Mangelernährung erhält weniger Aufmerksamkeit als die meisten anderen großen Herausforderungen, vor denen die Welt steht. Dabei ist dies ein Bereich, wo eine relativ kleine Investition größte Auswirkungen haben kann.

Schätzungsweise zwei Milliarden Menschen erhalten nicht die wichtigen Vitamine und Mineralstoffe, die sie brauchen, um zu wachsen und gesund zu bleiben, insbesondere Eisen, Jod, Vitamin A und Zink. Schlimmer noch: Mangel- und Unterernährung sind Teil eines grausamen Kreislaufs, denn sie sind sowohl Ursache als auch Auswirkung von Armut.
Dieser Kreislauf zieht überproportional Babys und Kleinkinder in Mitleidenschaft, und diese erleiden verheerende Folgen durch Mangelernährung, darunter psychische Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten in der Schule und eine schlechte Allgemeingesundheit. Selbst mäßige Ernährungsdefizite können die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen. Und weil es für dieses Kind dann im Erwachsenenalter schwieriger ist, einen guten Job zu finden, bestimmt die Mangelernährung nicht nur sein Leben, sondern auch das der nächsten Generation.

Im Idealfall sollten Nährstoffe aus einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung stammen. Aber weil das insbesondere in armen Ländern nicht immer möglich ist, haben Regierungen und Entwicklungshilfeorganisationen eine Verantwortung, zu helfen.
Seit mehr als einem Jahrzehnt untersucht und vergleicht meine Denkfabrik, Copenhagen Consensus, Entwicklungsoptionen für Regierungen und Spenderorganisationen auf globaler, regionaler und nationaler Ebene. Wir arbeiten mit weltweit führenden Fachökonomen, darunter verschiedenen Nobelpreisträgern, zusammen, um die besten Methoden zur Bewältigung der größten Herausforderungen der Menschheit zu ermitteln.
Während dieser Zeit haben wir die Aufmerksamkeit auf ein breites Spektrum wichtiger Anliegen gelenkt.

So ergaben sich aus unseren Untersuchungen Argumente für eine Verstärkung des Kampfes gegen HIV/Aids, der dann zu einer Priorität der dänischen Regierung wurde. Und im vergangenen Jahr erklärte der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos, dass unsere Forschungen im Bereich der Artenvielfalt der Grund für die Vervierfachung der Größe eines Meeresschutzgebietes vor der Küste seines Landes war.

Versteckter Hunger

Doch auf die Bekämpfung des „versteckten Hungers“ oder des Mangels an Mikronährstoffen ausgerichtete Investitionen standen kontinuierlich weit oben auf unserer Prioritätenliste. Die Belege zeigen, dass ein Durchbrechen der Kreisläufe von Armut und Unterernährung eine der wirkungsstärksten Methoden ist, um das Leben überall auf unserem Planeten zu verbessern.

In den Jahren 2008 und 2012 kamen Projekte von Copenhagen Consensus, die sich auf weltweite Entwicklungsprioritäten konzentrierten, zu dem Schluss, das politische Entscheidungsträger und Philanthropen die Bekämpfung der Mangelernährung zu einer Spitzenpriorität machen sollten. Bei jedem dieser Projekte schrieben Fachleute dutzende von Forschungsaufsätzen, in denen sie untersuchten, wie man in Bezug auf eine Vielzahl von Problemen – von bewaffneten Konflikten über die Zerstörung der Artenvielfalt bis hin zu Infektionskrankheiten und Hygiene – das vorhandene Geld am besten ausgeben könnte.
Selbst bei dutzenden von bestechenden Investitionen, die zur Auswahl standen, kamen die die Daten überprüfenden Nobelpreisökonomen zu dem Schluss, dass die Bekämpfung der Mangelernährung zu den wirkungsstärksten Optionen gehört.

Die Untersuchung des Jahres 2012 zeigte, dass eine Investition von nur 100 US-Dollar pro Kind für ein Bündel von Interventionen – darunter Mikronährstoffe, Verbesserungen der Ernährungsqualität und Programme zur Förderung von Verhaltensänderungen – bezahlen könnte, das die chronische Unterernährung in Entwicklungsländern um 36% reduzieren würde. Anders ausgedrückt: Jeder für die Reduzierung der chronischen Unterernährung ausgegebene Dollar würde – selbst in sehr armen Ländern – der Gesellschaft eine Rendite von 30 Dollar bringen.

Die Studie des Jahres 2012 hatte greifbare Auswirkungen. Im folgenden Jahr gab ein Bündnis von NGOs, teilweise auf Grund unserer Erkenntnisse, Zusagen in Höhe von mehr als 750 Millionen Dollar für Ernährungsprogramme.

