Bevor die Profis bei Paris-Roubaix ins Ziel kommen, sind erst einmal die Junioren dran. Ein Rennen, das vor dem Aus stand, bis Trek-Profi John Degenkolb eine Spendenaktion ins Leben rief. Dankbar hierfür zeigte sich auch Tom Paquet, einer von sechs Luxemburgern, der am Sonntag beim U19-Rennen am Start war.

Zweieinhalb Stunden bevor sich der Belgier Philippe Gilbert unter tosendem Jubel der Zuschauer zum ersten Mal in die Siegerliste von Paris-Roubaix eintragen konnte, bebte das Velodrom in Roubaix am Sonntag bereits ein erstes Mal. Denn nicht nur die Profis kämpften sich durch die „Hölle des Nordens“, wie der Frühjahrsklassiker im Norden Frankreichs auch gerne bezeichnet wird. Auch die Junioren quälten sich über die legendären Pavés-Passagen. Ein Vorgeschmack auf das, was sie einmal erwarten könnte, wenn auch nicht alle 29 Sektoren, sondern „nur“ 17 auf dem Programm standen.

Mit Tour-Sieger Geraint Thomas, Florian Sénéchal – Teamkollege von Bob Jungels bei Deceuninck Quick-Step – oder Jasper Stuyven, der bereits bei Kuurne-Bruxelles-Kuurne triumphierte, standen heute bestens bekannte Fahrer bereits in ihren jungen Jahren beim Junioren-Rennen ganz oben auf dem Podium. Und auch Peter Sagan entdeckte seine Liebe zur „Königin der Klassiker“ bereits im Jahr 2008, als der heute 29-Jährige den zweiten Rang belegte.

Die Zielankunft der U19-Fahrer stand in diesem Jahr denen der Profis dann auch in nichts nach. Denn auch hier setzte sich mit dem Niederländer Hidde van Veenendaal der Sieger erst im Sprint gegen den Franzosen Hugo Toumire durch. Das Duo hatte davor bereits eine beeindruckende Aufholjagd hingelegt und den US-Amerikaner Michael Garrison, der während zwei Dritteln des Rennens allein an der Spitze lag, erst in den letzten Kilometern eingefangen.

Die Bilder, die dann folgten, wiederholten sich auch einige Stunden später bei den Profis. Völlig erschöpft fielen die einen auf den Rasen im Zentrum des Velodroms, die andren ärgerten sich über Materialschäden und nicht rechtzeitig erhaltene Ersatzräder. Wiederum andere, wie der Franzose Axel Laurance, lagen mit schmerzverzerrtem Gesicht neben der Piste. Der 18-Jährige hatte sich trotz eines kaputten Knöchels bis über die Ziellinie gequält, auch wenn er aufgrund des verpassten Zeitlimits nicht mehr im Klassement geführt wurde. Angekommen zu sein, das war das Hauptziel, was auch für den Luxemburger Tom Paquet galt, der in den letzten Rennkilometern viel Pech hatte, aber der einzige der sechs gestarteten FSCL-Fahrer war, der die Ziellinie im Velodrom überquerte.

10.000 Euro fehlten

Dass die Junioren in diesem Jahr überhaupt in den Genuss der „Königin der Klassiker“ kommen durften, war jedoch alles andere als selbstverständlich. Anfang des Jahres stand die Veranstaltung aufgrund erheblicher Budgetprobleme nämlich vor dem Aus. Denn anders als das Hauptrennen wird das der Junioren nicht von der ASO (Amaury Sport Organisation) organisiert, das u.a. auch für die Tour de France verantwortlich ist, sondern vom regionalen Vélo-Club de Roubaix. Diesem fehlten jedoch rund 10.000 Euro, eine Summe, die für einen solchen Organisator ein großer Batzen Geld ist.

