Der vielleicht größte Name der abstrakten Malerei hierzulande zeigt aktuell anhand von 77 Werken sein ganzes Können. Einige seiner Werke hängen bereits in 21 ausländischen Museen und schmücken unter anderem den Brüsseler Kommissionssitz, die New Yorker Carnegie Hall oder die „Bibliothèque nationale de Paris“. Und trotzdem zählt dieser Maler so viele Kritiker wie Bewunderer.

Von Christian Schaack

In seinen Gemälden geht es weiterhin um nicht figurative Landschaften, welche vor allem einen neuen Raum erschaffen. Ihnen fehlt folglich jegliche visuelle Darstellung: Es geht um rein malerische Realitäten. Dabei sorgt sich Brandy besonders um das Erschaffen einer Tiefenwirkung, eine Art Einladung an den Betrachter, in jenen bildlichen Raum einzudringen.

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Die Ausstellung ist noch bis zum 2. Februar 2019 in der Galerie Ceysson & Bénétière (Windhof) zu sehen.

Im Vordergrund steht allerdings besonders die Farbe. Sie verleiht den Werken eine Grundstimmung, sie setzt hervortretende Akzente und wird zum Gefühlsträger. Anhand von Kontrasten oder Ton-in-Ton-Nuancen schichten sich diese wie Raumebenen in- und aufeinander.

Farbfamilien ziehen sich quer durch das Schaffen

Quer durch das Schaffen ziehen sich wie eine Art Dauerbrenner die Farbfamilien Ultramarin, Siena Gebrannt und Smaragdgrün. Je nach Periode erscheinen diese Kolorite mal pastellartig blass, mal intensiv gesättigt, mal pulsierend hell oder erdrückend dunkel. Am Ende strukturieren und erhöhen fast immer schwarze oder weiße Eingriffe den Farbraum. Hier tut sich über die Jahrzehnte hinweg kein wesentliches Farbexperimentieren auf. Hier kommt Bewährtes vor Recherche.

Wie Robert Rauschenberg verwendet der Künstler fortwährend Collage-Elemente, die er anhand von Beschriftungen und Übermalungen gekonnt in den Bildraum einfügt. Überhaupt kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Maler mit Leichtigkeit und Virtuosität ans Werk geht. Verdünnte Lasurschichten, flüssige Farbverläufe, Couleurspritzer und Tünchekleckse finden spielerisch ihre passende Stelle auf der jeweiligen Ebene.

Schicht für Schicht gewinnt das Gemälde an Korpus

Zu Beginn legt der Maler immer durchsichtige, wässerige und tröpfelnde helle Farbflächen an. Nach und nach werden diese mit unterschiedlich deckenden Zonen übertüncht. Schicht für Schicht gewinnt das Gemälde an Korpus, der Raum entsteht, die Stimmungen frischen, das Werk wächst.

Des Weiteren ist Brandy immer einer Gestik-betonten Malerei treu geblieben. Die physische Bewegung ist Teil seiner Person, seines Wesens. Seine Pinselstriche sind raumgreifend, zügig, nervös und in letzter Zeit sogar gradlinig.

Zielsicher verbinden sie eine Art Bildzentrum mit den Rändern des Gemäldes: Die Bewegung strömt aus dem Werk in alle Himmelsrichtungen. Heute sind die gemalten Kernstücke kugelförmig, früher waren es eher rechteckige Streifen- oder x-förmige Kreuzformen. Gekonnt werden mit changierenden Pinselbreiten Duktus, Geschwindigkeit und Rhythmus aller hinterlassenen Spuren variiert. Doch die Bewegungen wirken allesamt rezeptartig kontrolliert. Sie scheinen wiederum eher systematischen Prinzipien zu gehorchen als evolutiven Veränderungen.

In der Komfortzone

So ist es umso bemerkenswerter, dass ab 1994 ein Alter Ego namens Bolitho Blane zum ständig wiederkehrenden Werkbegleiter wurde. Dieser Mann wurde tatsächlich 1896 in Hannover geboren, bevor er während dem Ersten Weltkrieg als Soldat ab 1915 in Esch/Alzette stationiert war. Ab 1920 frönte er sogar dem Whiskey- und Zigarettenschmuggel, bevor Dennis Wheatleys Roman „Murder off Miami“ ihn 1936 zur einer waschechten Romanfigur machte. Zwischendurch fuhr Blane noch am Steuer eines Morgan-3-Wheelers-Autorennen in Nîmes oder am Nürburgring. 1940 gibt es ein letztes Lebenszeichen, als er auf einem Foto neben dem sechsjährigen Brandy posiert.

Kein Wunder, dass der Autonarr Brandy sich gerne in diesem Abenteurer und Draufgänger wiedererkennt! Doch eigentlich benutzt er die Auseinandersetzung mit seinem Ebenbild nicht, um seine Malerei wesentlich infrage zu stellen. Diese Ausstellung zeigt, dass Brandy sich vor allem mit dem begnügt, was er gut beherrscht und wunderbar kann. Er geht nie aus seiner Komfortzone heraus und malt schlussendlich nur Brandy.

Selbstverliebte Malfreude

Dies kann man natürlich auch von vielen anderen Künstlern behaupten. Doch hier verklingen die virtuosen Malspuren besonders wie hohle Übungen. Sie werden nicht getragen von aufgewühlten Gefühlsausbrüchen oder gar von existenziellen Fragen. Zu kontrolliert wird jede Bewegung abgewogen, zu systematisch wird jedes Schaffen dosiert und zu kalkuliert wird jeder Prozess wiederholt. Dies hemmt den Ausdruck. Die Qualitäten verharren oberflächig ohne gravierenden Tiefgang.

Eine selbstverliebte Malfreude, die mit virtuosem Können schöne Schaustücke gebärt, täuscht keineswegs über einen fehlenden Tatendurst hinweg. Ein peitschenloser Impetus zeugt halt auch dann nicht von einem fesselnden und abgrundtiefen Verlangen, indem er sein Sammlerauto ausstellt.

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