Die Milchbauern sind unzufrieden und schlagen einen Mechanismus zur Eingrenzung der Produktion im Bedarfsfall vor.

Europas Milchbauern beklagen sich nicht erst seit gestern über zu niedrige Milchpreise. Anders als von früheren Protesten gewohnt, protestierten die Landwirte friedlich. Ihre Traktoren parkten die Bauern auf dem Knuedler, verteilten Milch und Käse an Passanten und übergaben dem Landwirtschaftsminister Fernand Etgen eine neue europäische Studie* zum Thema Milchpreise.

Den Bauern zufolge kostet ein Liter Milch in der Herstellung 0,43 Euro. Dieser Preis beinhaltet nicht nur die Produktionskosten, sondern auch das Gehalt, das die Landwirte verdienen wollen, um sich und ihre Familie ernähren zu können. Die Landwirte setzen hierfür 12,46 Cent pro Liter an. Dass die Bauern trotzdem Milch liefern, obwohl sie den nötigen Preis nicht erzielen können, sei nur möglich, weil sie auf ihr Gehalt verzichten – also zum Nulltarif produzieren, erklärten die Landwirte am Freitag bei ihrer Protestkundgebung.

Dabei sind sich die Bauern sicher: Sie werden gebraucht und keiner wäre froh, wenn dieser Industriezweig aus Europa verschwinden würde. “Wir wollen ja nicht nur Industrieunternehmen”, so die Landwirte am Freitag. “Wir wollen, dass weiterhin Milch produziert wird.” Die Bauern gaben sich betont friedlich, sagten sich “in friedlicher Mission”. Sie protestierten nach eigenen Aussagen nicht für höhere Prämien. Solche würden sie genug bekommen. Auch wüssten sie, dass die Milchpreise nicht in Luxemburg gemacht werden, sondern in Europa. Fernand Etgen sei aber einer von 27 oder 28 Landwirtschaftsministern in der EU, die Einfluss haben.

Auch versuchen die Bauern nicht, den Verbrauchern ins Gewissen zu reden. Der Erfolg “fairer Milch” beweise, dass die Konsumenten bereit sind, für das Produkt mehr Geld auszugeben.

Der Präsident der internationalen Organisation European Milk Board (EMB), Erwin Schöpges, unterstrich, dass die Bauern nicht nur kostendeckende Preise wollen, sondern vollkostendeckende Preise (d.h. mit Gehalt). Er gab zu verstehen, dass es unter den gegebenen Umständen schwer sei, die bestehenden Strukturen in der Milchlandwirtschaft zu erhalten. In den Bauernfamilien gäbe es zwar Kinder, die die Betriebe übernehmen wollten, allerdings hätten sie keine Perspektive, damit Geld zu verdienen.

“Flüchtlingswelle durch Milchpolitik”

In seiner Rede ging Schöpges auch auf die globalen Folgen der europäischen Milchpolitik ein. Neuesten Zahlen zufolge habe Europa derzeit 400.000 Tonnen Milchpulver auf Lager. Die Masse sei zuletzt zwar um 90.000 Tonnen gesunken, die privaten Lagerbestände seien im gleichen Zeitraum allerdings um die gleiche Menge gestiegen. Diese Überproduktion werde zu Dumpingpreisen auf dem afrikanischen Kontinent verkauft und mache dort die Wirtschaft kaputt. Schöpges prognostiziert, dass diese Politik in fünf Jahren zu einer neuen Flüchtlingswelle führen kann.

Die Landwirte wollten aber für einen lokalen Markt produzieren, so der Bauernvertreter. Deshalb plädieren die Landwirte dafür, ein bestehendes europäisches Instrument, die Marktbeobachtungsstelle, anders zu nutzen als bislang. Dieses europäische Institut beobachtet – wie der Name es vermuten lässt – die Märkte. Die Stelle erzähle den Bauern dann, dass es in China und Afrika einen Markt für ihre Milch gäbe, erklärt Schöpges. Das Institut müsse in Zukunft nicht nur beobachten, sondern auch eingreifen können. Es solle zu einem Kriseninstrument werden, das Bauern beim Produktionsverzicht unterstützt.

Die Landwirte schlagen ein Modell mit zwei Stufen vor. In einer ersten Phase soll diese Stelle Alarm geben, wenn es zu einer Überproduktion kommt, sodass die Milchbauern freiwillig die Produktion zurückfahren können. “Das wird natürlich nicht passieren”, wirft Schöpges ein. In der zweiten Phase soll das Instrument die Produktionsmenge deckeln dürfen und die Landwirte dabei unterstützen, den Produktionsverzicht umzusetzen. Ein solches Instrument könne morgen schon umgesetzt werden, so der Bauernvertreter. Die Landwirte seien bereit, viel zu unternehmen, um ihren Sektor zu erhalten, zum Beispiel das “Tierwohl” zu verbessern. Vor zwei Jahren bereits wurde ein solches Programm zur Einschränkung der Milchpreise durchgeführt, mit dem die EU eine Prämie für “stillgelegte Milch” einführte.

Fernand Etgen nahm die Studie entgegen und sprach von den Bauern, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausüben. Etgen erläuterte auch, dass die Milchpreise in Europa beziehungsweise auf dem Weltmarkt gemacht werden. Sie seien extrem volatil, und so käme es, dass sie teilweise “im Keller” seien, in anderen Jahren aber “an sich anständig”. “In diesem Jahr zum Beispiel liegt der Preis um 10 Prozent unter dem vom letzten Jahr, aber 25 Prozent höher, als es 2016 der Fall war.” Etgen begrüßte die “friedliche Herangehensweise” der Bauern, die sie gewählt haben, um ihre “legitimen Forderungen” vorzutragen und dass sie dies in Luxemburg-Stadt tun, wo sie auch auf die Konsumenten treffen können.

*Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (2018), What is the cost of producing milk, im Auftrag des EMB. Zu finden unter www.europeanmilkboard.org

2 Kommentare

  1. So ein System besteht doch schon. Es heisst freie Marktwirtschaft. Es gibt zuviele Milchbauern, deshalb müssen entweder ein paar hundert unserer Hobbybauern aufgeben oder bankrott gehen, dann gehen die Preise wieder rauf.
    Die Bauern sind Konkurrenz bloss noch nicht gewohnt.

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