Heute Abend ist es endlich wieder so weit: Das „Like a Jazz Machine“-Festival geht in die achte Runde. Bis Sonntag werden zahlreiche Jazztalente sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland im großen Saal von „opder- schmelz“ in Düdelingen auftreten. Mit dabei: die junge Sängerin Marly Marques. Das Tageblatt hat sich mit ihr und ihren Bandkollegen unterhalten.

Von Anne Schaaf und Cynthia Schmit

„Die Band weiß immer, wo sie mit Marly dran ist. Sie versteht es meist, Dinge innerhalb des Quintetts auf eine subtile und elegante Art zu bewegen und zu verändern.“ So beschreibt der Bassist Laurent Peckels seine singende Kollegin. Marques’ ganz eigene Eleganz ist tatsächlich augenscheinlich. Wenn die junge luxemburgische Sängerin mit portugiesischen Wurzeln einen Raum oder eben die Bühne betritt, wirkt dies in keinster Weise aufdringlich oder gar egozentrisch. Sie fordert nicht aggressiv Aufmerksamkeit ein, sondern zieht diese mithilfe ihrer Sanftmut von ganz allein auf sich, sobald ihre Stimme erklingt.

Der erfahrene Musiker Jitz Jeitz spielt auf dem neuen Album „Sea Change“, das am Freitag auf dem Düdelinger Jazz-Festival präsentiert wird, Tenor- sowie Bariton-Saxofon und hat auch zwei verschiedene Klarinettentypen zur Hand. Er kann sich noch sehr gut an den Moment erinnern, in dem Paul Fox (Drums), der die Band zusammengebracht hat, ihm gesagt hat, er habe eine Sängerin gefragt, ob sie mitmachen wolle. Jeitz gibt zu, nicht mit der Erwartung zur Probe aufgekreuzt zu sein, überzeugt zu werden. Vielmehr witterte er Probleme. „Als Marly dann zu singen begann, blieb mir der Mund offen stehen. Ich verpasste sogar meinen Einsatz.“

Die Wirkung, die Marly Marques auf ihre Zuhörerschaft zu haben scheint, bleibt auch bei ihr selbst nicht aus: „Für mich ist das Wichtigste in der Musik das Gefühl. Also das, was man spürt, wenn man sie hört. Musik, die ich wirklich mag, höre ich am liebsten ganz allein im Dunkeln. Dann fokussiere ich mich nur darauf, lasse sie an mich heran – und je nach Song kann es sein, dass ich sehr starke Emotionen verspüre.“ Die Sängerin spricht von einer „Freude an der Traurigkeit“, die sie stets begleitet habe und auch ihre Musik präge. Sie sei ein sehr lebensbejahender Mensch, aber vielleicht könne man ebendiese Glücklichkeit erst verspüren, wenn man auch nachdenkliche, traurige Momente zulasse.

Musikalisches Teamwork

Tritt sie danach wieder ins (Rampen-)Licht, so tut sie dies nicht allein. Sie teilt sich die Bühne gerne mit ihren vier Bandkollegen. Dem Tageblatt gegenüber verrät sie, sie habe eigentlich nicht gewollt, dass der Bandname „Marly Marques Quintet“ lautet. Sie beabsichtige nicht, im Mittelpunkt zu stehen; jeder Einzelne trage etwas zum gemeinsamen Sound bei und es funktioniere deswegen so gut, weil jeder den Freiraum des anderen respektiere und berücksichtige.

Zwar hat die Band, die seit 2011 besteht, bereits mehrmals gemeinsam Studioaufnahmen gemacht und Alben aufgenommen, aber 2019 konnten die Musiker zum ersten Mal im Rahmen einer Residenz an Stücken arbeiten, die später von Charel Stoltz aufgenommen wurden. Diese fand vier Tage lang im Düdelinger Kulturzentrum „opderschmelz“ statt. Dort habe man den Luxus genossen, sich ausschließlich auf die Musik konzentrieren zu können. In den dafür zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten wurde also auf Hochtouren konzeptuell aufgebaut, abgerissen, neu konstruiert und experimentiert. „Es war ein wenig wie ein Ferienlager, in dem man eben arbeiten muss“, erklärt Marques mit einem Lächeln.

