die 59 Jugendlichen, die am Wochenende in Nordmazedonien in einem überfüllten Club verbrannten: Es sind die Folgen von Korruption, die sich für die von ihrem Staat im Stich gelassenen Bürger oft als lebensbedrohlich erweisen.
Ein Zufall ist die Kette blutiger Hiobsbotschaften keineswegs. Ob ausgebrannte Altersheime oder Musentempel, explodierte Munitionslager oder Waffenfabriken; ob abgefackelte oder weggespülte Mülldeponien; ob gepantschte Desinfektionsmittel oder ohne ordnungsgemäße Bau- und Betriebsgenehmigungen realisierte Großprojekte: Auffällig oft sind die Staaten Südosteuropas, die auf dem Korruptionsindex von Transparency International weit hinten liegen, die Schauplätze vermeintlicher Katastrophen.
Schwache Staaten, von den Regierungsparteien kontrollierte Institutionen und nimmersatte Regenten: Korruption bleiben ein lebensgefährdendes Problem. Doch warum scheint die Günstlingswirtschaft auf dem Balkan besonders kräftig zu florieren?
Schattenwirtschaft
Der Übergang von den sozialistischen Zeiten eines starken Staates zur freien Marktwirtschaft wurde in den 90er-Jahren durch kriminelle Privatisierungen, aber auch durch die Jugoslawienkriege erschwert. Unterweltgrößen, Geheimdienstschergen und Glücksritter mutierten während der UN-Sanktionen bei der Beschaffung von Kriegsgerät zu geschätzten Partnern der politischen Eliten der Kriegsgegner: An dem fatalen Kriegserbe einer florierenden Schattenwirtschaft haben nicht nur die ex-jugoslawischen Staaten, sondern die ganze Region bis heute zu knabbern.
Autoritär gestrickte Dauerregenten neigen dazu, die Medien an die Leine zu nehmen und die Gewaltenteilung auszuhebeln. „Der Staat bin ich“, so ihre Überzeugung und Botschaft: Staatliche Ressourcen werden in den Dienst des Machterhalts und der Mittelmehrung des eigenen Clans gestellt.
Doch ohne eine unabhängige Justiz versagen nicht nur bei Staatsbetrieben und in der Verwaltung selbst simple Kontrollmechanismen. Ob manipulierte Urnengänge, Ausschreibungen, Justizermittlungen oder Inspektionsberichte: Von unersättlichen Machthabern gleichgeschaltete oder von einflussreichen Geschäftsleuten gekaufte Justiz- und Aufsichtsbehörden können diesen kaum mehr glaubhaft auf die Finger ticken.
Raffgier
Mit gezinkten Ausschreibungen und dem Beton überteuerter Prestige- und Großprojekte lassen sich am leichtesten schwarze Privat- und Parteisäckel füllen. Egal ob in Regierungspalästen oder in den Rathäusern von Provinzgemeinden. Bleiben Machtwechsel lange aus, verkrusten sich korrupte Strukturen – und das selten zugunsten der Steuerzahler.
Mit ihrer Raffgier tun korrupte Balkanregenten und deren lokale Parteibarone weder ihren Staaten noch Wählern einen Gefallen. Denn Korruption kostet nicht nur Bestechungsgelder: Die Besetzung von Spitzenposten nach Parteibuch und Loyalität statt nach Qualifikation geht ebenso zu Lasten der Qualität wie ignorierte oder außer Kraft gesetzte Vorschriften und Genehmigungsprozeduren.
Doch der Unmut über den hohen Preis der Korruption nimmt von Katastrophe zu Katastrophe zu. In Serbien hat die Empörung über die Toten von Novi Sad eine ungekannt intensive Protestbewegung ausgelöst. Auch in Nordmazedonien zogen nach der Brandkatastrophe von Kocani am Wochenende Tausende aufgebrachter Demonstranten über die Straße.
Mit vermehrten Repressionen, Wahl- und Medienmanipulationen vermögen sich in Bedrängnis geratene Balkanfürsten zwar unerträglich lange im Sattel zu halten. Doch jede Macht ist begrenzt: Auf die Dauer können auch die selbstherrlichen Feuerwehrmänner selbst verursachter Brände kaum gegen ihre eigenen Völker regieren.
De Maart
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