„Wir sind belogen worden!“

„Wir sind belogen worden!“
(Tageblatt-Archiv/Martine May)

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Eine Anthologie mit Texten von Luxemburger Autoren wird nicht veröffentlicht. Tageblatt.lu sprach mit Jhemp Hoscheit über Wert des geistigen Eigentums und ein Bildunsministerium, das Verträge bricht.

Den Unmut der Autoren, die ihre Texte für das besagte Schulbuch zur Verfügung gestellt haben, schrieb Jhemp Hoscheit in einem offenen Leserbrief an Unterrichtsministerin Mady Dlevaux-Stehres nieder. In dem, am vergangenen Samstag im Tageblatt publizierten offenen Brief, fährt der Autor harte Geschütze gegen das Ministerium vor – von „Vertragsbruch“, über „Lügen“, bis hin zu einem „Rückzieher“ ist die Rede.

Der Zankapfel ist eine Anthologie für den Sekundarunterricht mit Texten von Luxemburger Autoren, die das Bildungsministerium nicht publizieren will, so der Vorwurf der betroffenen Literaten. Die Vorgeschichte beginnt jedoch 2006. Damals setzte sich eine fünfköpfige Gruppe aus Schriftstellern zusammen, um geeignete Texte auszuwählen.

Unterschiedliche Honorare

Im Juni 2009 kam es zur ersten Vertragsunterzeichnung unter den beteiligten Autoren und dem Bildungsministerium. Mit am Tisch saßen auch der Luxemburger Verlegerverband, das Bildungsministerium, der Luxemburger Schriftstellerverband und die „Confédération Luxembourgoise du Commerce“. In der damals vorgelegten Version war festgelegt, dass jeder Autor pro Seite Text 3,72 Euro bekommt, das Ganze mal zehn multipliziert, also 37,20 Euro bei einer Auflage von 10.000 Exemplaren. In den Vorgesprächen sei es sogar um einen Honorar von 7,80 Euro pro Seite gegangen, so Hoscheit in seinem offenen Brief.

Ab diesem Moment fangen die Ungereimtheiten im Fall „Anthologie“ an. Jhemp Hoscheit gegenüber Tageblatt.lu: „Die Verleger wurden bei diesen Berechnungen ‚vergessen‘. Man muss wissen, dass ein Autor sein Honorar in solchen Fällen mit seinem Verleger teilen muss. Die Verleger haben dagegen protestiert, der Vertrag wurde daraufhin rückgängig gemacht.“ Doch dieses Mal figurierte der zehnfache Multiplikator im Vertragstext nicht. „Wir kämpfen im Prinzip um 37 Euro und nicht um 3,70 Euro. Die Null war vertraglich festgelegt, wenn man so will, und plötzlich ist sie nicht mehr da“, betont Hoscheit. Jede Gewerkschaft wäre in einem solchen Fall auf die Barrikaden gegangen, betont er.

In einer nächsten Phase, November 2010, betonte die zuständige Ministerin gegenüber den Autoren, dass sich ihre Behörde dafür engagiere, unabhängig von der tatsächlichen Auflage, den festgelegten Betrag für 10.000 Exemplare an die Autoren auszuzahlen. „Bei 1.000 Exemplaren, waren es 7,80 Euro pro Seite, bei 1.000 bis 2.000 Stück das Doppelte, und bei 2.000 bis 3.000 Exemplaren gab es 15 Euro Honorar. Teilt man diese 15 Euro mit dem Verleger, bleibt die Hälfte für den Autor übrig.“ Dabei passierte der angeprangerte Vertragsbruch, so Hoscheit: Ohne mit den Verlegern zu teilen, hätten die Autoren mehr bekommen, als nach der Erhöhung der Summe pro Seite und nach der Honorarspaltung für die Editoren.

Mangelnde Wertschätzung

Ob es den Schriftstellern nur ums Materielle ginge, so die Frage an Jhemp Hoscheit, immerhin nimmt die Erklärung des vertraglichen Hick-Hacks mit dem Ministerium den größten Teil seines offenen Briefes ein. Oder geht es den Schriftstellern hauptsächlich um Luxemburgs Literatur? „Es geht um beides!“, so die kategorische Antwort Hoscheits. „Man könnte meinen, dass es den Autoren nur ums Geld geht. Nein! Ich habe in meinem Brief genau erklärt, dass es für die Gesellschaft wichtig ist, eine Anthologie mit Luxemburgischen Texten zu haben.“

Der Autor gibt zu, dass man den falschen Eindruck bekommen könnte, da der Aufbau seines Briefes zunächst mit dem finanziellen Problem beginnt und erst dann die Gründe für die Existenz eines solchen Werkes erläutert werden. „Wenn ein Schriftsteller 3,72 Euro bekommt, hat er Recht sich aufzuregen. Es geht uns nicht um das ‚große Geld‘, sondern um die Anerkennung der kreativen Arbeit eines Schriftstellers hier in Luxemburg!“ Sein Beruf werde hierzuland geringfügig anerkannt, prangert er an.

Schriftsteller unter Druck

Die Entscheidung des Bildungsministeriums vom April 2011, die Anthologie doch nicht zu veröffentlichen, könne man in der Tat als ein Druckmittel auf Schriftsteller und Verleger verstehen, erklärt der Französischlehrer. Das Problem sei vielmehr, dass das Bildungsministerium nicht ehrlich gegenüber den Autoren sei. „Die Ministerin sagt nicht, sie (die Anthologie, Anm. der Redaktion)ist zu teuer. Sie sagt, die Programmkommissionen sind nicht mit dem Werk einverstanden.“ Eine glatte Lüge sei diese Behauptung, ärgert er sich. Die Programmkommission für Deutsch habe, so O-Ton Hoscheit, „die Anthologie gar nicht zu lesen bekommen!“

Außerdem, bemängelten die Behörden, die ausgesuchten Texte aus 150 Jahren Luxemburger Literatur seien veraltet und nicht mehr den Bedürfnissen der heutigen Schülern und Lehrern entsprechend, ärgert sich Jhemp Hoscheit.