Für einen multiethnischen Staat gleichberechtigter Bürger streitet vor den Präsidentschaftswahlen in Nordmazedonien am Sonntag der aussichtsreichste Kandidat Stevo Pendarovski. Mit Thomas Roser sprach er in Skopje über seine Wahlchancen und die EU-Perspektiven des umbenannten Landes.

Von Thomas Roser

Tageblatt: Sie hatten vor fünf Jahren die Präsidentschaftswahlen gegen den scheidenden Amtsinhaber Djordje Ivanov verloren. Was lässt Sie nun auf einen Sieg hoffen?

Stevo Pendarovski: Vor fünf Jahren stand das autoritäre Regime von Premier Nikola Gruevski auf dem Höhepunkt. Das Land war damals von einer Demokratie weit entfernt, war praktisch ein Einparteienstaat. Alle Medien standen unter totaler Parteikontrolle: Im staatlichen Fernsehen wurde damals kein einziger Spot von uns ausgestrahlt. Der größte Unterschied ist, dass wir nun eine echte Demokratie haben, in der Verwaltung und Justiz – im Gegensatz zu früher – nicht von der Regierung unter Druck gesetzt werden.

In den Umfragen liegen Sie als unabhängiger Regierungskandidat vorn, aber unter den ethnischen Mazedoniern hinter Ihrer Konkurrentin Gordana Siljanovska. Kostet Sie Ihr Einsatz für die Albaner mazedonische Stimmen?

Ich stehe für ein Konzept einer Gesellschaft für alle und bemühe mich, über alle ethnischen, religiösen und parteipolitischen Linien hinweg um Wähler zu werben. Es stimmt, dass ich laut den Umfragen auch einen soliden Zuspruch unter den Albanern habe – meine Gegenkandidatin hat das nicht. Außer korrupt und populistisch war Gruevskis Regime eben auch ethnonationalistisch.

Fürchten Sie, dass die Präsidentschaftswahl in der zweiten Runde an der nötigen Mindestwahlbeteiligung von 40 Prozent scheitern könnte?

Die letzte Volkszählung wurde 2002 abgehalten. Und niemand weiß wegen der starken Emigration, wie viele Einwohner das Land noch wirklich zählt: Mindestens 400.000 der offiziell 1,8 Millionen Wähler leben gar nicht mehr hier. Für die Gültigkeit der Wahl müssten in der zweiten Runde 723.000 Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben – und das ist in Reichweite.

Falls die Opposition die Stichwahl ähnlich wie das Referendum im letzten Jahr boykottieren sollte, wäre das nicht möglich. Dann müssten die Wahlen laut Verfassung so oft wiederholt werden, bis das nötige Quorum erfüllt ist.

Sie sprechen manchmal von Nordmazedonien und manchmal von Mazedonien. Wie haben sich Ihre Landsleute an den neuen Namen gewöhnt?

Ja, Premier Zoran Zaev hält uns immer an, den neuen Namen zu verwenden (lacht). Ich spreche oft noch immer von Mazedonien, weil ich das einfach so gewohnt bin. Als wir im Juni das Prespa-Abkommen (zur Beendigung des Namensstreits mit Griechenland; TR) unterzeichneten, war über die Hälfte der ethnischen Mazedonier dagegen. Die Albaner haben keine Probleme damit. Inzwischen sind laut Umfragen insgesamt 68 Prozent für das Abkommen, das die Tür zur EU öffnet: Auch unter den Mazedoniern ist nun die Mehrheit dafür.

Wie sehen Sie die Chancen auf die Eröffnung der EU-Beitrittsverhandlungen?
Mit der Beilegung des Namensstreits mit Griechenland, der Verbesserung der Beziehungen zu Bulgarien und dem Sprachengesetz zur rechtlichen Gleichstellung der Albaner haben wir die größten Hindernisse aus dem Weg geräumt. Unser Dossier ist gut. Aber jeder in Europa wartet auf das Ergebnis der Europawahlen. Wenn die EU-skeptischen Parteien sehr stark an Boden gewinnen sollten, könnte das auch für die EU-Anwärter zum Problem werden.

Fürchten Sie die Enttäuschung der Leute, falls eine baldige Verbesserung der Lebensverhältnisse ausbleibt?

Natürlich muss sich der Lebensstandard verbessern, damit die Menschen im Land bleiben. Aber allein kann man das kaum realisieren, dafür muss man Teil der EU sein.
Der Beginn der Beitrittsverhandlungen würde das Tor öffnen für den endgültigen Abschied von der alten Balkanpolitik des Nationalismus, des Populismus und der antiwestlichen Ressentiments.

Was für ein Präsident wollen Sie im Fall Ihrer Wahl sein?

Ich bin parteilos und werde auch nach der Wahl nicht zum Sklaven der Parteien werden, die meine Kandidatur unterstützen. Die Leute wissen, dass ich immer etwas unabhängiger als andere war – und das würde ich auch als Präsident gerne bleiben. Ich möchte über alle ethnischen, religiösen und parteipolitischen Grenzen hinweg wirklich der Präsident aller sein – auch für diejenigen, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten, die Armen.

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