Seit Sonntag ist die WM vorbei und man kann endlich wieder eine Kneipe aufsuchen, ohne trikottragende Menschen mit patriotischem Funkeln in den Augen zu treffen, die einem mit lärmendem Getöse das Gespräch vermiesen. In einer rezenten Rede hat Familienministerin Corinne Cahen die WM als Symbol für die vielsprachige, multikulturelle Landschaft Luxemburgs gesehen: Es habe bei fast jedem Spiel eine Gruppe mitfiebernder Fans gegeben. Diese Analyse mag zwar etwas über die ethnische und kulturelle Vielfalt des Großherzogtums aussagen. Sie geht jedoch nicht weit genug.

Vielmehr verrät das typisch luxemburgische Mitfiebern mit der belgischen, italienischen, portugiesischen, deutschen oder französischen Nationalmannschaft eine typisch schizophrene Haltung des hiesigen Bürgers, der sich einerseits kurzzeitig mit den großen oder kleinen Nachbarländern oder früheren Immigranten identifiziert, nach dem Fußballrummel aber bspw. wieder eifrig auf die Inbetriebnahme eines Wegabschneiders, der in der Gemeinde Schengen den Grenzgängern das Pendeln erschweren soll, wartet.

So verflucht man zwar immer wieder die frankophonen Grenzgänger, fährt jedoch kurzerhand nach Arlon, um dort mit den Roten Teufeln mitzufiebern. In dieser momentanen Leihidentität tut sich zwar einerseits eine vielleicht berührende Verwischung der Identitäten auf, doch die psychologischen Beweggründe eines solchen zeitweiligen Fußball-Leviathans sind wohl teilweise auf die Projizierung des landeseigenen Minderwertigkeitskomplexes auf das benachbarte, ebenfalls relativ kleine Belgien zurückzuführen. Dass der Fan der Roten Teufel am Tag darauf dann trotzdem wieder an der nun schon sprichwörtlichen Brottheke über das Versiegen der luxemburgischen Sprache und die Omnipräsenz des Französischen wettert, ist nicht nur schade, sondern zeugt von einer Schizophrenie, die der Beziehung zu unseren Nachbarländen seit ewig innewohnt.

Der Vorteil einer kleinen Nation, die aus offensichtlichen Gründen in WM-Zeiten nicht patriotisch mitfiebern kann, könnte doch darin liegen, sich von den nationalistischen Fesseln zu lösen – das Nation-Identifikation-Gleichnis zugunsten anderer Beweggründe fallen zu lassen. Wie schön und sinnvoll wäre es doch, wenn man die belgische Mannschaft im Spiel gegen England deswegen unterstützt hätte, weil Belgien das Epizentrum der bröckelnden EU darstellt – wo England schließlich ebendieses Zerbröckeln verdichtet.

Die luxemburgische Doppelhaltung spiegelt aber auch das Paradoxon dieser WM wider: Einerseits ist die WM ein großes Volksfest, ein Zusammensein der Nationen, das es vermag, traumatische Erfahrungen für einen Moment zu kompensieren – Frankreich wurde fast auf den Tag zwei Jahre nach den Attentaten in Nice Weltmeister und hat nun erstmals wieder einen Grund, kollektiv zu jubeln, anstatt zu verzweifeln. Andererseits war die Russland-WM eine Art Ablenkungsmanöver, das selbst die lobenswerte Pussy-Riot-Aktion am Sonntag nur geringfügig unterminieren konnte. Im WM-Rausch vergaß man zu oft, dass dieses Turnier in einem Land stattfand, in dem der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov nach seiner Verhaftung durch den russischen Geheimdienst am 14. Mai einen Hungerstreik begann, um die Freilassung 70 ukrainischer politischer Häftlinge zu erreichen – und dessen Leben seit Wochen an einem dünnen Faden hängt. Ein Land, in dem der Regisseur Kirill Serebrennikow und sein Mitarbeiter Alexej Malobrodski wegen einer Geldunterschlagung, die nicht stattfand, inhaftiert wurden.

2 Kommentare

  1. Die Fussball WM hat abgelenkt, man war auf die Spiele und deren Ausgang fokussiert. In Frankreich ist eine regelrechte Euphorie, um nicht zu sagen Hysterie, nach dem WM Titelgewinn ausgebrochen. Die Nation ist vereint wie nie zuvor. Nicht die Spur mehr von Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit zumindest so lange wie diese Hochstimmung anhält. Auch die Politik profitiert davon. Aber der Sommer geht vorbei und auf ihn folgt die Katerstimmung und ein heisser Herbst. Bei den Deutschen Nachbarn setzte rasche Ernüchterung, nach dem vorzeitigen Ausscheiden der Mannschaft ein und Angela Merkel war wieder an allem Schuld. Durch Özils und Grünugans Faux Pas standen die sportlichen Sündenböcke auch schnell fest. So gesehen ist Sport Opium für’s Volk. Er lenkt für kurze Zeit vom Wesentlichen ab. Was nicht unbedingt schlecht ist!

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