Diese Hiobsbotschaft machte langsam auch im Profi-Lager die Runde und als John Degenkolb hiervon erfuhr, wollte er das drohende Schicksal nicht einfach so hinnehmen. Der Deutsche in Diensten der World-Tour-Mannschaft Trek-Segafredo, für das auch der Luxemburger Alex Kirsch am Sonntag an den Start ging, triumphierte im Jahr 2015 in der „Hölle des Nordens“ und hat die 257 Kilometer mit den legendären Kopfsteinpflaster-Passagen sichtlich ins Herz geschlossen.

Degenkolb und sein Management riefen spontan eine Crowd-Funding-Aktion ins Leben und waren von der Unterstützung aus der ganzen Welt begeistert, denn quasi über Nacht war das Nachwuchsrennen gesichert. Damit war allerdings noch nicht genug, denn am Ende blieben sogar 5.000 Euro übrig, die Degenkolb persönlich vor dem Start der 117. Auflage an die „Amis de Paris-Roubaix“ spendete, die sich um die Pflege der 54,5 Kilometer langen Pavés-Passagen kümmern.

Nicht nur den Organisatoren fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als sie von dieser Nachricht erfuhren, sondern auch den Nachwuchsfahrern wie Tom Paquet, der die Zielline am Sonntag auf Rang 46 überquerte: „Ich habe immer davon geträumt, einmal bei Paris-Roubaix starten zu dürfen, denn für mich persönlich ist es das schönste Rennen im Kalender.“

Dass sich ein Profi-Fahrer um den Jugendbereich sorgt, ist für den jungen Fahrer, der seine erste Junioren-Saison bestreitet, keine Selbstverständlichkeit: „Zum Glück gibt es Leute wie John Degenkolb, denen solche Rennen noch am Herzen liegen. Ich bin mir bewusst, dass es nicht einfach ist, diese am Leben zu erhalten. Für uns junge Fahrer ist es von großer Bedeutung, dass gerade Paris-Roubaix nicht aus dem Kalender verschwunden ist, denn schon immer konnten sich die Besten hier zeigen.“

Viele Auflagen machen es nicht leichter

Auch Heiko Lehmann, der sich seit September beim nationalen Verband FSCL um den Juniorenbereich kümmert, spricht von der großen Bedeutung, die die Teilnahme an Paris-Roubaix für seine Schützlinge hat: „Die Erfahrung und die Eindrücke, die die Jungs hier sammeln, sind bleibende Erlebnisse. Das kennen sie ja sonst nur von den Großen, dürfen sie hier aber einmal selber erleben. Das sind nicht nur die fast 30 Kilometer Kopfsteinpflaster und die Materialschlacht, sondern auch die Unterstützung der Zuschauer.“

Der Deutsche hat höchsten Respekt für die Leute, die sich immer noch stark für Jugendrennen engagieren: „Es wird immer schwieriger, weil es von der Polizei, den Gemeinden und Städten immer mehr Auflagen gibt. Ich finde es toll, dass John Degenkolb extra für das Juniorenrennen noch einmal einen Preis für den Fahrer, der am besten über die Pavés kommt, gestiftet hat. Er ist jemand, der dieses Rennen liebt, das habe ich auch vor dem Start noch zu meinen Jungs gesagt, entweder man liebt es oder man hasst es.“

Die Liebe zur „Hölle des Nordens“ hat auch Paquet für sich entdeckt, auch wenn ihm im Zielbereich die Hände schmerzten und er eine Top-20-Platzierung in der drittletzten Pavés-Passage des Tages, dem Carrefour de l’Arbre, verpasste: „Die Speichen meines Hinterrades sind förmlich explodiert und bis Ersatz da war, waren vier Minuten vergangen.“ Und auch wenn es schwer war, sich danach noch einmal zu motivieren, so war Ankommen dann doch alles: „Um ehrlich zu sein, hatte ich vor dem Start nicht damit gerechnet, dass ich es schaffen werde.“

Gerade für diese wertvolle Erfahrung wird er John Degenkolb jedenfalls für immer dankbar sein.

 

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here