50.000 weiße Orchideen schmücken die Kathedrale am Samstagmorgen. Es riecht nach verflogenem Weihrauch, Alt-Damen-Haarspray und kaltem Stein. Alle, die ihren Platz für die Bestattungszeremonie von Großherzog Jean am Montag reserviert hatten, sitzen bereits um 9 Uhr auf ihren Plätzen. Diese waren innerhalb von nur einer Stunde ausverkauft.

Es ist heller in der Kathedrale als bei einem gewöhnlichen Gottesdienst. An der Decke hängen große lampionartige Lichter. Sie sorgen dafür, dass die Kamerabilder für die Live-Übertragung gut ausgeleuchtet sind. In der Mitte des Raumes hängen zwei Fernsehbildschirme – hier werden die Live-Bilder von der Prozession und der Ankunft von royalen und politischen Gästen übertragen. Noch sind sie schwarz.

Um kurz vor 10 Uhr erklingen die ersten durchdringenden Töne der Orgel. Einige Minuten später tut sich auch auf den Bildschirmen etwas. Der Kamerakran auf der rechten Seite der Kathedrale beginnt sich zu bewegen. Auf den Bildschirmen sind die Prozession, die ersten politischen Gäste des Staatsbegräbnisses sowie die tapferen Zuschauer am Straßenrand, ausgestattet mit Regenschirmen und wasserdichten Jacken, zu sehen.

Der Chor beginnt zu singen. Erzbischof Jean-Claude Hollerich schreitet, gefolgt von seinen Messdienern, über den Gang nach hinten und durch die Tür in die rue Notre-Dame. Währenddessen zeigt die Live-Übertragung, wie die internationalen Gäste aus dem Palais abgeholt und zur Kathedrale gefahren werden.

Als der frühere Präsident Nicolas Sarkozy als Vertreter Frankreichs und später Prinzessin Anne von England, die Tochter der Queen, gezeigt werden, geht Gemurmel durch die Kathedrale. Die royalen Gäste betreten das Gotteshaus, aus der Mitte des Raumes ist dies kaum zu sehen.

Nur wenige Minuten nach 11 Uhr ertönen die Glocken. Die Bildschirme zeigen, wie der Sarg von Großherzog Jean von einem sogenannten „High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle“, kurz Humvee, der Luxemburger Armee aus dem Palais gezogen wird. Er liegt auf einer speziellen Vorrichtung: einem Katafalk, der auf einer Kanone installiert ist.

Knapp fünf Minuten später öffnet sich die hintere Tür des Gotteshauses. Die Fanfare, die zuvor nur lautlos auf dem Bildschirm zu sehen war, ist entfernt zu hören. Immer wieder läuten die Glocken im Rhythmus. Die Musik kommt näher, die marschierenden Schritte der Soldaten sind zu vernehmen.

Dann ist es so weit: Der Erzbischof und seine Messdiener betreten den Raum wieder. Hinter ihnen zwölf Männer, die den Sarg des ehemaligen Staatsoberhauptes auf den Schultern tragen. Sollte dieser schwer sein, so ist es ihnen nicht anzusehen. Allesamt blicken sie stoisch geradeaus. Einer scheint etwas zu murmeln, vielleicht das Lied, das der Chor gerade singt.

Hinter dem Sarg erscheinen Großherzog Henri und Großherzogin Maria Teresa. Henri, der seinen Vater an diesem Tag verabschiedet, blickt ernst. Sein Schritt scheint etwas zittrig, seine Stirn ist in Falten gelegt. Seine Frau hält seine Hand. Hinter ihnen Erbgroßherzog Guillaume, Erbgroßherzogin Stéphanie und die weiteren Angehörigen der großherzoglichen Familie.

„Es ist bewegend, dass Großherzog Jean nun zum letzten Mal in diese Kathedrale gekommen ist.“ Mit diesen Worten eröffnet Erzbischof Jean-Claude Hollerich den Gottesdienst. Immer wieder zeigen die Kameras den Sohn des Verstorbenen. Der Kamerakran schwebt über den Köpfen der Menge. Großherzog Henri sieht konzentriert aus, etwas rot im Gesicht, als halte er etwas zurück. Seine Frau schaut ihn immer wieder besorgt an, hält weiter seine Hand.

In seiner Messe erinnert der Erzbischof an das Leben des Verstorbenen. An seine Zeit bei den Irish Guards, seine Diskretion und seine Liebe für sein Land. „Heute gibt Luxemburg diese Liebe zurück“, sagt Hollerich.

Plötzlich erklingen Dudelsäcke. Zwei Männer in Uniform der Irish Guards spielen den traditionellen schottischen Song „The Flowers in the Forest“. Eine gelungene Überraschung. Bei dem Lied „Nu looss et an dir stëll ginn“ ist auf den Bildschirmen zu sehen, wie Großherzog Henri einige Male schluckt.

Nachdem „Ons Heemecht“ von all jenen gesungen wurde, die die luxemburgische Sprache beherrschen, wird der Sarg wieder von den zwölf Männern hinausgetragen. Begleitet von den Klängen der Dudelsackspieler in Kombination mit jenen des Orchesters. Die großherzogliche Familie folgt dem Sarg in die Krypta, wo „Monseigneur Jean“ im engen Kreis der Familie seine letzte Ruhe finden wird.

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