In Bulgarien scheiden sich die Geister an einer von Russlands Botschaft organisierten Ausstellung zum 75. Jahrestag des Einmarschs der Roten Armee. Der Streit, ob die Sowjets Befreier oder Besatzer gewesen seien, entzweit den Balkanstaat – und wird vom Kommunalwahlkampf überschattet.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser, Sofia

Drinnen in der Ausstellungshalle beschworen die Festredner mit roten Krawatten beifallumtost die russisch-bulgarische Freundschaft. Draußen vor den Toren des Russischen Kulturzentrums in Sofia skandierten Demonstranten zu Wochenbeginn „Okupatori“ (Besatzer) und schwenkten Protestschilder mit der Botschaft „Stalin war kein Befreier“.
Die einen legten am 9. September Blumen vor dem Sofioter Denkmal für die Sowjet-Armee nieder, die anderen gedachten der Opfer des Kommunismus: In Bulgarien scheiden sich die Geister an der von Russlands Botschaft organisierten und am Montag eröffneten Ausstellung zum 75. Jahrestag des Einmarschs der Roten Armee.

An Hitlers Seite in den Krieg

Der Streit, ob die Sowjets Befreier oder Besatzer gewesen seien, entzweit den Balkanstaat – und wird zusätzlich durch den Stimmenstreit der nahenden Kommunalwahlen verschärft und überschattet.

Schon vor der Eröffnung der Ausstellung schlug Bulgariens Rechtsregierung gegenüber Moskau ungewohnt undiplomatische Töne an.

Ohne den Beitrag der UdSSR zum Sieg gegen den Nazismus ignorieren zu wollen, „können wir nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die Bajonette der Roten Armee den Völkern in Osteuropa ein halbes Jahrhundert der Repression brachten“, so das Außenministerium zu Monatsbeginn: Die russische Botschaft sei aufgefordert, „die fragwürdige These“ der Befreiung nicht zu unterstützen.

Einmarsch nach dem Einmarsch

Im Zweiten Weltkrieg hatte Bulgarien nach dem deutschen Einmarsch 1941 an der Seite der Achsenmächte gestanden, sich aber einer Kriegserklärung an die Sowjetunion und einer Truppenentsendung an die Ostfront verweigert. Mit der späten Aufkündigung des Pakts mit Deutschland im August 1944 konnte Sofia den Sowjet-Einmarsch nicht verhindern.

Am 5. September 1944 erklärte Moskau Bulgarien den Krieg. Dem Einmarsch der Roten Armee folgte am 9. September die Machtübernahme von Bulgariens Kommunisten (BKP). Bis 1989 galt Bulgarien als einer der pflegeleichtesten Satelliten Moskaus: In den 60er-Jahren soll Sofia zeitweise selbst mit einem Anschluss an die UdSSR liebäugelt haben.
Auch wenn es im Gegensatz zu Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei in dem Balkanstaat keine großen Arbeiterstreiks oder Massenbewegungen gegen das kommunistische System gab, wurden Andersdenkende dort ebenso unbarmherzig wie in anderen kommunistischen Staaten verfolgt.

Nostalgische Erinnerungen an die Zeit der Unterdrückung

Schon in den ersten Jahren nach der Machtübernahme der BKP wanderten Zehntausende in Gefängnisse und Arbeitslager. Von Volksgerichten wurden in Schauprozessen allein 1945 über 2.700 Menschen zum Tode verurteilt.

Obwohl auch Bulgariens Staatssicherheit jahrzehntelang Hunderttausende von Landsleuten überwachen ließ, hegen viele ältere Bulgaren nicht zuletzt wegen der Entbehrungen der endlosen Wirtschaftstransformation noch immer ein eher positives Bild der kommunistischen Ära ihres Landes. Sympathien genießt Russland aber nicht nur bei den Wählern von Bulgariens Sozialisten (BSP).

Das während der antitürkischen Kampagnen der 80er-Jahre von den kommunistischen Machthabern gepflegte Bild der slawischen Brudernation als Befreier vom Osmanenjoch bleibt in Bulgariens Öffentlichkeit tief verwurzelt.

 

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