Zuerst das: Das Konzert von “Nick Mason’s Saucerful of Secrets” im ausverkauften Atelier war in jeder einzelnen Minute ein großer Spaß, der offenbar nicht nur dem Publikum lange in Erinnerung bleiben wird. Die bestens aufgelegte Combo zeigte sich vom stellenweise sehr aktiven Publikum absolut entwaffnet. Um die ganze Magie des Abends zu erfassen, muss man zwangsläufig aber etwas ausholen. Es geht nun mal um den Herzschlag der Rocklegende Pink Floyd.

Dass die britische Supergruppe nach ihrem fulminanten Aufstieg in den 60ern und dem Höhenflug in den 70ern und Alben wie “Dark Side of the Moon” oder “Wish You Were Here” erst im Streit auseinanderbrach und die Rest-Combo um Gitarrist und Sänger David Gilmour schließlich nur noch zwei reguläre Alben zustandegebracht hat, ist erst mal eine Tragödie. Immerhin: Da die einzelnen Mitglieder immer wieder aktiv wurden, war und ist es wenigstens regelmäßig möglich, jeweils eine der vielen Facetten von Pink Floyd für sich zu genießen: So liefert der joviale Gilmour eher den atmosphärischen, gediegenen Sound der späteren Jahre, während der getriebene Bassist Roger Waters mit seinem wütenden Polit-Rock der mittleren Ära viele mitreißt und manche verstört.

Ein Traum wird wahr

Und nun widmet sich also Drummer Nick Mason dem psychedelischen Pop-Frühwerk der Band – und macht damit einen feuchten Traum vieler treuen Fans wahr: Denn auch wenn “Time”, “Wish You Were Here” oder “Another Brick in the Wall” zeitlose Klassiker sind, hat man sie doch mittlerweile recht oft gehört – während die versponnenen, fröhlichen Pop-Songs über Unterwäsche-Diebe, WG-Katzen und Weltraum-Reisen kaum einmal live oder im Radio gewürdigt werden.

Vieles, was am Sonntag im Atelier zu hören war, stammt noch aus der Feder von Syd Barrett, dem legendären ersten Frontmann, der nach dem Debüt-Album und vielen LSD-Trips die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn sehr eindeutig überschritten hatte und darum eines Tages vom Rest der Band einfach nicht mehr zum Musizieren abgeholt wurde.

Doch obwohl der “Crazy Diamond” nur kurz bei den Floyd war, legte er mit seinen Ideen und Songs wichtige Grundsteine: “See Emily Play” oder “Arnold Layne” enthalten mit ihren surrealen Texten und ausgedehnten Klang-Ausflügen schon einiges von dem, was Pink Floyd später perfektionieren sollte – und auch zur ersten echten Multimedia-Band machte.

Zurück in den “Ufo-Club”

Die kraftvoll hingerockten Songs, manchmal klingt es fast nach Punk Floyd, machen auch 2018 noch Spaß. Und auch, wenn er viel zu britisch ist, um darüber sein Herz auf der Zunge zu tragen: Wenn der 74-jährige Mason die “Early Years (so der Name einer entscheidend von ihm zusammengestellten Box) nun wieder hochleben lässt, unternimmt er sicherlich auch eine sehr persönliche Reise in die Zeit seiner Jugend und des Aufbruchs, als Pink Floyds erste Konzerte auf schrägen Happenings und Kunst-Partys im Londoner Underground des Ufo-Clubs stattfanden, wo neben Patchouli und Hanf auch die Ahnung von ganz neuen Möglichkeiten in der Luft lag.

Die Musik, die Pink Floyd damals und später schufen, ist dabei vor allem deshalb so prägnant, weil die einzelnen Musiker nicht wirklich virtuos sind – und statt auf frickelige Leistungsschau und Instrumenten-Akrobatik lieber mehr auf Atmosphäre gesetzt haben. Mason fasziniert auch heute noch mit seinem zurückgenommenen, Raum lassenden Spiel, bei dem der Rhythmus oft nur durch die sacht federnden Becken bestimmt wird.

