In den letzten Jahren hat sich nicht nur das künstlerische Niveau der Opernaufführungen im hauptstädtischen Theater gewaltig gesteigert, auch das Orchestre Philharmonique du Luxembourg hat sich zu einem exzellenten Opernorchester entwickelt.

Von Alain Steffen

Wenn dann noch ein Dirigent wie Gustavo Gimeno im Orchestergraben steht, dann kann man sich auf eine musikalisch exzellente Interpretation freuen. Und Verdis eher selten aufgeführte Mord- und Totschlagoper Macbeth, die hier als Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein aufgeführt wurde, fand denn auch in Gimeno einen hervorragenden und werkkundigen Dirigenten, der mehr als einmal an große Macbeth-Interpreten wie Claudio Abbado und Riccardo Muti erinnert.

Das Orchester, der Chor und die Solisten, sie alle folgten Gimeno punktgenau. Dessen mal klare und akzentreiche, mal weiche und beschwörende Zeichengebung ließ das gesamte Ensemble zu Hochform auflaufen. Und sängerisch bekam man allerbestes Niveau geboten. Die vier Hauptpartien waren exzellent besetzt. Einen sehr starken Eindruck hinterließ der Tenor Najmiddin Mavlyanow, dessen höhensichere und virile Stimme ideal für die kleinere Rolle des Macduff war. Grandios auch Tareq Nazmi als stimmgewaltiger und darstellerisch überragender Banco.

Macbeth auf der Skaterpiste

Lady Macbeth wurde von Katia Pellegrino gesungen, deren Stimme fast zu schön für diese dämonische Figur war. Auch sie bot eine überragende Gesangsleistung und faszinierte durch eine intensive darstellerische Leistung.

Craig Colclough erwies sich als eine Idealbesetzung der Titelpartie. Colclough brachte es fertig, diese gesanglich strapazierende Partie des Macbeth mit viel Feingefühl zu beleben und so ihren kontinuierlichen Zusammenbruch glaubwürdig nachzuzeichnen. Der wunderbare Chor der Opéra Ballet Vlaanderen rundete die musikalische Gesamtleistung auf höchstem Niveau ab.

Das Bühnenbild von Henrik Ahr war über die vier Akte das gleiche und spielte auf einer Art meist hermetisch abgeriegelten Skaterpiste, in der die handelnden Personen quasi gefangen waren und vergeblich versuchten, an den abgerundeten Mauern herauszusteigen … Michael Thalmeiers Inszenierung gab den Hexen als Drahtzieher und Zerstörer eine besonders wichtige Bedeutung.

Während seine Personenregie vor allem in den beiden letzten Akten griff und in sich schlüssig war, boten die ersten beiden dagegen viel Rampentheater und für meinen Geschmack etwas zu viel dämonisches Herumgezucke. Trotz allem konnte diese blutrünstige und intelligent gemachte Inszenierung überzeugen, zumal alle Beteiligten dadurch frei spielen konnten und so auch sängerisch zu Höchstleistungen fähig waren.

Eines der besten Orchester Russlands

Rund 3.600 Kilometer Luftlinie liegt das russische Jekaterinburg entfernt, das mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern nach Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk die viertgrößte Stadt Russlands ist. Dort ist die Heimat des Ural Symphony Orchestra, das in den letzten 20 Jahren eine erstaunliche Entwicklung verzeichnet hat und nun zu den besten russischen Orchestern zählt.

Die spielerische Qualität ist vor allem seinem Chefdirigenten Dimitry Liss zu verdanken, der seit 1995 kontinuierlich das Orchesterniveau anheben konnte. Dass die Aufbauarbeit ihre Früchte trägt, das konnte das Luxemburger Publikum am vergangenen Montag in der Philharmonie erleben. Luxemburg ist neben Graz, Wien, Leverkusen, Bremen und Hamburg eine der Stationen der Europa-Tournee 2019 des Ural Symphony Orchestra.

In der Luxemburger Philharmonie spielten die Musiker ein reines Rachmaninoff-Programm, bei dem das Publikum drei eher selten zu hörende Werke erleben konnte. Die Topqualität des Orchesters zeigte sich bereits im ersten Stück, nämlich Rachmaninoffs Toteninsel. Neben seinem dunklen, pulsierenden Klang beeindruckte das Ural Symphony Orchestra vor allem durch absolute Präzision und Intonationssicherheit. Die feinen dynamischen Abstufungen machten den Gesamtklang recht luftig und transparent, sodass man Rachmaninoffs Musik mit einem sehr guten Raumgefühl erleben konnte.

Danach war Nikolai Lugansky der Solist in den Paganini-Variationen, die vom Orchester her nun mit einer ganz anderen, viel helleren und impressionistischeren Klangfarbe gespielt wurden. Lugansky bewährte sich als erstklassiger Interpret und Virtuose, dessen leichtes, klares Spiel vorzüglich zu dem hellen Klangbild des Orchesters passte.

Drei selten gespielte Rachmaninoff-Werke

Dimitry Liss dirigierte mit weit ausladenden Gesten, die dennoch ein sehr präzises Spiel der Musiker forderten. Liss gelang es in den drei Werken, eine ideale Balance zwischen expressivem Musizieren und einem architektonisch klaren Spiel zu halten. Das war sehr wichtig bei Rachmaninoffs von einem Edgar-Alan-Poe-Gedicht beeinflusster Kantate die Glocken op. 35, die Rachmaninoff selbst für eines seiner gelungensten Werke hielt.

Das luxemburgische Publikum erlebte dann auch hier Musikgenuss pur. Dimitry Liss und seine Musiker und Sänger kamen hervorragend mit der nicht unproblematischen Akustik des Saales zurecht. Alle drei Vokalsolisten, Egor Semenkov, Tenor, Ekaterina Goncharova, Sopran und Yuri Laptev, Bariton überzeugten mit exquisiten Gesangsleistungen, während der Ural Philharmonic Choir Chorgesang der Extraklasse bot.

Es war ein Konzert, bei dem man nicht nur drei weniger bekannte Werke Rachmaninoffs entdecken konnte, sondern vor allem ein außergewöhnlich klangprächtiges und doch irgendwie typisch russisches Orchester. Den ebenfalls in allen Hinsichten überzeugenden Dirigenten Dimitry Liss kann das Luxemburger Publikum übrigens am 6. März wieder hören, und zwar an der Spitze des Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Dann steht unter anderem Dimitri Schostakowitschs 7. Symphonie auf dem Programm.

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