KinoPolnisches Nationalepos in Ölfarbe: „The Peasants“

Kino / Polnisches Nationalepos in Ölfarbe: „The Peasants“
Kein Gemälde, sondern ein Film: „The Peasants“ Quelle: imdb.com

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Gefeiert, rausgeschmissen, gestreamt: die bewegte Geschichte von „The Peasants“ von Dorota Kobiela und Hugh Welchman.

Das Künstlerpaar Dorota Kobiela und Hugh Welchman hat sieben Jahre nach „Loving Vincent“ einen neuen Film veröffentlicht – „The Peasants“, nach der polnischen Romanvorlage von Władysław Reymont. Obwohl bereits bei seiner Weltpremiere in Toronto überaus wohlwollend empfangen, wurde dieser Kraftakt filmischer Animationskunst in Luxemburg nach nur drei Wochen aus dem Kinoprogramm genommen. Mit der Blu-ray-Erscheinung Ende Juni in England erlebt dieser außergewöhnliche Film nun bereits seine Zweitauswertung, so auch auf dem Streamingportal Sooner – während er beim Filmfest München kürzlich seine Deutschlandpremiere feierte.

Mit „Chłopi“, den „Bauern“, hat Władysław Reymont 1904 Polen das Nationalepos geschenkt – 1924 mit dem Literaturnobelpreis für nur dieses monumentale Werk ausgezeichnet, wurde weitläufig ersichtlich, dass er einen Roman von Weltrang geschaffen hat, der in Westeuropa wenig bekannt ist. Die Schilderung der polnischen ruralen Lebens- und Naturverhältnisse sind in dem absoluten Willen zum Detail nahezu plastisch und sinnlich intensiv. Reymonts Gesellschaftspessimismus ist Ausdruck einer tief verankerten Religiosität der osteuropäischen Kultur im ausgehenden 19. Jahrhundert. Es ist die Bauerngemeinschaft, die die Stabilität und die Sicherheit gewährt, eine Gemeinschaft, an der der Einzelne aber zerbrechen mag. Egal, ob man da Bezüge zu literarischen Werken des Naturalismus oder noch des Realismus, zu Gustave Flaubert oder Theodor Fontane erschaffen möchte – der Modernismus von Reymonts Werk ist unbestreitbar.

Freigeist, aber auf das Aussehen reduziert

Die Handlung ist zunächst hinreichend feministisch, um sie in dieser modernen filmischen Adaptation neu aufzulegen: Die Verfilmung folgt hauptsächlich der jungen und schönen Jagna (Kamila Urzedowska), die in einem kleinen, von Klatsch und Tratsch geprägten polnischen Dorf lebt. Jagna ist sowohl freigeistige Künstlerin als auch gutmütige Tierpflegerin, wird aber wegen ihrer Schönheit von den patriarchalischen Dorfbewohnern zu Unrecht schikaniert. Ihrer Meinung nach kann Jagna nichts anderes mit ihrem guten Aussehen anfangen, als sich heimlich mit allen Männern des Dorfes zu vergnügen. Dabei hat sie nur Augen für Antek (Robert Gulaczyk), einen verheirateten Mann, der leidenschaftlich in sie verliebt ist. Doch die Dinge nehmen eine beunruhigende Wendung, als die beiden eine heimliche Affäre beginnen, während Jagnas gierige Mutter sie in eine Ehe mit dem viel älteren, aber wohlhabenden Witwer Maciej Boryna (Miroslaw Baka) drängt, der obendrein noch Anteks Vater ist.

Ist in dieser melodramatischen Zuspitzung oder noch dem Zuschnitt auf die Erlebnisperspektive der Jagna der ganze Sinngehalt von Reymonts Roman hinlänglich getroffen? Sicherlich nicht. Umreißen lässt sich da vielleicht schon eher der beachtliche Umfang der Adaption durch das Künstlerduo Welchman, die das Projekt ganzheitlich als gemeinschaftlichen und handwerklichen Kraftakt verstehen: „The Peasants“ wurde über einen Zeitraum von fünf Jahren in der Technik der gemalten Animation produziert, ähnlich wie der vorherige Film „Loving Vincent“, der, einer Kriminalgeschichte gleich, die Umstände des Todes des berühmten Malers Vincent van Gogh in dessen unverwechselbarem Malstil nachzeichnete.