Gastmusiker als essenzielle Zutat

Der einzige Unterschied zu gewöhnlichen Residenzen, bei denen ein Künstler allein oder mit seinem Kollektiv arbeiten kann, war, dass Marly Marques dieses Mal neben ihren Bandkollegen noch weitere Gäste einladen durfte. Mit dabei waren Claire Parsons (Vocals), Eric Dürrer (Perkussion), Barbara Witzel (Violine) und Riaz Khabirpour (Gitarre). Die Sängerin sieht diese Verstärkung keineswegs nur als eine Art „Gewürz“, sondern vielmehr als essenzielle Zutat. Ihr Duett mit Parsons, das nun auf dem Album unter dem Titel „Sea Change“ zu finden ist, nahm zum Beispiel durch die Zusammenarbeit eine ganz andere Richtung an, als ursprünglich geplant war. „Wären die anderen nicht dabei gewesen, dann wäre etwas komplett anderes dabei herausgekommen. Sie stellen eine wirkliche Bereicherung dar.“

Der Drummer und Bandgründer Paul Fox ist tief beeindruckt von Marly Marques’ „natürlichem Talent“, das beispielsweise im Gegensatz zu seinem akademischen musikalischen Background stehe. Er und auch andere Bandmitglieder hätten sich zwar jahrelang in Theorie und stetigen Übungen vergraben, nichtsdestotrotz müssten sie bei Aufnahmen häufig mehrmals ansetzen, bis die richtige Version im Kasten sei. Marques, meint Fox, sei hingegen eine Art „first take wonder“. Seiner Auffassung nach schlägt die Sängerin eine Brücke zwischen dem Publikum und ihnen, den „Musik-Nerds“, die sich auch schon mal im Eklektizismus des eigenen Sounds verlieren können: „Sie bringt uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen. Das schadet definitiv nicht.“

Keine Sprachbarrieren

Wer das Album „Sea Change“ nun hört, wird eventuell den Eindruck bekommen, außer Claire Parsons und Marques würden noch andere Frauen singen. Dies ist wohl dem Umstand geschuldet, dass Marly Marques auf Englisch, Spanisch sowie Portugiesisch singt und jedes Mal ein Stück weit anders klingt.

Sie fühle sich am wohlsten, wenn sie in ihrer Muttersprache singe, schwärmt Marques. Leider würden viele Menschen in Luxemburg den Klang der portugiesischen Sprache tendenziell nicht als schön bezeichnen – sie hingegen sei und bleibe fasziniert davon. Marly Marques vergleicht die Sprache mit dem Meer, also mit einem Ort, der ihr persönlich sehr am Herzen liegt. „Aber kein ruhiges“, betont die Sängerin. Ebenso wie das Meer habe die portugiesische Sprache etwas Aufbrausendes, aber auch sanfte Seiten und ihre leisen Momente. Vor allem stehe das Meer nie vollends still.

Marly Marques hat schon häufiger darüber nachgedacht, auf Luxemburgisch zu singen. Sie bedauert es sehr, dass sie es nicht schon für das neue Album geschafft hat, einen passenden Song zu finden. Man habe sie schon oft gefragt, ob sie nicht auf Luxemburgisch singe, weil sie den Klang eventuell nicht schön finde. Die leidenschaftliche Sängerin und stolze Öslingerin kann solche Fragen jedoch nicht nachvollziehen: „Jede Sprache kann schön klingen, wenn sie schön gesungen ist. Und jede Sprache ist auf ihre eigene Art anders schön.“ Im Übrigen agiert gewissermaßen doch eine weitere Dame im Hintergrund, nämlich Katy Fox, deren Reflexionen Marques sehr schätzt. Fox gelingt es, auf Englisch die passenden Worte zu finden, die Marques dann für sie übermittelt.

Lehrerkollegen auf Tour

Für den Pianisten Claude Schaus ist Marques nicht nur eine Band-, sondern auch eine Arbeitskollegin. Marques und Schaus unterrichten beide mitunter Sprachen in einem Lyzeum im Norden des Landes. „Ich bin froh, beide Seiten von ihr zu kennen – und mich beeindrucken ihre Kompetenzen, in jeder der zwei ‘Welten’“, erzählt Schaus. „Witzig ist nur, dass wir beide weniger aufgeregt sind, wenn wir vor den Schülern stehen, als wenn ein Auftritt bevorsteht.“

So wie die Sängerin Sprachbarrieren durchbricht, lässt sie sich auch nicht innerhalb etwaiger Genregrenzen einsperren. „Wir sind nicht nur eine Version von uns selbst“, stellt sie fest. Demnach fühlt sie sich beispielsweise ebenso zu Hause im Bereich World Music wie auch im Jazz, Fado und Pop. Allerdings versteht sie auch, dass Kategorisierungen eine Stütze für Menschen darstellen können. „Im Restaurant bestellt man ja auch ein bestimmtes Gericht, weil es die Zutaten enthält, die man mag.“ Daher sei es sinnvoll, wenn die Angaben auf der Menükarte auch zutreffen. Wenn man auf ein Jazz-Festival ginge, weil das Genre einem zusagt, sei das, was einen dort erwarte, ohnehin nicht nur reiner Jazz – und das sei auch gut so.

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