Betrauert und beweint: Der Tod des 98-jährigen Großherzogs Jean hat ein Land in kollektive Depression geworfen. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls der Blick auf die mediale Berichterstattung der vergangenen Tage. Kritischer Impetus wurde gegen würdigende Hofberichterstattung eingetauscht: Jean de Luxembourg war mal ein Held, mal Vater der Nation, mal pflichtbewusster Staatsmann, ein Befreier von Fremdherrschaft oder einfach nur einer von uns.

Aber auch jenseits der journalistischen Medien war die Trauer groß, es überwog ein tiefer Respekt gegenüber dem verstorbenen Monarchen. Die kollektive Trauer war deshalb keineswegs nur oktroyiert, keineswegs von oben inszeniert, keineswegs nur vorgegaukelt – sie war der Ausdruck einer tatsächlichen Betroffenheit der Bevölkerung.

Die Frage, die sich dennoch stellt: Wie erklärt sich diese rege Anteilnahme? Mehr als 200 Jahre nach Beginn der Säkularisierung, der Transformation von Macht in liberale Verfassungen und dem zunehmenden Abbau von angeborenen Privilegien steht die Monarchie mit ihrer tradierten Herrschaftsordnung eigentlich bar jeder modernen Wertvorstellung. Woher rührt also diese innige Verbundenheit mit der Monarchie?

Eine Prise devotes Verhalten ist wohl nicht von der Hand zu weisen, allein als Erklärung reicht es nicht. Der Schriftsteller Stefan Zweig liefert einen anderen Hinweis. In seinem Magnum Opus „Die Welt von Gestern“, das er in der zerrissenen Zwischenkriegszeit verfasst hat, beschreibt er Kaiser Franz Joseph I. von Österreich als „wunderbares Symbol der Stetigkeit“. Der Habsburger Monarch, der von 1848 bis zu seinem Tode 1916 im Amt war, habe dafür gesorgt, dass Jahr für Jahr die Welt berechenbar war und in ruhigen Bahnen lief. Er war bei allen revolutionären Veränderungen der Moderne ein Orientierungspunkt und vermittelte ein beruhigendes Gefühl der Stetigkeit, der Berechenbarkeit.

Auch heute bietet die Monarchie für viele, die durch die Veränderungen der Globalisierung verschreckt oder gar heimatlos geworden sind, ein Gefühl von Heimat und Kontinuität. Das zeigt sich im Kleinen, wenn vorder- oder ostasiatische Restaurantbesitzer das Abbild der großherzoglich Paares aufhängen. Und im Großen, bei der Anteilnahme an höfischem Zeremoniell.

Doch auch das allein reicht als Erklärung noch nicht. Die adligen Familien von heute bieten neben ihrer Stetigkeit auch Unterhaltungswert. Die Monarchie ist eben nicht nur Herrscherhaus, sondern im Medienzeitalter auch ein Teil der Popkultur: Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, Sterbefälle, Scheidungen und andere Fehltritte. Es menschelt am Hof und die Menschen lieben diese „People’s stories“.

Schillernd farbenfrohe Ereignisse beobachten und sich gleichzeitig in einer Gemeinschaft beheimatet fühlen, das macht wohl den Charme der Monarchie im 21. Jahrhundert aus. Oder wie eine Journalistin es einmal formuliert hat: „Den Haff ass den Haff.“

11 Kommentare

  1. Monarchien und Religionen vermitteln ein Sicherheitsgefühl obwohl die meisten Leute nicht mit dieser Ideologie eiverstanden sind. Die Bekämpfung ihrer Privilegien hat der Gesellschaft Freiheiten gebracht, mit welchen sie nicht so richtig umgehen kann. Die Verlierer von Digitalisierung und Globalisierung wünschen sich die alte, berechenbare Weltordnung zurück und unterstützen die Rechtspopulisten.

  2. Ich hatte bisher noch keinen Moment im Leben wo die Monarchie mir eine moralische, seelische Stütze gewesen wäre.Genau so wenig wie die Religion. Ich bin auch kein bisschen von ihr fasziniert , egal wer ihre Repräsentanten waren oder sind.

    Was ist denn zb aktuell der positive Beitrag der Monarchie beim Brexit- Chaos in United Kingdom ? Ich seh keinen.

    Also scheint die Faszination nicht real begründet sondern eher so naiv wie Kinder bis 6 Jahre vom Kleeschen begeistert sind.

    • Im benachbarten Deutschland hat der Bundespräsident auch nur eine repräsentative Funktion. Hier werden Religion und Monarchie miteinander vermischt. Man kann Atheist sein und trotzdem Monarchist, das eine schliesst das andere doch nicht aus. Gibt es ein einziges Beispiel in unserer Nackriegsgeschichte, wo die Grossherzogin oder der Grossherzog auch nur annähernd den Versuch unternommen hätten, die Regierungsgeschäfte zu beeinflussen oder in das politische Geschehen einzugreifen ? Der verstorbene Grossherzog Jean hat unser Land stets mit Würde und Anstand in der Welt vertreten. Er war nicht nur bei uns, auch im Ausland hoch angesehen und beliebt. Wenn man objektiv ist, muss man das zugeben. Auch der vermeintliche Gegner hat nicht nur Schattenseiten, er hat durchaus auch Verdienste. Es macht die Grösse eines Menschen aus, diese Tatsache anzuerkennen.

    • “Was ist denn zb aktuell der positive Beitrag der Monarchie beim Brexit- Chaos in United Kingdom ? ”
      Sowohl die Queen als auch “onsen Haff” mischen sich in unser politisches Gewusel ein. Das war schon immer so.

  3. Weder Monarchie noch Religion sind Bewunderung wert, ein Kuriosum aus vergangenen Zeiten, das doch längstens schon überwunden sein sollte, seit der Aufklärung!

  4. “Den Haff ass den Haff” Dem Lëtzebuerger geet et ze gut. Hien kuckt nemmen no sech an alles as him egal. Doufir desen Zoustand wéi am Mettelalter. Mir brauchen awer fir dat ze änneren richteg Politiker an keng Bauchpinseler an Schleimer.

    • Dass die Luxemburger noch immer im Mittelalter leben, merkt man an den pferdestarken Karrossen auf unseren Strassen. Ausserdem leben wir in einer Demokratie und die Luxusbürger haben die Politiker , ob richtige oder falsche,, die sie verdienen, nämlich genau die, die sie gewählt haben. Und wenn es dem Luxemburger gut oder zu gut geht, ist die Politik nicht unschuldig an diesem Zustand um den uns die meisten Länder beneiden.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here