Pussy Riots stellen sich auf Haftstrafe ein

Pussy Riots stellen sich auf Haftstrafe ein
(dpa)

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Unter den Augen der Weltöffentlichkeit spricht am Freitag ein Gericht in Moskau das Urteil gegen die Punkband Pussy Riot. Die drei Frauen stellen sich nach ihrer Kritik an Putin auf lange Haft ein.

Ungebrochen auch nach gut fünf Monaten in Haft sehen die drei Frauen der Moskauer Punkband Pussy Riot, die gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Kirche protestiert haben, ihrem Prozessfinale entgegen. Wenn Richterin Marina Syrowa an diesem Freitag das Urteil in der Anklage wegen Rowdytums aus religiösem Hass spricht, ist ihr weltweite Aufmerksamkeit gewiss. Die Urteilsverkündung soll live im Internet übertragen werden.

Ungeachtet eines beispiellosen Proteststurms internationaler Stars und Politiker gegen den „politischen Schauprozess“ müssen die Künstlerinnen Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30) mit Haft rechnen. Von einem „Jahrhundertprozess“ sprechen Medien in Moskau.

Punk-Protest polarisiert

Doch die Meinungen zum Fall der drei Musikerinnen, die es wagten, mit bunten Sturmhauben maskiert in der Moskauer Erlöserkathedrale ein „Punkgebet“ gegen Putin und den Patriarchen Kirill aufzuführen, sind geteilt. Wegen Verletzung religiöser Gefühle der russisch-orthodoxen Christen hat Staatsanwalt Alexander Nikiforow drei Jahre Haft beantragt. Er meint, die Frauen, von denen zwei kleine Kinder haben, seien eine Gefahr und müssten „isoliert“ werden von der Gesellschaft.

Die Verteidigung von Nadja, Mascha und Katja, wie etwa US-Popstar Madonna und andere Sympathisanten sie nennen, hält den Prozess für einen beispiellosen Justizskandal. „Ziel ist es, ein Exempel zu statuieren und die Opposition im Land einzuschüchtern“, sagt Anwalt Nikolai Polosow der dpa.

Imageschaden für den Kreml?

Zwar hat er noch Hoffnung kurz vor dem Urteil, weil sich Richterin Syrowa nach einem Eilprozess nun aus gutem Grund mehr als eine Woche Zeit gelassen hat. „Der Kreml wird das Urteil aber genau vorgeben und dabei wohl die internationale Signalwirkung für die Zukunft des Landes nicht außer Acht lassen“, meint Polosow. Schon jetzt sei der Imageschaden immens. Doch Drohungen vor möglichen politischen und wirtschaftlichen Folgen prallen an der selbstbewussten Energiegroßmacht Russland stets ab.

So verbat sich das Außenministerium in Moskau schon vorab eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Ohnehin belastet die russische Politik aus Sicht von Kommentatoren derzeit mit schärferen Gesetzen und einer insgesamt härteren Gangart gegen die Opposition die Beziehungen mit dem Westen.

Haftstrafe „überzogen“

Und auch wenn viele das Protestgebet in der Kirche unter dem Titel „Mutter Gottes, vertreibe Putin“ verurteilen, so hält laut Umfragen doch auch die Mehrheit der Russen eine Haftstrafe für überzogen. In offenen Briefen haben auch Prominente in Russland Freiheit für Pussy Riot gefordert. „Wenn die Mädchen im Gerichtssaal freigelassen werden, werden viele das natürlich als Ihre Schwäche ansehen“, schrieben etwa der Politologe Dmitri Oreschkin und der Starreporter Andrej Kolesnikow an Putin. „Aber im Falle eines harten Urteils wird keiner der Richterin die Schuld geben, sondern Ihnen persönlich.“

Zwar hatte Putin öffentlich selbst zuletzt eine nicht zu harte Strafe für die Frauen angemahnt. Von Gnade oder Milde sprach er aber nicht. Schon nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl im März hatte er gedonnert, dass sich so etwas nicht wiederholen dürfe. Kaum einer erwartet deshalb ernsthaft, dass die Künstlerinnen nun einfach freikommen, ihren Sieg über Putin auskosten und sich zu neuen Protesten rüsten können.

Prominente Unterstützer

Nadja, Maria und Katja sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt. Sie zeigten sich auch in ihrem Schlusswort am Mittwoch vor einer Woche mit geballter Faust kämpferisch. Für ihren Kampf um ein freies Russland ohne korrupte Oligarchie seien sie bereit, ins Gefängnis zu gehen. „Sie sind zum Symbol des radikalen Widerstandes gegen das politische Regime in Russland und eine Verkirchlichung des gesellschaftlichen Lebens geworden“, meint der Kulturforscher Alek Epstejn.

Die anderen Bandmitglieder, die noch in Freiheit sind, aber im Untergrund agieren, haben auch in den vergangenen Wochen immer wieder Skandalaktionen inszeniert. Sie wollen weitermachen. Und auch die Anwälte haben angekündigt, bis vor den Europäischen Gerichtshof in Straßburg zu ziehen – für die Freiheit von Pussy Riot.

(Ulf Mauder/dpa/Tageblatt.lu)