Zurzeit findet auf Belval eine Tagung von Geografen, das Jahrestreffen der „IGU Urban Geography Commission“, statt. Im Rahmen dieses Events publizierte das Tageblatt in den vergangenen Tagen mehrere Beiträge von Wissenschaftlern ebendieser Fakultät, die einen interessanten Blick auf die Hauptprobleme des Landes warfen.

Zum einen wurden die Verkehrsprobleme ausführlich behandelt; die Experten sehen nur wenige Chancen auf Verbesserung, dies vor allem wegen der weiter zunehmenden Zahl der Pendler, der Grenzgänger aus Frankreich, Belgien und Deutschland, die sich inzwischen zu insgesamt 200.000 täglich ins Land quälen. Sie werden jährlich 6.000 bis 8.000 mehr, sollte der aktuelle Rhythmus des Wirtschaftswachstums sich fortsetzen.

Auch das zweite große Problem des Großherzogtums erkannten die Geografen auf Anhieb: die Wohnungskrise. Michel Rafferty vom Institut für Geografie und Raumplanung der Universität Luxemburg analysierte in seinem Beitrag „Wohnen in Luxemburg und darüber hinaus – eine echte Krise“ die aktuelle Lage und bringt das Thema der Grenzgänger ebenfalls mit ein. Die hohe Zahl der Pendler habe auch damit zu tun, dass die vielen Bezieher niedriger Löhne (monatlich hat Luxemburg in den letzten drei Jahren etwa 500 Mindestlohnarbeiter hinzugewonnen) sich die hohen Lebenshaltungskosten innerhalb des Landes nicht leisten können. Die Mieten machen den Löwenanteil dieser Kosten aus.

Rafferty stellt fest, dass Wohnungen in Luxemburg die soziale und wirtschaftliche Funktion, die sie eigentlich haben sollten, nämlich Lebensraum für die Menschen zu sein, nicht mehr erfüllen, sondern als „Anlagegut geplant, gebaut und gehandelt“ werden. So etwas darf als Spekulation bezeichnet werden, eine Form des Strebens nach hohen Gewinnen durch Kapitaleinsatz, gegen die inzwischen auch die Gewerkschaft OGBL offensiv versucht vorzugehen.

Die aktuellen Maßnahmen, mit denen die Politik probiert, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entspannen, bezeichnet der Autor der Analyse als „weiteres Bauen von privaten Wohnanlagen mit immer zweifelhafter werdenden Definitionen von bezahlbar“.

Rafferty regt hingegen an, der Staat solle Unternehmen dazu veranlassen, Wohnraum in der Nähe der Arbeitsplätze für die Angestellten zu schaffen, dies allein schon zum Eigennutz, so wie die Schmelzherren es zu Beginn des letzten Jahrhunderts taten. Weiter sieht er eine Lösung in der Schaffung einer Wohnungsbaugesellschaft, finanziert durch Steuern, die einen mehrstufigen Maßnahmenkatalog ausarbeiten solle. Sozialer Wohnungsbau, Enteignung leer stehender Häuser und Wohnungen sowie Transfers an Grenzkommunen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, nennt der Experte als Möglichkeiten.

Demnach hängen Verkehrsprobleme und Wohnungsnot eng zusammen. Nur wenn Wohnungen wieder erschwinglich werden und ihren ursprünglichen Zweck erfüllen, können die Wege ins Land entlastet werden.

Drastischere Maßnahmen als die bislang ergriffenen scheinen denn tatsächlich der wohl einzige Weg zur Entschärfung der anhaltenden Krisen.

15 Kommentare

  1. Es gäbe da noch eine Möglichkeit den Wohnungsbau zu forcieren, den Bauzwang. Viele Baugrundstücke liegen brach, weil sie nur als sichere Anlage dienen. Mit einer Grundsteuer die sich am Potential eines Baulandes orientiert, lies sich das ändern. Wenn Baugrundstücke so besteuert werden würden, als würde dort eine Residence mit fünf Wohnungen stehen, dann würden die Eigentümer dort auch eine Residence mit fünf Wohnungen bauen, oder aber verkaufen. Leider lässt sich eine solche Politik im Land nicht durchsetzen, da sie sich gegen das eigene Klientel richtet. Wohnungssuchende sind hier nur in den seltensten fällen auch Wähler.

