10. Dezember 2015 09:32;Akt: 10.12.2015 10:13

Wirtschaft: Der Langzeittrend stimmt

GESUNDE STAATSFINANZEN (3)

Was lässt sich mit einiger Gewissheit berechnen, was nicht? Zuverlässige Langzeittrends ergeben sich aus den Erfahrungswerten der vergangenen Jahre, wenn das allgemeine politische und wirtschaftliche Umfeld in etwa stabil bleibt. Regierungswechsel und Konjunkturschwankungen haben wenig Einfluss auf die durchschnittliche Leistung während einer längeren Betrachtungsperiode.

Eine wichtige Referenz ist das reale, preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt („PIB en volume“). Es wächst oder es schrumpft, wobei letztgenanntes Phänomen als „schlecht“ gilt. Das Mainstream-Denken fußt mehr denn je auf der Sucht nach dem Mehr; ob dieses Mehr an produziertem Wert die Lebensqualität steigert, gilt als zweitrangige Frage. Lobbyisten mögen „gute“ BIPs eigentlich nicht, weil sie der jeweiligen Regierung, sofern sie keine streng neoliberale ist, als Argument für höhere Staatsausgaben, eventuell zugunsten sozialer Transfers, dienen könnten.

Deshalb zielt ihre (der Lobbyisten) Öffentlichkeitsarbeit darauf hin, ein bemerkenswertes BIP-Plus zu zerreden („Ja, aber da wären besondere Umstände zu berücksichtigen, darüber hinaus könnten die Kriege und Attentate negative Wirkungen zeitigen, wir raten zur Vorsicht, die Krise ist noch nicht überstanden, anstatt wegen des BIP irgendwelche Ausgaben emporzuschrauben, sollte man die Steuern der Unternehmen senken, denn unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den andern sinkt“, usw., usf.). Aber das gehört halt zu einer lebendigen Auseinandersetzung.

Aus unserer Sicht kann eine verantwortungsbewusste Regierung jetzt, Ende 2015, davon ausgehen, dass der BIP-Langzeittrend steuerliche Entlastungen zugunsten der kleinen und mittleren Einkommen ermöglicht und dass Zuwendungen an Kleinsteinkommen tragbar sind. Ob darüber hinaus auch Entlastungen für die Unternehmen zu verkraften wären, wäre sorgfältig zu prüfen und nicht von vornherein auszuschließen.

Mehr Kaufkraft der Kundschaft täte solchen Handwerks-, Handels- und Dienstleistungfirmen gut, die ihr Geld nicht auf den großen regionalen, europäischen oder weltweiten Märkten verdienen, sondern hier vor Ort.

(Größere Ansicht)

Unsere Grafik 1 zeigt die Entwicklung des preisbereinigten BIP in Prozent jeweils zum Vorjahr. Seit 2013 bewegt sich die Luxemburger Volkswirtschaft wieder im gleichen Schritt vorwärts wie durchschnittlich in den fünf Jahren vor der Krise 2008/2009. Alle Prognosen für die nächsten drei Jahre kündigen ein robustes Wachstum an, das wir hier nicht in Zahlen ausdrücken, weil kleine Schwankungen nach oben wie nach unten nicht relevant sind.

(Größere Ansicht)

Unsere Grafik 2 setzt das preisbereinigte BIP des Jahres 2008 mit dem Index 100 gleich und zeigt auf, wo die 28 EU-Mitgliedstaaten 2014 stehen. Nur das kleine Malta und das große Polen schlagen Luxemburg in dieser Disziplin. „Wir“ kommen tatsächlich schneller voran als die Bestgerühmten wie etwa Deutschland und Großbritannien. Lassen wir uns diese gemeinsame Leistung nicht von interessierter Seite schmälern!

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  • Uliss am 10.12.2015 11:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dir Luxemburger Wirtschaft ist seit 2009 stärker gewachsen als fast alle andern EU-Wirtschaften. Das war nur möglich, weil qualifizierte Arbeitskräfte in hoher Zahl zur Verfügung standen.

  • Werner B. am 10.12.2015 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Zum Langzeittrend gehört aber auch, das es eine implizite Staatsschuld von über 1100 % gibt und Luxemburg eine Nachhaltigkeitslücke hat mit dem es eher auf Augenhöhe mit Griechenland liegt.... auch das gehört uns Bild.

  • Paul C. am 10.12.2015 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Und jetzt bitte alles pro-Kopf rechnen und dann sieht die Sache leider nicht mehr so rosig aus. Wenn die Wirtschaft um 10% seit 2008 gewachsen ist, die Bevölkerung aber um etwa 13%, dann hat (im Duschschnitt) jeder einzelne von uns weniger erwirtschaftet und schlussendlich in der Tasche.

    • Liberix am 10.12.2015 11:34 Report Diesen Beitrag melden

      Als müsste man die Löhne und Pensionen um 3% kürzen, nicht wahr Paul, oder?

    • Calculator am 10.12.2015 12:52 Report Diesen Beitrag melden

      Das BIP- Wachstum mit dem Wachstum der Bevœlkerung verbinden macht wenig Sinn. Zum BIP tragen in hohem Masse auch die Grenzgänger bei. Mich interessiert hier der Vergleich mit den andern. Das Ergebnis dieses Vergleichs spricht gegen jede politische und wirtschaftliche Panikmache.

    • Paul C. am 10.12.2015 16:54 Report Diesen Beitrag melden

      @Calculator: Gut rechnen Sie auch noch die zusätzlichen Grenzgänger mit ein, das Erbgebniss wird umso schlechter aussehen. Das ist keine Panikmache, aber einfach nur das Wachstum des BIP zu nehmen, ohne die Grundlagen zu beachten auf denen dieses Wachstum fußt, ist doch sehr simplistisch-populistisch, um Forderungen nach Steuer-Entlasungen und/oder mehr sozialen Leistungen zu stellen.

    • Jean am 10.12.2015 19:23 Report Diesen Beitrag melden

      Ich will mich nicht in die Diskussion zwischen Paul C. Und Calculator einmischen, aber nur eins: Der geschaffene Mehrwert, dazu gehört auch der BIP-Zuwachs, kann nicht auf soundsoviel Personen zurückgeführt werden. Er hängt entscheidend ab von den Preisen, die auf den Märkten für Güter und Dienstleistungen erzielt werden können. Gehen wir ruhig davon aus, dass Luxemburg nach 2008 besser vorankam als die Nachbarn.

    • Werner B. am 11.12.2015 08:06 Report Diesen Beitrag melden

      @ Jean ..., aber zu welchem Preis. Die Schattenseite der Attraktivität unseres Standortes ist doch, das wir riesige Summen an Sozialversicherungsbeiträgen in die Zukunft verlagern. Wie Sie sicher wissen werden z.B. Renten nur zu 2/3 durch Umlagen finanziert. Das die Kassen jetzt voll sind, liegt nur daran, das sich die Anzahl der Beschäftigen in den letzten 25 Jahren nahezu verdoppelt hat. Mit jedem zusätzlichen Beschäftigen nehmen wir aber auch weitere Verpflichtungen auf uns. Eine Verpflichtung die wir hier allerdings erst in 25-30 zu spüren bekommen.

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