Fast ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kroatienkriegs macht dem EU-Neuling ein widersprüchliches Phänomen zu schaffen: Kroatiens Bevölkerung schrumpft stetig, doch die Zahl der Kriegsveteranen steigt noch immer an.

Von unserem Korrespondenten Thomas Roser

Je länger ein Krieg zurückliegt, desto mehr zählt er auch auf dem Balkan vermeintliche Helden. Es ist die wundersame Vermehrung der Zahl der Kriegsveteranen, die 24 Jahre nach Ende des Kroatienkriegs (1991-1995) im Adriastaat für anhaltenden Wirbel sorgt. Die verstärkte Emigration und rückläufige Geburtenraten haben die Bevölkerung seit Kriegsende zwar von rund 4,5 Millionen auf knapp unter vier Millionen Menschen schrumpfen lassen.

Doch gleichzeitig ist die Zahl der Kriegsveteranen von 336.000 (1996) auf mittlerweile 507.508 geklettert. Tendenz: steigend. Selbst wenn man nur die 438.793 noch lebenden Kriegsveteranen berücksichtigen würde, überschreite deren Anteil an der Bevölkerung mittlerweile über zehn Prozent, rechnet das Webportal index.hr vor: „Kroatien hat jeden Tag immer mehr Veteranen – und immer weniger Einwohner.“

Zum Ende des Kroatienkriegs 1995 hatte die heimische Armee auf dem Höhepunkt ihrer Stärke 205.397 Soldaten unter Waffen. 1996 sprach Zagreb von rund 336.000 Veteranen. Doch deren exakte Zahl galt von Anfang an als umstritten. Manche argwöhnten, dass Staatsgründer Franjo Tudjman mit erhöhten Veteranenzahlen demonstrieren wollte, wie wehrhaft sich die Bevölkerung den serbischen Besatzern entgegenstellte.

„Niederschmetternd“

Andere glaubten, dass Zagreb mit zu niedrig angesetzten Veteranenzahlen die Heldenhaftigkeit des Kampfes gegen einen übermächtigen Feind unterstreichen wollte. Obwohl 2004 mit der Zusammenlegung der Veteranenregister der Polizei und Armee Doppelerfassungen eliminiert wurden, ist die offizielle Zahl der Kriegsteilnehmer in den letzten 23 Jahren kontinuierlich um mittlerweile über 147.000 Neu-Veteranen gestiegen: Es sind nicht nur gesetzlich zugesicherte Rentenansprüche und Privilegien, sondern auch die bevorzugte Anstellung bei öffentlichen Arbeitgebern, die viele Kroaten sich eher spät an ihr Mitwirken im „Vaterländischen Krieg“ erinnern lässt.

Wer seien denn diejenigen, die sich fast 30 Jahre nach Kriegsausbruch plötzlich ihrer Kriegsteilnahme erinnerten, fragt sich erbost der frühere sozialdemokratische Veteranenminister Fred Matic: „Dies ist einfach niederschmetternd.“ Während Kroatiens Gewerkschaften gegen die geplante Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre Sturm laufen, mehrt sich die Zahl der Frührentner unaufhörlich: Über ein Drittel von ihnen sind Kriegsveteranen.

Für die weiter kräftig kletternden Veteranenzahlen macht Matic auch das 2017 verabschiedete Veteranengesetz der konservativen Regierung von Premier Andrej Plenkovic verantwortlich, die auch kroatischstämmigen Ex-Angehörigen der HVO-Truppen im Bosnienkrieg (1992-95) Veteranen- und Rentenansprüche in Kroatien einräume. Die rund 40 Chefs der einflussreichen Veteranenverbände würden „den ganzen Staat malträtieren“: „Einer müsste ihnen sagen, wie groß der Kuchen ist – und dass dieser für alle in der Zukunft immer kleiner wird.“

1 Kommentar

  1. Das ist aber ein normales Phänomen, nach Kriegsende.

    Ab 1945 gab es ja fast keine Deutschen mehr welche Nazis waren von 33 bis 1945. Bis heute weiss keiner wer auf den Filmen die Millionen waren die dem Gröfaz zujubelten.

    Ab 1945 mehrten sich auch auf wundersame Weise die Mitglieder des Widerstands gegen Hitler, nicht nur in Deutschland.

    Wie sagten Les Inconnus in einem Sketch : Il était dans la résistance, dès 1946.

    Kriegsgewinnler, Lügner, Feiglinge und Opportunisten gab es noch in jedem Krieg, nebst wahren Helden.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here