Um die 70 Millionen Menschen befanden sich laut Angaben der Vereinten Nationen Ende 2018 weltweit auf der Flucht, doch es ist nicht der reiche Westen, der die Hauptlast trägt: Es sind Länder wie der Iran, Pakistan, Uganda und der Libanon, die wahre Flüchtlingsströme aufnehmen. Spitzenreiter ist die Türkei mit 3,5 Millionen Flüchtlingen im Land. Im Verhältnis zu seiner geringen Einwohnerzahl von 6 Millionen beherbergt der Libanon sage und schreibe 1 Million Flüchtlinge, was mehr als 14 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Zur gleichen Zeit gab es die meisten Flüchtlinge in unseren Breitengraden in Deutschland: 1,4 Millionen, auf die Gesamtbevölkerung gerechnet sind das 1,7 Prozent. Hierzulande wurde zwischen 2014 und heute 3.570 Personen der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Angesicht der populären Mär einer Flüchtlingswelle, die uns überrollt, ist es angebracht – besonders am heutigen Weltflüchtlingstag – darauf hinzuweisen, dass 85 Prozent aller Flüchtlinge in Entwicklungsländern (über)leben.

Wie es der Zufall will, jährt sich heute zum 200. Mal der Geburtstag des Komponisten Jacques Offenbach. Eigentlich hieß er Jakob, doch als er 14 Jahre alt war, zog sein Vater mit ihm und seinen Geschwistern nach Paris, um ihnen eine bessere Zukunft als Musiker zu ermöglichen. Doch am dortigen Konservatorium wollte man den späteren Komponisten des „Cancan“ nicht aufnehmen, da die Schule nur für Einheimische gedacht war. Aber der Direktor ließ sich erweichen, sonst wäre das Genre der Operette vielleicht nicht geboren worden und es gäbe keine „Hoffmanns Erzählungen“, eine der bekanntesten französischen Opern.

Offenbach und seine Familie waren keine Flüchtlinge, und trotzdem haben sie etwas mit jenen gemeinsam, die sich täglich nach Europa aufmachen: Sie alle woll(t)en ein besseres Leben. Ob Menschen vom Krieg, vom Hunger oder vom Wunsch auf ein besseres Lebens getrieben werden, spielt keine Rolle: Für seine Kinder eine bessere Zukunft zu wollen, sollte Legitimation genug sein.

Der heutige Welttag ist auch eine Gelegenheit, auf Tendenzen hinzuweisen, geltendes Recht aus nationalistischen Beweggründen mit Füßen zu treten. In Italien müssen sich zurzeit Rettungskräfte vor Gericht verantworten, denen Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen wird. Dabei haben sie nur das getan, was das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2004 jedem vorschreibt, der auf See Menschen in Not begegnet, nämlich ihnen helfen. Parlamente können Gesetze verabschieden, Regierungen Verordnungen erlassen, doch Unrecht bleibt Unrecht. Häfen für Immigranten zu schließen, war ein Wahlkampfargument der italienischen Rechten. Nach ihrem Wahlsieg ging die Justiz gegen jene vor, denen Menschlichkeit und internationales Recht wichtiger sind als italienisches Unrecht. Erschreckend dabei ist, dass in Europa (Italien ist nur ein Beispiel) wieder Stammtischparolen die politische Agenda bestimmen.

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