Afterhour geht in Mexiko-Stadt so: Wenn die Clubs um 3.00 Uhr morgens schließen, fährt man über die dreistöckige Stadtautobahn nach Xochimilco, klingelt an der Anlegestelle den Nachtwärter heraus, und der ruft einen Kapitän an. Und schon geht die Party auf dem Boot weiter.

Jetzt ist es 9.00 Uhr morgens, und von der Partymeute ist nichts zu sehen. In langen Reihen dümpeln die Trajineras im Hafenbecken. Die berühmten Gondeln Xochimilcos sind rot, gelb, grün angestrichen. An manchen leuchten noch wie früher Schriftzüge aus Blumen. “Als ich ein Mädchen war, sahen alle Trajineras so aus”, sagt die Stadtführerin Mirta Martinez. “Später wurden die Blumen zuerst durch Papier ersetzt, dann durch Holz.”

Insgesamt 1500 bis 1600 Trajineras gondeln heute durch die Kanäle von Xochimilco. Und am Heck stehen Männer wie César Serrano. Mit einer sechs Meter langen Stange stakt er das Boot vorwärts. “Die einzigen, die hier einen Motor haben dürfen, sind die Polizeiboote”, sagt er.

Moloch schluckte Kanäle und Gärten

Xochimilco bedeutet auf Nahuatl, der Sprache der Azteken, “Blumenfeld”. Das stimmt immer noch ein bisschen, auch wenn der Moloch längst die Kanäle und Gärten geschluckt hat, die gemeinsam mit der kolonialen Innenstadt und den Aztekentempeln als Weltkulturerbe geschützt sind.

Die Kanäle sind der kümmerliche Rest der fünf Seen, die einst zusammen ein Binnenmeer bildeten. “Die Menschen lebten schon 7000 vor Christus an den Ufern dieser Seen”, erzählt Martinez. Erst viel später kamen die Azteken hier an. 1325 gründeten sie auf einem Inselchen im Texcoco-See ihre Hauptstadt Tenochtitlán.

Bald wurde es eng, die Azteken brauchten mehr Land, um Tomaten, Mais und Süßkartoffeln anzubauen. Die geniale Lösung ihres Problems kann man vom Boot aus besichtigen: die Chinampas, oft schwimmende Gärten genannt. Längst sind die menschengemachten Inseln aber mit dem Seegrund verwachsen, Holzpflöcke und Mauern aus Sandsäcken halten ihre Ufer.

Teppiche aus Wasserhyazinthen

Hinter einer Schleuse wird es immer ländlicher. Teppiche von Wasserhyazinthen überziehen das Wasser, “eine Plage”, sagt Serrano. Vor 27 Jahren setzten die Behörden deshalb fünf Manatis aus. Die Seekühe fressen 80 Kilo Hyazinthen, pro Kopf, pro Tag. Aber dummerweise hatten die Behörden die Anwohner nicht eingeweiht. Sie hielten die Seekühe für Monster, töteten sie und aßen sie auf. “Heute wäre das Wasser zu verdreckt für Manatis”, sagt Martinez. Plastikflaschen treiben im Wasser, Müll liegt am Ufer. Aber wenn man die 23 Millionen Einwohner des Molochs Mexiko-Stadt bedenkt, ist es immer noch eine Oase.

Noch im vergangenen Jahrhundert konnte man mit dem Dampfschiff von hier in die Innenstadt fahren. Aber von 1000 Kilometern Kanälen sind nur noch 188 Kilometer geblieben. Sie sind nur noch wenige Meter tief, und der Grundwasserspiegel sinkt weiter. Die Unesco stuft das Welterbe deshalb als “hoch gefährdet” ein. Damit die Kanäle nicht weiter verlanden, werden sie nun regelmäßig ausgebaggert.

Nach einer knappen Stunde biegt Serrano in den größten Kanal Apatlaco ein, drei weiße Enten folgen schnatternd. Das Boot gleitet durch bunt zusammengeschusterte Schrebergärten, die auch in Berlin an der Spree stehen könnten.

Schäbige Puppen hängen am Tor

Die Gondel gleitet weiter durch eine Allee von überhängenden Ahuejotes. In Treibhäusern aus Plastikplanen leuchten Felder von Weihnachtssternen, Blesshühner dümpeln vor haushohem Schilf. Eine friedliche Idylle. Bis ein Inselchen in Sicht kommt, das mit einer Palisade eingezäunt ist. Schäbige Puppen hängen am Tor und in den Ästen, manche verstümmelt oder mit verrenkten Gliedern. “Das ist die Isla de las Muñecas”, sagt Serrano.

Sie war die Insel eines Eigenbrötlers, Don Julian. Er baute hier Gemüse an, fischte und jagte. Die Insel verließ er nur ein oder zwei Mal im Jahr. Eines Tages in den 1950er Jahren kenterte eine Trajinera mit 20 Mädchen, zwei ertranken. Und nach einer Woche lag eine Leiche auf Don Julians Chinampa. Ab diesem Tag fand er angetriebene Puppen. Und er fühlte sich beobachtet, vor allem nachts. Vom Geist des toten Mädchens.

Don Julian entschied sich, die Puppen aufzuhängen. Der Geist verschwand, dafür kamen immer mehr Besucher. Sie brachten eigene Puppen mit, und Don Julian hängte sie zu den anderen. Als er 2001 starb, setzte sein Neffe Anastasio Santana die Tradition fort.

“Diese Insel ist geschlossen”

Aber jetzt hängen Plakate an der Palisade, in großen Lettern erklären sie, dass die Insel geschlossen sei. Santana wollte eine Nachtshow machen, die Behörden verboten es.

Auf der Rückfahrt kommen Motorkähne entgegen, so viel zu dem strengen Verbot. Auf einer Trajinera grillt eine Großfamilie, auf einer anderen spielt eine Mariachi-Band in weißen Sakkos. Es ist Sonntag und bestes Ausflugswetter. Bald schiebt sich eine endlose Parade von Trajineras durch die Kanäle, im vier- bis fünfspurigen Gegenverkehr. Zwischen den großen Booten drücken sich kleine hindurch, die Tacos, Maiskolben und Bier verkaufen. Man trinkt es hier aus 1-Liter-Pappbechern mit Chilisoßenrand und Zitrone. Immer wieder kollidieren Trajineras frontal, aber keiner regt sich auf.

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