Samstag29. November 2025

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Naher Osten streitet über Kinderehen

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Von unseren Korrespondenten Jacob Wirtschafter und Gilgamesh Nabeel

Jedes fünfte Mädchen im Nahen Osten und in Nordafrika wird vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Daran ändern vielerorts auch gesetzliche Vorschriften nichts. Während sich Ägypten gegen Kinderehen einsetzt, geht der Trend im Irak und in der Türkei in die andere Richtung.

Nuha Oum Ahmed erzählte ihre Geschichte hinter einem Nikab, dem Gesichtsschleier, den nur noch wenige ägyptische Frauen tragen. „Ich habe geheiratet, als ich 14 Jahre alt war“, sagt die heute 35-Jährige, die in einem Weiler in Assiut, 300 Kilometer südlich der Hauptstadt, aufgewachsen ist. „Ich habe sechs Kinder zur Welt gebracht. Zwei starben, weil ich zu jung war.“ Oum Ahmeds drei lebende Töchter sind drei bis zwölf Jahre alt. Sie will nicht, dass sie heiraten, bevor sie das gesetzliche Eheschließungsalter in Ägypten erreicht haben. Seit 2008 dürfen Mädchen erst mit 18 Jahren heiraten.

Staatliche Kampagnen haben die Häufigkeit der Kinderheirat in Ägypten verringert. Dennoch: Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge wird jedes fünfte Mädchen im Nahen Osten und in Nordafrika vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Die Praxis variiert in der Region, von bis zu 32 Prozent im Jemen und drei Prozent in Algerien.

Ein Trend zum Kindesmissbrauch

Im Irak wird ein Gesetzesentwurf diskutiert, der es jeder Glaubensgemeinschaft freistellt, wann ihre Kinder heiraten dürfen. Für die Schiiten würde das zulässige Alter von 16 auf neun Jahre sinken. Kritiker sagen, dass das Gesetz einen Trend zum Kindesmissbrauch widerspiegelt und Mädchen Bildungs- und Berufschancen verwehrt. „Das vorgeschlagene Gesetz ist ein Verstoß gegen zahlreiche internationale Menschenrechtskonventionen, erniedrigt Frauen und ermöglicht Pädophilie“, sagte Siham Wandi, ein ehemaliger Diplomat.
Traditionalisten kontern, dass die Senkung des Mindestalters junge Frauen vor Vergewaltigung und Belästigung schützt.

„Dieses Gesetz wird den Mädchen viele Vorteile bringen“, sagt Hamid Al-Khudhari, Abgeordneter des schiitischen Bürgerblocks im irakischen Parlament und Autor des Gesetzentwurfs. Er hat im November zwar eine erste Niederlage erlitten, auch wegen des starken westlichen Drucks. Aber er gibt nicht auf.

Töchter gelten als finanzielle Belastung

Auch in Ägypten ist der Streit noch nicht entschieden. Trotz des Gesetzes von 2008 ist der Anteil illegaler minderjähriger Ehen außerhalb der Städte nach wie vor hoch. Mehr als 50 Prozent der Mädchen unter 18 Jahren sind in einigen ländlichen Gebieten verheiratet, schätzt der Nationalrat für Frauen, eine Regierungsbehörde, die sich für Frauenrechte einsetzt.

Traditionalisten verteidigen die Praxis. „Es ist ungerecht, das Alter der Ehe für Männer und Frauen anzugleichen“, sagte Mahmoud Bahi El-Din, ein Führer der Ma’zun Sharia, einer Gruppe sunnitischer Geistlicher, die traditionelle Eheverträge entwerfen und Hochzeitszeremonien durchführen. Die Weiblichkeit eines Mädchens entwickle sich früher, Bahi El-Din will das gesetzliche Heiratsalter für Männer bei 18 Jahren halten, aber das Alter für Frauen auf 16 Jahre herabsetzen.

Das hat auch etwas mit den sozialen Umständen zu tun. „Ein niedriges Bildungsniveau, hohe Analphabetenraten und Armut führen dazu, dass Eltern ihre Töchter als finanzielle Belastung betrachten, die so schnell wie möglich beseitigt werden muss“, sagt Samia Khedr, Soziologin an der Universität Ain Shams in Kairo. 2016 wurden in Ägypten rund 119.000 Kinder vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, 93 Prozent davon Mädchen.

Schutz der Frauen in der Türkei bröckelt

Auch in der Türkei hat das Gesundheitsministerium bekannt gegeben, dass im Jahr 2016 insgesamt 35 Prozent der Säuglinge von Frauen unter 18 Jahren geboren wurden, ein Indikator für eine hohe Zahl nicht registrierter Kinderehen. Trotzdem unterzeichnete Präsident Recep Tayyip Erdogan Ende des vergangenen Jahres ein Gesetz, das es religiösen Amtsträgern erlaubt, Ehen zu registrieren. Kinderrechtler befürchten, dass die religiösen Autoritäten Zivilgesetze umgehen, die ein Mindestalter von 18 Jahren für die Eheschließung vorsehen.

„Die Regierung hat im Wesentlichen den Schutz der zivilen Ehe für Frauen abgeschafft im Austausch für die religiöse Trauung“, sagte Gulsum Kav, ein Arzt aus Istanbul und Führer in der Koalition Nein zu Kinderbräuten. „Mädchen, die gezwungen sind, früh zu heiraten, sind häufiger Gewalt ausgesetzt.“