“Such’ dir lieber eine andere Band!”

Seine Mitstreiter dürfen aber etwas mehr von der Kette: Gary Kemp und Lee Harris untersuchen mit ihren Gitarren, wie man die Saiten zum Klingen, Winseln und Schreien bringen kann, während der Bassist und Sänger Guy Pratt ein paar Läufe spielt, über die sich Roger Waters seine Finger gebrochen hätte. Pratt wurde von Gilmour nach der Fast-Auflösung zunächst für den Live-Einsatz in die Band geholt – und ist mittlerweile deutlich länger dabei, als Roger Waters es war. Inzwischen selbst 56-jährig, wirkt er immer noch wie ein staunender Schuljunge, der nicht fassen kann, mit wem er was für Lieder spielen darf.

Nach dem burschikosen Metal-Rocker “Nile Song” erklärt Pratt, der Song sei sein erster Kontakt mit Pink Floyd gewesen, weil er einst auf dem kostengünstigen Sampler “Relics” enthalten war – dessen Cover der gelernte Grafikdesigner Nick Mason gestaltet hatte. Den Song habe er außerdem für die Setlist vorgeschlagen, als er mit David Gilmour getourt sei, worauf der Gitarrist ihn angefunkelt habe, ob er nicht lieber in einer anderen Band spielen wolle. “Und heute mache ich das”, kann Pratt Jahre später lachend im Atelier sagen. “Und was für eine Band das ist!”

Es gibt einige dieser netten Ansagen am Abend. YouTube-Videos enthüllen zwar, dass sie nicht spontan sind, das tut der Stimmung aber keinen Abbruch. Was erkennbar nicht einstudiert ist, ist die Begeisterung der Musiker über das Publikum im Hexenkessel des Ateliers. Bei leisen Passagen, etwa der langen Suite “Atom Heart Mother”, bleiben die Leute respektvoll still, spenden aber dafür an den richtigen Stellen artig Szenenapplaus – und jubeln ausgelassen und kraftvoll zwischen den Songs.

Gänsehaut zum Abschluss

Beim majestätischen Lied “Saucerful of Secrets” gibt es dann einen Gänsehautmoment, als der sehnsuchtsvolle Chor-Gesang gegen Ende unaufgefordert vom Publikum angestimmt wird. Das bringt erst Pratt völlig aus der Fassung und Nick Mason beinahe, der von seinem Platz hinter den Trommeln auch schon so einiges miterlebt hat. “Ich habe mir kurz Sorgen gemacht, wie wir euch alle in den Tourbus kriegen sollen für die nächsten Gigs”, scherzt der Mann, den Gary Kemp ehrfürchtig den “Herzschlag von Pink Floyd” genannt hat – und hängt einen ernst gemeinten Dank daran: “Es war ein toller Abend.”

4 Kommentare

  1. salut Frank,
    deen Artikel ass super geschriwen,alles dran ,an du schwätz dene méeschten aus der Séil wéi s de hei alles beschriwen hues- an iwerhaapt super datt éen an eiser schnell -liéweger Zäit sech dohinner setzt an en ëtlech Zeilen iwert de Konzert verléiert😃👍🏻👍🏻
    et war e super Owend

  2. Leider verpasst, awer ganz flotten Artikel, hun nach alles op Vinyl, an och nach vill aner Interessantes, awer ken Plattenspiller mei. Nächst Uschaffung get eng uerdentlech Stereo.

  3. Sehr gut und kompetent geschriebener Artikel. 1.000 Dank an die Leute vom Atelier, dass sie ihn uns ermöglicht haben!
    Es freut mich, dass Ihr mein Video von “A Saucerful…” aus Youtube mit angehängt habt. Ich bin mächtig stolz darauf!!!

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