Es gibt keine allgemein gültige Definition von Armut. Die Grenze von Armut zu Nicht-Armut ist von Land zu Land, von Region zu Region, von Person zu Person verschieden.

Von Jos Schürr

(Den ersten Teil des Artikels finden Sie hier.)

Je höher die Wirtschaft in einem Land entwickelt ist, desto höher ist die Schwelle, in der eine Person, eine Familie die Armutsgrenze überschreitet. Und die gefühlte individuelle Armut oder Nicht-Armut muss mit einer offiziellen Definition nicht übereinstimmen.

Armutsbekämpfung

Luxemburg steht vor Parlamentswahlen. Wir Wähler werden, wie auch bei den Gemeinderatswahlen, von jeder Partei das jeweilige Wahlprogramm in unserem Briefkasten finden. Wäre es nicht erstrebenswert, wenn man hierin ein Kapitel Armutsbekämpfung finden würde?

Die Zahl der „Armuts-Wähler“ in Luxemburg ist, Gott sei Dank, nicht berauschend hoch; aber ein solches Kapitel würde auch bei „Nicht-Armuts-Wählern“ positiven Eindruck hinterlassen und gegebenenfalls Wählerstimmen bringen. Sollte eine oder sogar mehrere Luxemburger Parteien, und nach der Wahl die neue Regierung, sich bezüglich eines Gesamtpaketes zur Armutsbekämpfung Gedanken machen wollen, im Folgenden Hilfestellungen.

Das Gesamtkonzept zur Armutsbekämpfung muss zumindest drei Bereiche umfassen:
– Maßnahmen zur Linderung von aktuell bestehender Armut.
–  Eine individuelle Ausstiegsstrategie aus aktuell bestehender Armut.
–  Maßnahmen zur Verhinderung von künftiger Armut.

Es ist bewundernswert, welche Anstrengungen die einzelnen Gemeinden, öffentliche, kirchliche Organisationen, private und ehrenamtliche Personen zur Linderung von aktuell bestehender Armut leisten. Wenn man sich hiermit näher befasst, dann hat man den Eindruck: mehr geht nicht. Und trotzdem wird es immer wieder Einzelfälle geben, in denen mehr Hilfe nötig gewesen wäre.

Schon deutlich weniger bewundernswert sieht es meiner Meinung nach im zweiten Bereich eines Gesamtkonzeptes aus: der Erstellung und Realisierung einer individuellen Ausstiegsstrategie aus aktuell bestehender Armut. Die Betonung liegt auf individuell. Und dann zieht sich im Normalfall die Realisierung der Ausstiegsstrategie über einen mehrjährigen Zeitraum hin. Und ohne eine kontinuierliche Begleitung während der Realisierung der Ausstiegsstrategie geht es in der Regel nicht.

Einige Kernfragen: Muss eine zusätzliche Sprache gelernt werden? Ist eine Erlernung bzw. Vertiefung der modernen Kommunikationsformen nötig? Fehlt eine Berufsausbildung oder ist eine Berufsumschulung erforderlich? Hat der Haushalt Schulden und gibt es ein realistisches Tilgungskonzept? Wie findet sich eine Wohnung, deren Miete sich am Einkommen orientiert? Und wenn eine bezahlbare Wohnung vorhanden ist, gibt es ein Sparprogramm für die Zukunft? Wird Unterstützung gebraucht, um die Vielzahl der öffentlichen Hilfen zu erhalten bzw. in Anspruch zu nehmen? Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche, der Erstellung von Bewerbungsunterlagen? Usw., usf.

Mit dem dritten Bereich, den Maßnahmen zur Verhinderung von künftiger Armut, wird das Thema Armutsbekämpfung grundsätzlicher und umfassender. Bildung ist der Schlüssel, der Armut zu entkommen, Bildung ist der Schlüssel für mehr Lebensqualität: Bildung im Vorschulalter, durch Schule, Hochschule und Universität, in der Berufsausbildung und Beruf, oder anders ausgedrückt: lebenslanges Lernen.

Damit jeder, der fähig und willig ist, auch Bildungsbürger werden kann, ist finanzielle Chancengleichheit die Voraussetzung; das heißt nichts anderes, als dass fehlende finanzielle Mittel kein Grund sein dürfen, Bildungsangebote nicht nutzen zu können. Und sollte dieser Grundsatz tatsächlich realisiert sein, dann muss dafür gesorgt werden, dass die Bildungsangebote auch in Anspruch genommen werden, was aus meiner Sicht noch schwieriger ist als die Schaffung der finanziellen Chancengleichheit.

Zum Schluss noch zwei Anmerkungen:

Dem Argument, die Schaffung eines umfassenden und lebenslangen Bildungsangebotes, die Realisierung finanzieller Chancengleichheit für die Nutzung dieses Bildungsangebotes sowie deren konsequente Nutzung durch alle Mitbürger übersteigt unsere finanziellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, ist entgegenzuhalten: Für jede Person, für die künftige Armut verhindert wird, ist das Leben lebenswerter; es fallen die Kosten zur Linderung bzw. zum Ausstieg aus der Armut nicht an; die Person zahlt Steuern und Sozialbeiträge und trägt ihr Scherflein zur allseits gewünschten Steigerung des BIP bei. Die Armutsbekämpfung ist somit durchaus vergleichbar mit den Maßnahmen zur Prävention von Krankheiten und Epidemien.

Und: Selbst wenn die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung bestens organisiert und realisiert sind, wird es weiterhin temporäre Armut in unserem Land geben, denn nicht jede Person kann und will die gebotenen Bildungs- und Ausbildungschancen nutzen. Damit bleibt die Linderung von aktuell bestehender Armut weiterhin Aufgabe unserer Gesellschaft, sie würde nur geringer als heute.

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