Am 21. November meldete Ascometal aus dem lothringischen Hagondange seine Zahlungsunfähigkeit. Seitdem steht das Unternehmen zum Verkauf. Es gibt vier Interessenten, davon zwei, die infrage kommen: einerseits die britisch-indische Gruppe Liberty House, andererseits das Schweizer Unternehmen Schmolz + Bickenbach. Keines von beiden will alle Mitarbeiter übernehmen. Die Schweizer sind auch am Produktionsstandort in Fos-sur-Mer am Mittelmeer nicht interessiert.

Liberty House beschäftigt 10.000 Menschen weltweit und ist bereit, von den 1.500 Ascometal-Mitarbeitern 1.150 zu übernehmen. Das dem indischen Industriellen Sanjeev Gupta gehörende Unternehmen wäre bereit, die lothringischen Standorte Hagondange, Custine, aber auch in Saint-Etienne und in Fos-sur-Mer zu übernehmen. Die britisch-indische Gruppe würde weitere 100 Millionen Euro in Ascometal investieren wollen.

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Nur 900 Mitarbeiter

Schmolz + Bickenbach ist hingegen weder am Mittelmeer-Standort noch an jenem im Norden Frankreichs – an dem zu 40 Prozent das Unternehmen Vallourec beteiligt ist – interessiert. Die Schweizer wollen Angaben zufolge 900 Mitarbeiter übernehmen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 8.900 Mitarbeiter, davon 1.550 in Frankreich. Der Umsatz liegt umgerechnet bei 2,3 Milliarden Euro. Im Schweizer Projekt würde der Standort Hagondange weitgehend aufgegeben. Allerdings sollen insgesamt 135 Millionen Euro in Ascometal investiert werden.

Die Insolvenz kommt nur drei Jahre nach dem letzten Zusammenbruch des Unternehmens. Seitdem sind 500 Arbeitsplätze abgebaut worden, Ascometal hat sich zu einem delikaten politischen Projekt entwickelt. Wirtschaftlich gesehen sind die Lothringer Opfer der mangelnden Nachfrage nach Erdöl. Sie wiederum hat den Spezialstahlsektor voll getroffen, weil Investitionen in die fossile Energie dramatisch zurückgegangen sind. Ascometal ist aber auch Opfer einer seit 30 Jahren amateurhaft anmutenden Unternehmensführung.

Verstaatlichung half nicht

Die Insolvenz von Ascometal ist zugleich ein Konkurs für die staatliche französische Industriepolitik im Stahlbereich. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde die französische Stahlindustrie nach und nach verstaatlicht. Das war die Antwort auf eine Kohle- und Stahlkrise, die sich seit den 1970er-Jahren überall in Europa dramatisch verschärfte. Frankreich versuchte durch die Nationalisierung zunächst in den Gruppen Usinor und Sacilor, dann durch die Verschmelzung der Gruppen zu Usinor Sacilor der Krise Herr zu werden. Die Verstaatlichung half nicht. Es kam zu dramatischen Schließungen mit heftigen, brutalen Auseinandersetzungen. Die luxemburgische Nachbarstadt Longwy in Lothringen hat sich bis heute nicht von der Schließung des Stahlwerks erholt.

Für die lothringische Stahlindustrie boten sich am Ende nur zwei Lösungen an: der Verkauf von Einzelteilen und die Fusion mit der luxemburgischen Arbed und der spanischen Aceralia zur neuen führenden Gruppe in Europa Arcelor. Ein Manager wurde dabei Bindeglied. Guy Dollé war einst Chef des Staatskonzerns Usinor gewesen, wurde dann Generaldirektor bei Arcelor. Nach der Verschmelzung zu ArcelorMittal verließ Dollé den neuen Konzern und wurde später Vorsitzender des Verwaltungsrates von Ascometal.

Dieses Unternehmen wiederum, das 1980er-Jahren gegründet wurde und Spezialstahl-Hersteller unter anderem für die Erdölindustrie ist, war einst Bestandteil von Usinor. Es hat eine wechselvolle Geschichte. Ascometal wurde 1999 an den italienischen Stahlkonzern Lucchini verkauft. Dieser plünderte es aus und verlagerte Produktionen nach Italien. Im Jahre 2011 übernahm der Finanzinvestor Apollo das Unternehmen und belastete es mit einer Schuld von 300 Millionen zu einem Zinssatz von 16 Prozent. Die Folge: Das Unternehmen geriet 2014 in die Insolvenz.

Nur industrielle Bewerber

Das aber ist für die französische Regierung das Schlimmste, was passieren konnte. Lothringen steht noch unter dem Schock von Florange. Dort war es zu zahlreichen staatlichen Versprechungen gekommen, war der Kandidat François Hollande auf das Dach eines Kleinlastwagens geklettert und hatte versprochen, dass mit ihm die Stahlindustrie nicht weiter schrumpfen würde. Gleichzeitig wurde die Verstaatlichung angedroht. Am Ende wurden die Hochöfen dennoch ausgeblasen. Der brasilianische Konzern Gerdau, auf dem südamerikanischen Kontinent scharfer Konkurrent von ArcelorMittal, wollte vor drei Jahren Ascometal übernehmen. Der damalige Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg aber wollte nach dem Fiasko von Florange nur wenig von ausländischen Investoren wissen. Er hatte den Hauptaktionär von ArcelorMittal, Lakshmi Mittal, zur unerwünschten Person in Frankreich erklärt. Seine Devise war die der patriotischen Wirtschaft.

Vor dem Handelsgericht in Thionville kam es daher zu harten Auseinandersetzungen, bei denen am Ende die “patriotische Wirtschaft” obsiegte. Der ehemalige Bürochef eines Ministers Frank Supplisson stellte eine Investorengemeinschaft zusammen aus den Fonds DK und Warwick, beide angelsächsisch, stellte das Konglomerat als Französisch dar und siegte gegen Gerdau. Die Investoren übernahmen alle Standorte und alle 1.900 Mitarbeiter. Der Nachteil: Sie verstanden nichts von Stahl. Innerhalb von zwei Jahren wurden 500 Arbeitsplätze abgebaut. Nach drei Jahren überlebte Ascometal die Krise im Erdölbereich nicht. Am 21. November 2017 kam die Insolvenz. Ascometal ist wieder dort angelangt, wo es 2014 schon einmal war. Der Vorteil jetzt: Es gibt nur industrielle Bewerber.

Die “patriotische Wirtschaft” von Arnaud Montebourg hat 500 Arbeitsplätze gekostet und wird weitere kosten. Die Regierung unter Staatspräsident Emmanuel Macron mit Wirtschaftsminister Bruno le Maire stellt sich die Frage der Intervention wie bei Arnaud Montebourg nicht. Bitter aber ist, dass sie, die ebenfalls jeden Arbeitsplatz erhalten will, genau wegen der Arbeitsplatz-Politik der Vorgängerregierung nun deren Verlust hinnehmen müssen wird.

1 Kommentar

  1. Ein Beispiel dass der Staat oft nicht in der Lage ist ein industrielles Unternehmen zu führen, insbesondere in Krisenzeiten…die Stahlindustrie in Lothringen ist das beste Beispiel für eine “industrie crépusculaire” und der Staat ist auch da machtlos. EX-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hat nur seine Unfähigkeit bewiesen..zu begreifen dass die lothringische genau wi die luxemburgische Stahlindustrie leider “passé” sind….

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