 Quelle: imdb.com

Animiertes Ölgemälde

Zunächst wurde der Film mit den Schauspielern im Live-Action-Verfahren gedreht, um dann von mehr als hundert Malern in vier Studios in Polen, Litauen, der Ukraine und Serbien in mehr als 40.000 aufwendig erstellten und animierten Ölgemälden animiert zu werden. Insgesamt sollen über 200.000 Arbeitsstunden in das Projekt geflossen sein. In dieser sehr eigenwilligen Zusammenführung aus Realspielfilm und malerischer Animation ist sicherlich ein streitbarer Punkt getroffen, der diesem Hybridwerk zwangsläufig inhärent ist; der schiere Aufwand und die Kunstfertigkeit der Produktion indes suchen ihresgleichen. Ja, wer künftig von der großen Animationskunst im Film sprechen will, kann von „The Peasants“ nicht schweigen.

Aber es ist mehr noch das Spannungsverhältnis aus kollektiver Konstanz und individuellem Hoffen, das diesem Stoff die zeitlose Wirkungsmacht verleiht. Kamila Urzedowska gibt diese Jagna mit einer komplexen Feinfühligkeit: In äußerster Zurückhaltung bringt sie einem die resolute Standhaftigkeit und die innere Zerbrechlichkeit der Figur nahe – da ein Wimpernschlag, hier ein Augensenken und in ihr bewegt sich eine Welt, ja, man möchte meinen, sie sei die Gestalt gewordene Empfindsamkeit. „The Peasants“ erzählt schließlich von einer weiblichen Emanzipationsgeschichte, die nur zum Scheitern verurteilt sein kann – nicht die Gefühle sind es, die das Diktat der Handlung bestimmen, sondern das Land. Es ist die Erde, die die sozialen Umstände ausmacht.

200.000


Mindestens 200.000 Arbeitsstunden sind in den Film „The Peasants“ geflossen

In eindrücklichen Panoramaeinstellungen, die den Ölgemälden des polnischen Malers Józef Chełmońskis nachempfunden sind, wird die nahezu zwanghafte Unterwerfung unter die Gegebenheiten der Jahreszeiten bebildert. Sie sind es, die das Geschehen letztlich strukturieren und bestimmen; die Jahreszeiten wirken ebenso auf die Mentalität des Bauernvolks ein, das von der Ernteeinfuhr und dem rituellen Zeremoniell abhängig ist, wie sie es letztlich sind, die die böswillige Zuträgerei befeuern. Doch diese Jagna will mehr vom Leben – an einem Ort und zu einer Zeit, wo die Frau ein Stück Land ist, gehandelt und verkauft wird. Ihr hoffnungsvolles Warten auf bessere Zeiten und ihr Wunsch nach Selbstbestimmung sind letztlich so schmerzhaft naiv, wie der Mentalitätswandel der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen ist.

Nur das Land bleibt, es steht da wie eine unumstößliche Gewissheit, nur der ewige Wandel der Jahreszeiten und die Wiederkehr der immergleichen christlichen Riten ist gewiss. So fatalistisch diese Erzählung um die starre Gewalt der Konvention und der diffusen Eigeninitiative auch ist, so überaus dramatisch die Wendepunkte sich auch gestalten, Dorota Kobiela und Hugh Welchman binden sie in einer formalästhetischen Übertragungsleistung aus rauschhaften Farbenreigen, entfesselten Kameraschwenks und besonders lokalgefärbten Tanzmusikeinlagen. In dieser hypnotischen Verschmelzung von Bild und Ton ist die reiche Textur dieses Filmes geschaffen, der trotz seines überaus starken Lokalkolorits über die Ölzeichnungen seinen abstrahierenden und zeitlosen Status beständig inszeniert.

Ab sofort in deutschen Kinos und auf sooner.lu zu sehen.