    • Gott sei Dank, lässt sich die, von Ihnen vorgeschlagene, Bebauungspolitik nicht durchführen. Es wird eh schon viel zu viel überall zugebaut und allenortes entstehen in jedem Schlupfwinkel Residenzen. Die Bauperimeter auf dem Lande werden auf Kosten der Natur und Umwelt rücksichtslos erweitet , so dass die Dörfer aus allen Nähten platzen. Das führt dann dazu, dass jedes Jahr tausende Autos mehr unsere Strassen belasten, deren Kapazitäten für den zunehmenden Verkehr nicht ausreichen. Und dann wundert man sich über die nicht enden wollenden Staus oder den zähfliessenden Verkehr an den Spitzenstunden. Mangels Garagen und Unterstände sind innerhalb der Ortschaften die Verkehrswege durch parkende Autos z.T so eingeengt, dass es schon wieder gefährlich wird, wenn 2 Wagen sich kreuzen müssen. Bauzwang ist keine Lösung. Unser Streben nach immer mehr Wachstum und Wohlstand riskiert uns zum Verhängnis zu werden.

      • 1. Beträfe die Grundsteuer nur die Grundstücke, die schon Bauland sind aber aus Gründen der Spekulation brach liegen. Ein Bauzwang innerhalb von 2 Jahren sollte dagegen an alle zukünftigen Baugrundstücke gestellt werden.
        2. Benötigt die luxemburgische Wirtschaft jedes Jahr um die 7.000 zusätzliche Arbeitskräfte. Da aber nicht ausreichend Wohnraum zur Verfügung gestellt wird, werden diese wohl oder übel Grenzgänger.
        3. Verlagert Luxemburg das Wohnungsproblem somit ins Umland.
        4. Zahlen die Grenzgänger alle Abgaben in Luxemburg, nutzen aber die Infrastruktur der Gemeinde in der sie Wohnen, ohne das Luxemburg bereit wäre sich an den Kosten zu beteiligen.

        • Kann Sie durchaus verstehen und Ihren Argumenten folgen. Aber einmal muss Schluss sein mit diesem Wachstumswahnsinn. Wir sehen ja, wo der hinführt. Die Bäume wachsen nun einmal nicht in den Himmel und die Rechnung bekommen wir jetzt schon präsentiert.

    • Ich gehöre zu den Menschen die sich hier in Luxemburg keine Wohnung mehr leisten können und werden wohl noch dieses Jahr ins Ausland ziehen müssen. Ich bin trotzdem kategorisch gegen ihren Lösungsansatz. Privater Landbesitz darf nicht durch Steuern bestraft werden!

      • Irrtum! Unterstellt, dass eine Gemeinde Baugrundstücke entwickelt, damit sich dort Familien ansiedeln, dann ist ungenutztes Bauland ein Vergehen was unbedingt sanktioniert werden muss, da es schlicht asozial ist. Luxemburgs Wirtschaft ruht auf einem Heer von Arbeitnehmern, das es sich nicht leisten kann dort zu leben wo die Wertschöpfung stattfindet. Gleichzeitig lässt Luxemburg das Umland allein mit den Problemen eine grenzübergreifende Infrastruktur für die Grenzgänger aufzubauen. Es braucht dort Schulen, Kita’s, Nahverkehr ect. Wer soll das zahlen, wenn die ganzen Abgaben der Grenzgänger nach Luxemburg fliesen.

        • Falsch. Das Heer von Arbeitnehmern kommt nach Luxbg weil im “Umland” keine Arbeit ist und weil die Löhne in Luxbg viel höher sind. Also doppelt
          gemoppelt. Weil dieses Heer die Wirtschaft befeuert und das Wachstum in unvertretbare Höhen schiessen lässt kann jetzt nicht Luxbg verantwortlich gemacht und sanktionniert werden für die “Umland” Probleme. Asozial sind die Regierungen im “Umland” weil sie seit Jahrzehnten nichts für das Wohl ihrer Bürger, sprich das Heer von Arbeitnehmern, getan haben. Gruss lieber Peter.

