Dieser Sonntag ist Super Sunday, und die Vereinigten Staaten stehen wie jedes Jahr um diese Zeit kopf. Mit dem Super Bowl, dem Finale der Football-Profiliga NFL, kündigt sich das größte Einzelsportereignis der Welt an. Geboten wird knallharte Action, was denn auch der Grund ist, weshalb American Football in der Gunst der US-Fans das uramerikanische Baseball um Längen distanziert hat. In der schnelllebigen Gesellschaft von heute ist Baseball den Leuten zu langsam geworden. Auch in Luxemburg erfreut sich die NFL immer größerer Popularität. Nicht wenige werden daher am Montag ziemlich übernächtigt zur Arbeit erscheinen.

American Football spiegelt wie keine zweite Sportart die amerikanische (Un-)Kultur wider. Die Show ist mindestens genauso wichtig wie der Sport. Der in aller Herren Länder live ausgestrahlte Super Bowl ist zudem voll von US-amerikanischem Pathos: Nationalhymne, Kriegsveteranen, Marching Band, Kampfjets, you name it! Die „Halftime-Show“, sponsored by Pepsi, ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast genauso wichtig wie der Kampf um Touchdown und Field Goal. Mit großer Spannung erwarten die amerikanischen TV-Zuschauer auch die Werbeunterbrechungen. Die aufwendig produzierten Spots werden beim Super Bowl uraufgeführt. Kostete die Ausstrahlung eines halbminütigen Werbeclips während des Super Bowl 2004 noch 2 Millionen Euro, so sind es 15 Jahre später satte 4,6 Millionen. Da ist es schon praktisch, dass ein American-Football-Spiel so ziemlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbrochen wird. Demnach Sport als riesige Werbe- und Kommerzveranstaltung.

In Europa würde man sagen, der Sport habe sich dem Kommerz verkauft. Aber genau dasselbe passiert auch bei uns … nur noch viel schlimmer. So hat der Fußball in den letzten 30 Jahren eine nicht für möglich gehaltene Wandlung erlebt. Und das mit einem einzigen Ziel: immer mehr Geld zu generieren. Ablösesummen und Gehälter sind nur noch obszön. Die Geldgeber bestimmen alles, der Fan guckt in die Röhre. Auf erschreckende Weise haben die Football-Leaks-Enthüllungen deutlich gemacht, wie scham- und morallos das Milliardengeschäft rund um den Fußball geworden ist.

Obwohl sich auch im US-Sport so gut wie alles ums Geschäft dreht, ist das System Profisport in Übersee um einiges ausgewogener als das in Europa. Die Amerikaner haben früh begriffen, dass Chancengleichheit eine wesentliche Zutat im Erfolgsrezept des Sports ist. Und während im europäischen Fußball der kapitalistische Wildwuchs herrscht, gibt es im US-Sport dank Salary Cap (Gehaltsobergrenze pro Team) und Draft-System (Zugriffsrecht für Neuverpflichtungen) klare Regeln, die für die Ausgeglichenheit der Ligen sorgen. Resultat am Beispiel NFL: Seit 2000 gab es zwölf verschiedene Meister. Zum Vergleich: In der deutschen Bundesliga waren es im selben Zeitraum fünf, genau wie auch in Spanien, England und Italien. Die Berechenbarkeit der Fußball-Meisterschaften wird in Zukunft noch größer, da (genau wie in der Gesellschaft) alles darangesetzt wird, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Für europäische Fans gibt es demnach keinen Grund, die Nase über das Showgeschäft der US-Profiligen à la NFL zu rümpfen. Denn es ist der Fußball, der dem Diktat des Geldes hoffnungslos erlegen ist und seine Seele verkauft hat. Und im Gegensatz zum American Football noch immer so tut, als gehe es in erster Linie um Werte, die nichts mit Geld zu tun haben.

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