In ähnlicher Weise zitierte 2013 der britische Premierminister David Cameron unsere Studie auf einer Konferenz mit dem Titel „Nutrition for Growth“, auf der die G8-Regierungen sich zu zusätzlichen Aufwendungen zur Bekämpfung der Mangelernährung in Höhe von 4,15 Milliarden Dollar verpflichteten.

Was auf globaler Ebene zutrifft, gilt auch für viele einzelne Länder. Die beiden jüngsten Projekte von Copenhagen Consensus konzentrierten sich auf Bangladesch und Haiti. In Bangladesch sterben jedes Jahr 30.000 Kinder an den Folgen von Mangelernährung. Wir sprachen uns für Investitionen aus, die Kinder in den ersten 1000 Tagen ihres Lebens erreichen, und vielversprechenderweise flossen unsere Untersuchungen in Bangladeschs 2. Nationalen Aktionsplan für Ernährung ein.

In Haiti hat die Regierung mit Unterstützung von USAID gerade das erste landesweite Projekt zur Anreicherung von Lebensmitteln mit Nährstoffen eingeleitet. Dieses Verfahren hilft vielen Menschen auf einmal, denn dabei werden weithin konsumierten Lebensmitteln wie Grundnahrungsmitteln (Weizen, Reis, Speiseöl) oder Würzmitteln (Salz, Sojasauce, Zucker) Nährstoffe hinzugefügt. Dies ist nur eine Waffe im Kampf gegen die Mangelernährung – das Arsenal umfasst außerdem Bildungsmaßnahmen und zielgerichtete Initiativen wie die Ausgabe von Nahrungsergänzungsmitteln an Mütter und Neugeborene –, aber eine sehr wichtige.

Nährstoffe anreichern

Die Nährstoffanreicherung ist keine neue Idee. Die meisten Menschen in den reichen Ländern profitieren davon, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Schweiz mit der Jodanreicherung von Speisesalz; dies wurde inzwischen weltweit übernommen. Margarine mit Vitamin-A-Zusatz wurde erstmals 1918 in Dänemark auf den Markt gebracht. Und in den 1930er Jahren wurden in einer Anzahl von entwickelten Ländern mit Vitamin A angereicherte Milch und mit Eisen und B-Vitaminen angereichertes Mehl eingeführt. Inzwischen ist die Nährstoffanreicherung von Lebensmitteln in den entwickelten Ländern gang und gäbe, aber in vielen Ländern niedrigen und mittleren Einkommens gibt es sie bisher nicht.

Haitis Nahrungsanreicherungsprojekt wird sich auf die Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen und Folsäure, von Pflanzenölen mit Vitamin A und von Salz mit Jod konzentrieren. Nachdem wir unsere Erkenntnisse dem haitischen Präsident Jovenel Moïse vorgelegt hatten, unternahm dieser Schritte, um zu gewährleisten, dass sämtlicher Weizen innerhalb eines Jahres mit lebenswichtigen Mikronährstoffen angereichert würde. Und bei der Einführung des neuen Programms zitierte ein US-Regierungsvertreter Forschungen von Copenhagen Consensus, um zu zeigen, dass die Nahrungsmittelanreicherung „eine der wirksamsten Investitionen in Haitis Entwicklung ist“.

Ein Forschungsaufsatz von Stephen Vosti von der University of California in Davis und Kollegen zeigt, dass 95% von Haitis Weizenmehl mit einer Investition von nur 5,1 Millionen Dollar für vorgemischte Mikronährstoffe, Ausrüstung und Schulungen für ein Jahrzehnt mit Nährstoffen angereichert werden könnten. Diese relativ kleine Investition brächte einen außergewöhnlichen Nutzen, nicht zuletzt, indem sie 140 Todesfälle infolge von Rückenmarksdefekten und mehr als 250.000 Fälle von Blutarmut pro Jahr verhindern würde. In Geld ausgedrückt, würde jeder ausgegebene Dollar der haitischen Gesellschaft einen Nutzen von 24 Dollar einbringen.

Es gibt kein Allheilmittel für alle heutigen Herausforderungen im Bereich der Entwicklung. Aber die Verbesserung der Ernährung kommt dem näher als vieles andere. Sie hat das Potenzial, einen grausamen Kreislauf der Armut und Mangelernährung zu durchbrechen, der Generationen währen kann.

Aus dem Englischen von Jan Doolan
Copyright: Project Syndicate, 2017. www.project-syndicate.org

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