Donnerstag1. Januar 2026

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LiteraturDeutscher Buchpreis geht an Tonio Schachinger für „Echtzeitalter“

Literatur / Deutscher Buchpreis geht an Tonio Schachinger für „Echtzeitalter“
Der Preis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres wird jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse vergeben Foto: dpa/Arne Dedert

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Das Buch erzählt vom Leben eines Jugendlichen auf einem elitären Internat und in der virtuellen Gaming-Welt. Für seinen Roman „Echtzeitalter“ erhält Tonio Schachinger jetzt den Deutschen Buchpreis. Es war bereits sein zweiter Anlauf.

Auf den ersten Blick sei „Echtzeitalter“ ein Schulroman, befindet die Jury. Auf den zweiten viel mehr als das. Und tatsächlich: Das Buch von Tonio Schachinger ist eine einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte, ein mit Ironie gespickter Gegenwartsroman und eine souverän erzählte Gesellschaftsanalyse. Recht souverän wirkt Schachinger auch, als bekannt gegeben wird, dass sein jüngstes Werk mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wird. Unter Jubel und Applaus nimmt der österreichische Schriftsteller am Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römer die Auszeichnung entgegen. „Ich freue mich sehr darüber. Vielleicht merkt man es mir nicht ganz so an. Aber es ist wirklich so.“

In seinem neuen Werk „Echtzeitalter“ erzählt Schachinger die Geschichte des Wiener Gymnasiasten Till. Es geht um den Zerfall der Familie, um Freundschaften, die erste Liebe. Und es geht ums Gaming, denn die Pubertät von Till spielt sich zu großen Teilen im Internet ab. Wer den Roman liest, kann danach vermutlich viel besser die eigenen Kinder, die Neffen, Nichten oder die Nachbarskinder verstehen, die permanent im Netz „zocken“.

Tills Leben ist geprägt von zwei Welten: Da ist das Eliteinternat, gezeichnet von Drill und dem Kampf um sozialen Status. Dort, zwischen Snobs und einem despotischen Klassenlehrer, landet er nach der Scheidung seiner Eltern. Und da ist die Welt des Gaming, in die sich der eher zurückhaltende Till flüchtet und wo er sich stundenlang bis tief in die Nacht auf Spiele konzentrieren kann. Der Schüler ist bekannt und beachtet in der Gamer-Szene. Wenn sich beide Welten von Till kreuzen, sind das eigentlich die besten Szenen im Buch.

„Mit feinsinniger Ironie“

„Mit feinsinniger Ironie spiegelt Schachinger die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart: Aus gebildeten Zöglingen spricht die rohe Gewalt. Die Welt der Computerspiele bietet einen Ort der Fantasie und Freiheit“, urteilt die siebenköpfige Jury. Und: „Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur.“ „Schachinger sprengt und erneuert das Genre des Coming-of-Age-Romans auf fabelhafte und fein beobachtende Weise“, meinte unlängst das 3sat-Magazin „Kulturzeit“. Und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung befand: „Eine witzige, kühl analysierende, einfühlsame Geschichte junger Menschen im 21. Jahrhundert.“

Schachinger wurde 1992 in Neu-Delhi geboren, studierte Germanistik und Sprachkunst in Wien und lebt dort heute. In seiner kurzen Dankesrede am Montag bedankt er sich auch bei seiner Frau, „von der ich alles gelernt habe, was ich weiß, in diesem Leben“.

Mit Blick auf die unerträglichen Nachrichten aus Israel betont er: „Wir wissen alle, dass das hier nicht das Wichtigste ist.“ Es sei einerseits schwer, nichts dazu zu sagen, aber auch sinnlos, etwas dazu zu sagen, „ein lächerlicher kleiner Autor“ aus Österreich. „In diesem Dilemma befinden wir uns vielleicht alle ein bisschen.“

Der jetzige Buchpreis-Erfolg kommt für Schachinger im zweiten Anlauf. Denn vor vier Jahren stand der junge Autor schon einmal auf der Shortlist. Damals mit seinem Debüt „Nicht wie ihr“. Doch der Deutsche Buchpreis ging dann an Saša Stanišić („Herkunft“). Insgesamt hatte die Jury in diesem Jahr 196 Romane von 113 deutschsprachigen Verlagen gesichtet. Die Auszeichnung wird in einem mehrstufigen Verfahren vergeben: Erst wird eine Liste mit 20 Titeln veröffentlicht (Longlist), die später auf sechs verkürzt wird (Shortlist). In der Endrunde standen neben Schachinger noch Terézia Mora („Muna oder Die Hälfte des Lebens“), Necati Öziri („Vatermal“), Anne Rabe („Die Möglichkeit von Glück“), Sylvie Schenk („Maman“) sowie Ulrike Sterblich („Drifter“).

Die Auszeichnung gilt als eine der wichtigsten der Branche und wird seit 2005 von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verliehen. Der Buchpreis sei alljährlich „ein Kaleidoskop aktueller Themen und Thesen. Er fördert die besonderen, außergewöhnlichen Werke zutage und gibt guten Geschichten den nötigen Raum zur Entfaltung“, erklärte die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs.

Die Auszeichnung ist mit 37.500 Euro dotiert: Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro. 2022 ging der Preis an Kim de l’Horizon für den Roman „Blutbuch“.

(V.l.n.r.): Nominiert waren Werke der Autoren Sylvie Schenk, Terézia Mora, Tonio Schachinger, Anne Rabe, Necati Öziri und Ulrike Sterblich 
(V.l.n.r.): Nominiert waren Werke der Autoren Sylvie Schenk, Terézia Mora, Tonio Schachinger, Anne Rabe, Necati Öziri und Ulrike Sterblich  Foto: dpa/Arne Dedert