EM-Kolumne „Extrawurst“Expertentum

EM-Kolumne „Extrawurst“ / Expertentum

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Schlichtere Zeitgenossen mögen sich mit einer Runde Kuhfladen-Bingo die Zeit vertreiben, aber bei größeren Sport-Events wie einer EM sind dann doch tierische Extradienste unabkömmlich.

In Delphi rauft man sich deswegen die Haare, aber in der zivilisierten Welt des Sports hat man für so viel antiken Kulturpessimismus nicht viel übrig. Die legendäre (und treffsichere) Krake Paul hat es vorgemacht: Tier-Orakel gehören seitdem zu jeder EM oder WM dazu. Neben Koryphäe Paul sind seitdem Orang-Utans (Walter!), Seelöwen, Elefantendamen, Erdmännchen, Warzen- und Pinselohrschweine und natürlich jede Menge „animaux de la ferme“ aus dem Orakel-Business nicht mehr wegzudenken. Warum, fragt sich der Laie, brauchen wir Lothar Matthäus oder Paul Philipp, wenn ein Alpaka denselben Job erledigen kann? Beziehungsweise eine Armada namenloser Darmbakterien, denn auch hier hat die sportaffine Wissenschaft beachtliche Fortschritte erzielt. Das Weissagungspotenzial alerter Darmbakterien darf nämlich nicht unterschätzt werden. Und nur weil man von einer Darmbakterie nicht erwarten kann, sich auch noch eruierend über die „Tiefe des Raums“ auszulassen oder die unterschiedlichsten Formen des Gegenpressings anhand gescheiter Grafiken darzustellen, bleibt ihr Beitrag deshalb nicht weniger bemerkenswert. Die ganze Fachsimpelei ist doch eh nur Ablenkung. Was zählt, ist das nackte Resultat. 

Tiere sind im Allgemeinen sehr geduldig und lassen sich von den Zweibeinern für so manche Gaudi einspannen, wohl auch weil sie keine andere Wahl haben. Aber es gibt Ausnahmen. Ob es einen Piranha interessiert, wie Serbien gegen Dänemark spielt? Piranhas sind möglicherweise eigensinniger als Darmbakterien. Oder Sammy, das Känguru? Kängurus sind, wie jeder weiß, nicht sonderlich an Fußball interessiert. Ob Lewandowski rechtzeitig fit wird oder Bellingham alles alleine schultern muss, geht ihnen am Arsch vorbei. Kein Bock auf diese Spielchen und das ganze Drumherum. Kein Wunder, dass der gute Sammy wenige Tage vor dem EM-Start ausgebüxt ist. Und überhaupt: Was ist schon so ein Rumgehopse auf engstem Raum, wenn einem das ganze Outback zu Füßen liegt? Hat da jemand etwas von „Tiefe des Raums“ gesagt?