          • @ Hyde Luxemburg zieht schon lange Arbeitnehmer aus allen teilen Europas an. In unserem “Dorf” leben mittlerweile mehr Zugezogene als Einheimische. Grundsätzlich ist diese Entwicklung auch zu begrüßen, aber Luxemburg sollte nicht so tun als hätte es damit nichts zu tun. Wenn Luxemburg alle Steuergelder für sich beansprucht und das Umland als billiges Ausweichquartier missbraucht, dann darf es sich nicht wundern wenn die Stimmung bei den Nachbarn kippt. Nur gemeinsam hat die Region eine Zukunft.

  2. Die vorgeschlagenen Lösungen greifen zu kurz. Das disproportionnierte Wirtschaftswachstum Luxemburgs als Basis zu nehmen und versuchen dem ständig wachsendem Pendlerstrom in Luxemburg ein Dach über dem Kopf zu bieten um die Verkehrssituation auf Autobahnen und Nationalstrassen zu entschärfen?
    Entsteht so Lebensqualität?
    Luxemburg wird zu einem Stadtstaat in dem nur noch besser betuchte sich ein Fleck im Grünen leisten können. Normalbürger wohnen in Dienstwohnungen oder, wenns etwas mehr sein soll, im nahen Grenzgebiet wo man dank Transferzahlungen aus Luxemburg den Menschen ein Mindestmass an Infrastruktur bieten kann. Wann stellt die hiesige Politik den Einheimischen die Gretchenfrage: “Wie haltet ihr es eigentlich mit dem aktuellen Wirtschaftswachstum?”.

  3. Da wäre die Fläche des kleinen Landes die ja nicht ad absurdum bebaut werden kann. Das kleinste Dorf ist mittlerweile zur Kleinstadt mutiert. Wir haben uns für die freie Marktwirtschaft entschieden und da gehört Spekulation auch dazu.Das krasseste Beispiel sind wohl die Hedge-Fonds und die Börsenspekulanten. Besteuerung und Enteignung sind eine Art marxistische Inquisition die wir natürlich auch nicht wollen. Wer sein Leben lang gearbeitet hat,soll auch die Früchte ernten dürfen und nicht für einen “Einwanderer” der hier sein Glück versuchen möchte bluten müssen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis,das ist in allen Bereichen so. Und man stelle sich mal vor,das Arbeitswunderland Luxemburg bricht über Nacht zusammen. Wir alle wissen was eine Geisterstadt ist.

  4. Grundsätzlich gibt es immer eine Lösung für jedes Problem, auch in Luxemburg; aber es muss auch angenommen werden, also Konsens erlangen:
    Verkehrsproblem, es kann nur gelöst werden, wenn Massentransport Mittel eingesetzt werden und gleichzeitig der Individualverkehr eingeschränkt wird: ist also machbar, wenn alle Voraussetzungen gegeben sind.
    Wohnungskrise, ja schon schwerer aber lösbar; wir haben genügend Landfläche, man müsste aber auch in die Höhe bauen lassen, auch vielleicht nicht direkt Wolkenkratzer, aber doch 2-3 Stockwerk-Häuser, allerdings muss die PAG Maffia die in allen Gemeinden des Landes scheinbar vorhanden ist einmal besiegt werden: Wohnraumbeschaffung auf nationaler Ebene durch die Regierung Entmachtung der Gemeinden, wegen Unfähigkeit vernünftigen und bezahlbarer Wohnraum zu schaffen….. geht so in Deutschland!

  5. Im Arbeitswunderland Luxemburg wachsen die Bäume nicht in den Himmel und ein wirtschaftlicher Zusammenbruch ist nie auszuschliessen und dann ähnelt das Grossherzogtum einer Geisterstadt. Das sind jetzt Unkenrufe von einem realistischen Pessimisten, in der Hoffnung, dass diese Schreckensvision in ferner Zukunft liegt oder nie eintreten wird.

  6. Soziales Bodenrecht nach Andreas Popp wäre auch eine Lösung. Ebenso das Regulieren von “habitations légères”, (Tiny Houses, Bauwagen, Yourten, etc.) die Belgier haben es vor gemacht. Oder auch die Möglichkeit unter strengen Auflagen in der Grünzone zu bauen für Menschen die mit der Natur leben möchten, wie z.B. in Wales (GB).

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